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Die Mutter des getöteten Babys zusammen mit ihrem Verteidiger Ulrich Albers in Saal 21 des Landgerichts. Sie äußert sich nicht zum Mordvorwurf, Albers fordert ein psychologisches Gutachten. Foto: lz/phs

Blut auf Messern stammt von der Mutter

Lüneburg. „Ein gelbes Messer mit sehr, sehr viel Blut“ und ein zweites Messer, das ebenfalls Blutanhaftungen aufwies, belasten die 24 Jahre alte Frau, die wegen Mordes an ihrer etwa vier Monate alten Tochter angeklagt ist: Laut einer DNA-Expertin vom Landeskriminalamt Hannover, die gestern als Gutachterin am Landgericht Lüneburg auftrat, weisen beide Messer DNA-Spuren von Mutter und Tochter auf.

Mit Messer den Kopf abgetrennt

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die aus Eritrea stammende 24-Jährige irgendwann zwischen dem 12. und 31. Dezember in ihrer Soltauer Wohnung das Baby erstickt und ihm dann „mit einem scharfen Messer den Kopf abgetrennt hat, um sich an dem Kindsvater zu rächen“ – eine Rache für ihr gegenüber verübte Gewalttätigkeiten. Sie selbst schweigt zu den Vorwürfen.

Die DNA-Expertin aus Hannover sagte auch klar, dass es keinen Zweifel an der Vaterschaft des 27-Jährigen gibt. Der aus dem Sudan stammende Mann und die Angeklagte hatten sich auf einem Flüchtlingsboot auf der Fahrt von der Türkei nach Griechenland kennengelernt und lebten später gemeinsam in der Soltauer Wohnung.

Er hatte ausgesagt, dass es zwischen ihr und ihm häufiger zum Streit gekommen sei und die Frau die Polizei alarmierte und ihn fälschlicherweise als Gewalttäter darstellte. Zuletzt am 26. Dezember 2016, da habe man sich nach einem Streit und einem Polizeibesuch in der Wohnung getrennt.

Eine Polizeibeamtin, die beim Einsatz am 26. Dezember dabei war, sagte gestern: „Ich würde sagen, das Kind hat gelebt. Das Baby hatte große Kulleraugen, aber es gab keine Schreie oder andere Äußerungen.“ Die Mutter habe es die ganze Zeit über auf dem Arm gehabt.

Wann wurde das Kind getötet?

Wie berichtet, versucht die 4. große Strafkammer, den Todeszeitpunkt einzugrenzen. So wurde gestern auch ein Bekannter des Flüchtlingspaares gehört, der Mann will die Frau noch am 30. Dezember samt Kinderwagen und Baby in Hannover gesehen haben. Anfang Januar wurde es tot in der Soltauer Wohnung aufgefunden.

Unterdessen beantragte Verteidiger Ulrich Albers, eine neue Sachverständige für ein testpsychologisches Gutachten einzuschalten. Der aktuelle psychia­trische Gutachter hatte eingeräumt, eine emotionale Persönlichkeitsstörung bei der Angeklagten nicht bestätigen zu können, da die Sprachbarrieren zu hoch gewesen seien und auch der Dolmetscher Probleme bei der Übersetzung der in Äthiopien gesprochenen amharischen Sprache gehabt habe. Albers favorisiert eine Gutachterin aus Bremen, die mit dem Amharischen und der Kultur in Eritrea und Äthiopien vertraut sei.

Krankhafte, instabile Persönlichkeitsstörung

Sein Ziel: Das neue Gutachten könne zeigen, dass die 24-Jährige eine krankhafte, instabile Persönlichkeitsstörung habe und ihre Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit erheblich beeinträchtigt oder sogar ganz aufgehoben gewesen sei. Sie sei von ihren Eltern in Eri­trea an eine Familie in Äthiopien abgegeben worden, sei dort „wie Aschenputtel“ ausgenutzt und total vernachlässigt aufgewachsen. Sie sei mehrfach sexuell misshandelt worden.

„Sie lebt in ständiger Angst vor dem Teufel und vor Geistern“, sagt Albers. Zeugen hätten im Prozess immer wieder von Stimmungsschwankungen bei der Frau berichtet. In der Justizvollzugsantsalt Vechta sei sie durch selbstzerstörerische Handlungen aufgefallen, habe ihren Kopf mehrfach gegen die Zellenwand geschlagen. Und die Hauptverhandlung verfolge sie unter dem erheblichen Einfluss sedierender Medikamente. Das neue Gutachten soll klären, ob eventuell eine hirnorganische Krankheit vorliegt.
Die 4. Strafkammer hat inzwischen zusätzliche Prozesstermine bis zum 20. Dezember bekanntgegeben.

Von Rainer Schubert