Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Friedhof soll auch Lernort werden
Das Mahnmal am Ehrenfriedhof im Tiergarten. (Foto: A/be)

Friedhof soll auch Lernort werden

Lüneburg. Wie schwer die Beurteilung eines angemessenen Umgangs mit dem Ehrenfriedhof im Tiergarten ist, zeigte sich jüngst im gemeinsamen Kultur – und Umweltausschuss der Stadt. Mehr als zwei Stunden diskutierten die Teilnehmer über Wünsche, Varianten und Vorstellungen zur Umgestaltung der Grabanlage für die dort bestatteten Opfer, die bei der Bombardierung eines KZ-Häftlingstransports im April 1945 am Lüneburger Bahnhof ums Leben kamen oder ermordet wurden.

„Wie groß die Stelen und die Infotafeln werden oder wie breit der Gehweg wird, das muss die Stadt selbst entscheiden. Uns ist wichtig, dass die Totenruhe nicht gestört wird“, sagte Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbands jüdischer Gemeinden in Niedersachsen in der Sitzung. Sein Verband war wie auch die Opferverbände Amicale de Neuengamme, Amicale Internationale KZ Neuengamme und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) zuvor um Stellungnahme zu Vorschlägen der Stadt gebeten worden, die diese in Zusammenarbeit mit der eigens hierfür 2013 gebildeten Arbeitsgruppe detailreich ausgearbeitet hatte.

Zurück zu den Einzelgräbern

Als Zwischenergebnis der Arbeitsgruppe und der Gespräche mit den Verbänden präsentierte Stadtbaurätin Heike Gundermann eine aus mehreren Vorgängerversionen überarbeitete Gestaltungsvariante, die im Wesentlichen den Erhalt der sechs Grabreihen, deren stilisierte Aufnahme durch Pflasterbänder auf dem Vorplatz sowie die Abgrenzung des Vorplatzes durch sechs Steinstelen in der Breite der Grabreihen mit den Namen der Bestatteten vorsieht. Im Zentrum soll weiterhin der Gedenkstein mit Inschrift stehen.

„Die Vorstellung, dass dort gefräst, gerodet und mit Wurzel-Ex gearbeitet wird, ist mir gruselig.“
Hiltrud Lotze, SPD

Eine intensive Diskussion entfaltete sich an Vorschlägen, die von der VVN eingebracht wurden. Deren Sprecher Peter Asmussen forderte in der Sitzung nicht nur die Wiederherstellung von Einzelgräbern, er sprach sich auch für die Entfernung der Rhododendron-Büsche über den inzwischen zugewachsenen Grabreihen aus. „Die Friedhofsschändung durch die Vernichtung der Einzelgräber in den 1950er-Jahren muss rückgängig gemacht werden“, forderte Asmussen. Auch sei nicht hinnehmbar, dass Wehrmachtssoldaten und KZ-Aufsehern durch Einzelgräber auf dem Zentralfriedhof mehr Respekt entgegengebracht werde als Nazi-Opfern.

Sensibelste Wahrung der Totenruhe

Doch das Entfernen der hochgewachsenen Rhododendren stellt die Verwaltung laut Gundermann vor erhebliche Probleme. Denn das tief greifende Wurzelwerk der Gewächse könne nicht ohne Störung der Totenruhe beseitigt werden, wie Gutachten ergeben hätten. Ein Punkt, dem neben der VVN auch Thomas Mitschke vom Nabu widersprach, der eine Radikalkürzung und manuelle Wurzelentfernung empfahl.

„Maßstab ist, was die sensibelste Wahrung der Totenruhe ist“, erklärte Gundermann. Weil eine Rodung aus ihrer Sicht mit schwerem Gerät aber Lärm und Erschütterungen auslöse, schlage die Verwaltung vor, die Büsche bis auf eine Höhe von 50 Zentimetern zurückzuschneiden. Der von der VVN erwogene, von ihr aber wieder verworfene Einsatz von Herbiziden werde jedenfalls nicht weiter verfolgt.

Wenig Zustimmung löste auch der Vorschlag von Ralf Gros (Grüne) aus: Statt eines Herbizids empfahl er Kalkstickstoff, der zu einer Überdüngung und einem Absterben der Pflanzen führe.
„Die Vorstellung, dass dort gefräst, gerodet und mit Wurzel-Ex gearbeitet wird, ist mir gruselig“, sagte Hiltrud Lotze (SPD). Auch teile sie die Auffassung der VVN nicht, die Würde eines Toten hänge von der äußeren Erscheinung einer Grabstätte ab. Gleichwohl begrüße sie den Ansatz, den Friedhof auch zu einem Lernort für die jüngeren Generationen zu machen.
Wolf von Nordheim (Grüne) mahnte, „Fehler nicht durch neue Fehler zu korrigieren“, gleichwohl gelte aber auch für ihn die Totenruhe als höchster Maßstab.

Historiker-Gruppe und Kulturausschuss erarbeiten Hinweistafeln

Sonja Jamme (CDU) sieht in der Ausrichtung auf einen Lernort auch eine Aufwertung des Friedhofs, „eine Rodung ist aber auch für unsere Fraktion nicht hinnehmbar“.

Ausschussvorsitzende Birte Schellmann (FDP) betonte den besonderen Reiz des abgeschiedenen Friedhofs und lehnte den Einsatz von Kalk oder Planen zur Abdeckung der Gräber ab. Ihr schloss sich auch ihr Fraktionskollege Frank Soldan an, der dafür warb, nicht wieder fünf Jahre bis zur Fertigstellung ins Land gehen zu lassen.

David Amri (Linke) regte die stärkere Herausarbeitung der einzelnen Grabreihen an und fand damit auch Zustimmung von der Verwaltung. Sie sicherte zu, dies im Rahmen des Rückschnitts zu prüfen.

Ulrich Blanck (Grüne) äußerte Verständnis für die Forderung der VVN, „aber nicht durch den Bruch jüdischer Traditionen“. Er regte an, das weitere Vorgehen während der Umsetzung zu prüfen.
„Die Wiederherstellung eines früheren Zustands ist nicht möglich“, sagte Friedrich von Mansberg (SPD) und appellierte, den Blick nach vorn „auf die Menschen von heute“ zu richten.
Am Ende stimmte der Doppel-Ausschuss einstimmig der Umsetzung der von der Stadt vorgeschlagenen Variante zu. Die Erarbeitung erläuternder Tafeln soll durch eine Historiker-Gruppe in Zusammenarbeit mit dem Kulturausschuss erfolgen.

Von Ulf Stüwe