Mittwoch , 26. September 2018
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Mit 8,6 Prozent Ökoanbau gehört der Landkreis Lüneburg zu den drei Spitzenreitern in Niedersachsen. In den letzten Jahren allerdings stellten nur noch wenige Betriebe neu um. Nun wagen wieder mehr Bauern den Schritt in den Ökolandbau. Einer von ihnen ist Axel Schröder. Foto: phs

In Zukunft Öko

Barnstedt. Er hatte die Fahrt schon hunderte Male gemacht, doch an diesem einen Tag war etwas anders. Axel Schröder steuerte seinen Trecker durchs Dorf, er hört e, wie die angehängte Pflanzenschutzspritze über den Asphalt rumpelte, sah die Menschen, die ihm hinterher schauten, und fragte sich, was die wohl denken über ihn. Ob sie ihn leise als Giftspritzer beschimpfen? Ihm die Schuld am großen Insektensterben geben? Er seufzte und schob die Gedanken beiseite. Die Zweifel aber kamen von da an immer wieder – solange, bis Schröder eine Entscheidung traf.

Raus aus der konventionellen Landwirtschaft, rein in den Ökolandbau. Der Plan steht seit Dezember. Die ersten Flächen hat Schröder bereits umgestellt, auf anderen setzt er noch ein letztes Mal Chemie ein. Der Abschied fällt ihm leicht, obwohl er über Alternativen zu Glyphosat und Co. nie etwas gelernt hat. Nicht in seiner Kindheit auf dem Hof, nicht in der Lehre, nicht im Studium. Ökologische Landwirtschaft ist für den Diplom-Agraringenieur Neuland oder wie er es nennt: „eine wunderbare Herausforderung“.

Ein neuer Bio-Boom

Auch andere Landwirte im Landkreis Lüneburg wagen derzeit den Schritt in den Ökolandbau. Wie viele es genau sind, kann aktuell zwar weder die Landwirtschaftskammer noch das Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen genau sagen, doch Harald Rasch vom Bioland-Verband bestätigt: „In der Region Lüneburg ist gerade einiges in Bewegung.“ Ein neuer Bio-Boom, nachdem hier in den letzten Jahren verhältnismäßig wenig Landwirte umgestellt haben? Rasch drückt es anders aus: „Im Ökolandbau sind die Bedingungen derzeit einfach super.“

Hohe Nachfrage, gute Preise, attraktive Förderbedingungen und das Gefühl, als Biobauer der bessere Bauer zu sein, Argumente, von denen sich derzeit immer mehr Landwirte überzeugen ließen, sagt Rasch. „Vor allem Ackerbauern stellen um“. Ackerbauern wie Axel Schröder.

„Wieder ein Feld mehr“

Der Barnstedter sitzt in seinem Trecker, draußen steht die Luft, drinnen kühlt die Klimaanlage. Er fährt durchs Weizenfeld, auf dem Bordcomputer ist die Spritze zu sehen. 36 Meter lang, 6000 Liter Fassungsvermögen, Kaufpreis 110.000 Euro. Ein Mittel gegen Pilze regnet aus den 72 Düsen auf die Weizenähren. Vorsorge-Behandlung. Als Schröder nach 20 Minuten das Feld wieder verlässt, macht er in Gedanken einen Haken. „Wieder ein Feld mehr“, sagt er. „Wieder ein letztes Mal Spritzen weniger.“

Wie Ackerbau ohne den Einsatz von Chemie gelingen kann, beobachtet Axel Schröder schon seit Jahren. Die Biohöfe aus Oldendorf im Kreis Uelzen wirtschaften rund um Barnstedt ökologisch, „daran konnte ich sehen, dass es geht“, sagt er. Selbst umgestellt hat er trotzdem lange nicht, „für die Entscheidung mussten erst einige Dinge zusammenkommen“. Im letzten Jahr war es dann soweit: Zu dem unguten Gefühl, mit der Pflanzenschutzspritze durch Barnstedt zu fahren, kam der Frust über schlechte Erntebedingungen, miserable Preise, Überproduktion und den „immerselben Trott“. Außerdem war Schröder überzeugt: Der Ökolandbau bietet die besseren Perspektiven.

Austausch mit Ökobauern

Er suchte den Austausch mit Ökobauern, fuhr zu Infoveranstaltungen, ließ sich vom Bioland-Verband beraten. „Meine Frau kauft ohnehin fast nur Bioprodukte und selbst mein Vater war angetan vom Öko-Plan.“ An einem Tag im Dezember war Schröder soweit, zu sagen: „Ich mach‘s!“ Den Risiken zum Trotz.

Seinen Schwerpunkt will er auch in Zukunft auf die Kartoffel legen, zusätzlich Getreide, Zuckerrüben, vielleicht Karotten und Soja, auf jeden Fall Leguminosen, Erbsen und Bohnen anbauen. Das Unkraut wird er mit Hacke und Striegel statt mit der Spritze bekämpfen, Mineraldünger durch Mist ersetzen, trotzdem von allem nur noch die Hälfte „oder auch nur ein Drittel“ ernten. Dafür spare er im Jahr rund 150 000 Euro für Pflanzenschutz und Mineraldünger, „gleichzeitig verfahre ich bei der Unkrautbearbeitung aber auch mehr Sprit und zahle mehr fürs Saatgut.“ Am Ende der Rechnung, hofft er, steht trotzdem ein Plus. „Denn allein ein gutes Gefühl ernährt keine Familie.“

Zwei Jahre dauert die Umstellung, 2021 wird er das erste Mal offiziell anerkannte Bio-Ware ernten. Für ihn, glaubt Schröder, ist das die Zukunft. Und zwar eine, in der er durchs Dorf fahren und den Leuten zuwinken kann. Mit gutem Gefühl.

Von Anna Sprockhoff

2 Kommentare

  1. Letztendlich ist der „konventionelle“ Anbau mit Hilfe von Monsanto und Bayer wirtschaftlich weltweit nur für die Aktionäre interessant. Viel zu viele Verdachtsmomente bei Insektensterben und Krankheiten werden mit diesen Mitteln in den Zusammenhang gebracht. Aber mit Zusätzen für Veganfood hat die Chemieindustrie auch zukünftig genug zu tun.

  2. Eine gute Nachricht, viel Glück und Erfolg Herrn Schröder und Familie!
    So wie bisher in der konventionellen Landwirtschaft dauert es wirklich nicht mehr lange, dann ist Boden, Grundwasser, Tier- und Pflanzenwelt und letztlich auch die menschliche Gesundheit zu Grunde gerichtet. Für das Wachstum der Zukunft muss nachhaltige Qualität viel stärker in den Blick genommen und nicht mehr rein in der Menge gesucht werden.
    Und mit regionaler Direktvermarktung lassen sich auch gute Preise erzielen, die Leute wissen gesunde und naturverträglich hergestellte Lebensmittel vom Bauern des Vertrauens zu schätzen. Da hat sich in der Gesellschaft einiges getan.