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Heike und Willi Sinn in ihrem Esszimmer. Das alte Bauernhaus ist mehr als 400 Quadratmeter groß und das Ehepaar macht sich Gedanken darum, wie sie ihr Leben organisieren sollen, wenn es ihnen mal nicht mehr so gut geht. (Foto: t&w)
Heike und Willi Sinn in ihrem Esszimmer. Das alte Bauernhaus ist mehr als 400 Quadratmeter groß und das Ehepaar macht sich Gedanken darum, wie sie ihr Leben organisieren sollen, wenn es ihnen mal nicht mehr so gut geht. (Foto: t&w)

Zu viel Haus fürs Alter

Lüneburg. Willi Sinn ist 78 und noch nie in seinem Leben umgezogen. Als Sohn einer Wirtsfamilie ist er 1939 in einem Bauernhaus am Dorfrand geboren. Und wenn es nach ihm ginge, würde er dort leben, bis er eines Tages stirbt. Genau wie seine Eltern, im Kreise seiner Liebsten.

Das Problem: Seit die drei Kinder ausgezogen sind, leben Willi Sinn und seine Frau Heike allein auf mehr als 400 Quadratmetern. Und immer häufiger quält den Rentner die Frage, wie das auf Dauer gut gehen soll. „Die Kinder haben in Berlin ihr eigenes Leben und wollen nicht zurück“, sagt er. „Und ich habe keine Ahnung, was wir machen, wenn wir mal nicht mehr alleine können.“

Es ist eine Frage, vor der im demografischen Wandel immer mehr Menschen stehen. Was tun mit dem Haus, das nach dem Auszug der Kinder viel zu groß geworden ist? Wie vorsorgen für den Fall, dass es alleine nicht mehr weitergeht? Edda Hermann-Lichtenberg vom Senioren- und Pflegestützpunkt Lüneburg rät ihren Kunden: „Kümmern Sie sich rechtzeitig! Und wenn Sie umziehen wollen, tun Sie es, solange Sie das neue Zuhause genießen können!“

Nur Gedankenspiele

Auch Heike Sinn, 66, hat darüber nachgedacht. Das Haus zu verkaufen und neu anzufangen in einer barrierefreien Wohnung in Stadtnähe. „Ein Gedankenspiel“, sagt sie. Doch das allein hat genügt, um ihren Mann in Panik zu versetzen. „Ich in so ‚ner kleinen Stadtwohnung“, sagt er, „ohne meinen Wald, die Jagd, unseren Garten. . .“ Er schüttelt den Kopf. „Das wird nichts.“

Der ehemalige Versicherungskaufmann weiß, dass der Tag der Entscheidung kommen wird. Und er ist sich bewusst: Es wäre vernünftig, sich jetzt schon darum zu kümmern. „Doch im Moment bin ich nicht bereit dazu“, sagt er. „Außerdem weiß ich einfach nicht, wie es gehen soll.“ Er zuckt die Achseln und lächelt seiner Frau zu. Sie lächelt zurück und sagt: „Wird schon!“ Beide hoffen, verdrängen und machen weiter wie gewohnt. Das einzige, was sie bereits geändert haben: Er hat seine Fischteiche verkauft, sie einmal die Woche eine Putzfrau engagiert.

Doch es ist nicht allein die emotionale Bindung ans Haus, die das Paar daran hindert zu handeln. Es fehlt auch an Alternativen. „Hier, wo wir alle unsere Freunde haben, gibt es ja nichts“, sagt Heike Sinn. Die seniorengerechten Wohnungen, barrierefreien Wohnanlagen und Senioren-Wohnprojekte, die im Kreis Lüneburg infrage kommen, sind fast alle in der Stadt oder im direkten Stadt-Umfeld. Ein Problem, das auch Edda Hermann-Lichtenberg in ihrer Arbeit beim Senioren- und Pflegestützpunkt immer wieder begegnet: „Wenn die älteren Menschen auf dem Land sich für einen Umzug in eine Senioren-Wohnanlage entscheiden, dann ist das oft auch mit einem Verlust des sozialen Umfelds verbunden.“

Hinzu kommt: Alle bestehenden Einrichtungen sind in der Regel voll, „die Wartezeiten für einen Platz oder eine Wohnung liegen aktuell zwischen sechs Monaten und zwei Jahren“, sagt Hermann-Lichtenberg. Täglich erhalte sie Anrufe von Senioren, die nach einem geeigneten Platz zum Wohnen suchen. „Da muss etwas passieren! In der Stadt, aber auch auf den Dörfern. Und: Es müssen Angebote geschaffen werden, die auch Menschen mit wenig Geld bezahlen können!“

Zwei, die den Schritt in ein neues, seniorengerechtes Zuhause vor zwei Jahren geschafft haben, sind Annette und Ortwin Kork. „Mehr durch Zufall“, gesteht sie, „weil das Angebot plötzlich da war.“ In Hohnstorf/Elbe lebte sie mit ihrem Mann im Einfamilienhaus auf 180 Quadratmetern, dazu kamen 1200 Quadratmeter Garten, die Kinder waren lange aus dem Haus. „Dann gab es diese Idee für den Bau seniorengerechter Wohnungen und ich dachte: Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Freiwillig gehen sie nicht

Mit 58 und 73 waren sie und ihr Mann noch fit, „noch konnten wir das wuppen und dafür sorgen, dass am Ende keiner von uns alleine mit dem Haus zurückbleibt“. Ob sie den Schritt gemacht hätten, hätte es das Angebot nicht im Ort gegeben? „Ich weiß es nicht“, sagt sie, „wahrscheinlich hätten wir einfach so weitergemacht.“

Heike und Willi Sinn werden ihr Haus wohl nicht freiwillig verlassen. Vielleicht holen sie sich eines Tages eine Pflegekraft ins Haus. „Vielleicht“, sagt Willi Sinn, „kommt ja doch noch eins der Kinder nach Hause.“ Gesprochen hat er mit ihnen bisher nicht darüber, konkrete Pläne gibt es nicht. Doch die Hoffnung hat Willi Sinn noch nicht ganz aufgegeben.

Von Anna Sprockhoff