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Förster Sönke Meyer findet immer wieder im Wald illegal entsorgten Grünschnitt aus Gärten, so wie diese abgesägte Konifere. (Foto: kre)

Angriff auf das Ökosystem

Embsen/Wettenbostel. Sönke Meyer ist Förster: Logisch, dass, sich der Revierleiter mit Bäumen bestens auskennt. Das ist schließlich sein Beruf! Ob Eiche, Buche, Fichte, Kiefer oder Küstentanne, Sönke Meyer erkennt sie alle. Sein botanisches Wissen ist damit aber noch lange nicht erschöpft: Meyer kennt sich auch bestens mit Zier- und Gartenpflanzen aus – notgedrungen: Denn auch die wachsen und gedeihen mittlerweile im Wald. Obwohl sie da nicht hingehören. Zu Meyers Revierförsterei gehört auch der Forstort Embsen. Ein Teil des Waldes grenzt hier direkt an die Bebauung. Und so mancher Gartenbesitzer nutzt offenbar die Gelegenheit, seine Grünabfälle im Wald zu entsorgen. Mit fatalen Folgen: Denn die illegal entsorgten Pflanzenteile bringen das sensible Ökosystem Wald aus dem Gleichgewicht.

Sönke Meyer hat die LZ zu einem besonderen „botanischen Spaziergang“ eingeladen: Und der Waldexperte muss auch nicht lange suchen, um am Waldesrand die ersten Pflanzen zu finden, die dort nicht hingehören: „Das ist Contoneaster“, erklärt Sönke Meyer – eine flachwüchsige, immergrüne Bodendecker-Zwergmispel. Wo dieser Bodedecker sich ausbreitet, haben andere Pflanzen keine Chance mehr.

Bodendecker breiten sich ungehindert aus

Einige Meter weiter hat sich die Gewöhnliche Mahonie im Wald breit gemacht und gedeiht prächtig. Sie gehört zur Gattung der Berberitzen und kommt ursprünglich aus dem westlichen Nordamerika. Als Ziergehölz ist sie in Parks und Gärten anzutreffen – „im Wald aber hat sie nichts zu suchen“, ärgert sich Meyer. Und so geht es munter weiter. Meist verraten schon Trampelpfade im Wald den Weg zu den illegalen Abfallplätzen, vorbei an der Silberblättrigen Goldnessel, die sich wie ein großer, dichter Teppich am Waldboden ausbreitet. „Die ehemals artenreiche Vegetation wird durch den Gartenbodendecker nach und nach verdrängt“, mahnt der Förster.

Oft reichen schon wenige Pflanzenteile, die – als Grünabfall illegal im Wald entsorgt – zu neuem Leben erwachen und dann zur Plage werden. Die Verbreitungsstrategie der Silberblättrigen Goldnessel etwa ist so simpel wie erfolgreich: Jede Einzelpflanze bildet an den Langtrieben zahlreiche neue kleine Pflänzchen, die den Waldboden nach freien Stellen „absuchen“, um dort selbstständig einzuwurzeln. Nach diesem Schneeballprinzip kann eine einzelne Pflanze innerhalb kürzester Zeit eine freie Fläche vollständig für sich einnehmen. Über Stellen im Waldboden, in denen die Pflanze keine Wurzeln schlagen kann, weil dort zum Beispiel große Steine liegen, schieben sich die Ausläufer einfach hinweg, um hinter diesem Hindernis Fuß zu fassen.

Heimische Arten werden verdrängt

„Mit den Gartenabfällen landen auch immer mehr Nährstoffe im Wald“, warnt Meyer und erklärt: „Als Folge vermehren sich stickstoffliebende Pflanzen, wie die Brennnessel oder Brombeersträucher und verdrängen die standorttypischen Arten, etwa die Blaubeere.“ Hinzu kommt: Wo sich Gras- und Strauchschnitt am Waldrand türmen, ersticken die anderen Pflanzen und die verrottenden Gartenabfälle belasten den Boden und das Grundwasser. Das Entsorgen von Gartenabfällen im Wald ist deshalb auch kein Kavaliersdelikt. Die Müllsünder verstoßen gegen das Naturschutzrecht, gegen das Abfallbeseitigungsgesetz und auch gegen das Landschaftsschutzgesetz. Mit anderen Worten: Wer erwischt wird, für den kann es richtig teuer werden.

Doch statt auf Strafe setzt Förster Meyer auf das Gespräch und die Einsicht: „Ich appelliere an die Vernunft und das Verantwortungsgefühl der Menschen für die Umwelt“, erklärt der Förster. Und er erinnert daran, dass sich Grünabfälle bestens im eigenen Garten kompostieren lassen. Wer das nicht kann oder will, für den gibt es die Grünabfallsammlung durch den kommunalen Entsorger GfA. Nur den Rasen- und Obstbaumschnitt im Wald zu entsorgen – das geht überhaupt nicht.

Von Klaus Reschke