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Auch in Lüneburg haben Hebammen in den vergangenen Jahren immer wieder durch Aktionen und Demonstrationen – wie hier vor dem Rathaus – auf die zunehmend schwieriger werdenden Rahmenbedingungen ihres Berufes hingewiesen. (Foto: A/t&w)
Auch in Lüneburg haben Hebammen in den vergangenen Jahren immer wieder durch Aktionen und Demonstrationen – wie hier vor dem Rathaus – auf die zunehmend schwieriger werdenden Rahmenbedingungen ihres Berufes hingewiesen. (Foto: A/t&w)

Verzweifelte Hebammen

Lüneburg. Freiberufliche Hebammen werden vor immer größere Hürden gestellt, sie stoßen sich an schlechten Arbeitsbedingungen, nervenaufreibender Bürokratie und permanent steigenden Kosten. So haben sich die Gebühren für die Haftpflichtversicherung seit 2002 mehr als verzehnfacht (LZ berichtete). Doch die Kritik geht weiter, das wird in einem Appell deutlich, den Lüneburger Hebammen unterstützen. Aufgesetzt wurde dieser von einer Hebamme aus Tübingen, einem Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe aus Dresden, einem Pränatalpsychologen aus Dossenheim und einem Bonner Neonatologen.

Eine der Unterstützerinnen ist Maike Burda, sie ist seit mehr als zehn Jahren als freiberufliche Hebamme in Lüneburg tätig, hat unter anderem das Geburtshaus mitaufgebaut. Ein zentrales Prob­lem sieht die dreifache Mutter im Personalschlüssel. „Nicht jede Frau hat im Kreißsaal eine ­Hebamme an ihrer Seite. An vollen Tagen ist man für drei bis vier Frauen gleichzeitig zuständig“, moniert sie. „Studien belegen: Je größer die Klinik ist, desto mehr Frauen beklagen diese Unzufriedenheit.“ Häufig seien Mütter in der Folge gar traumatisiert.

Probleme sind seit Jahren bekannt

Die Politik marschiere seit Jahren in Richtung Zentralisierung der Geburten, immer mehr kleinere Kliniken würden schließen, Familien seien gezwungen, immer weitere Wege auf sich zu nehmen. Dabei würden die Auswirkungen für Frauen und Kinder vernachlässigt. „Die Probleme sind seit Jahren bekannt, es wird immer schwieriger und es gibt keine Lösungsvorschläge“, sagt Burda, die den Beteuerungen von etlichen Gesundheitsministern, die Geburt sei der Anfang von allem und schon deshalb so wichtig, keinen Glauben mehr schenkt. „Bisher hat sich nichts wirklich geändert.“

Im Vergleich zu anderen Städten sei Lüneburg zumindest im außerklinischen Bereich noch gut aufgestellt. Dennoch sei die Nachfrage riesig. „Wir müssen fast täglich suchenden und teils verzweifelten Frauen und Familien absagen.“ Problematisch sei vor allem die Nachbetreuung. Denn in den Wochen nach der Geburt seien die jungen Mütter zu Hause auf Hilfe angewiesen, zu klären seien Fragen zur Rückbildung, Wochenbettdepression, Gewichtszunahme des Kindes oder dem Stillvorgang.

Zunahme von Interventionen

Thematisiert wird auch die stetige Zunahme an Interventionen. Der Anteil von Geburten ohne Eingriffe sei gering, dabei könnten diese bei Kindern zu langfristigen Nachwirkungen führen. Ein Drittel des Rückgangs der deutschen Bevölkerung und die zahlreichen Ein-Kind-Familien seien mit der Prob­lematik der „einseitig medizinisch-technischen Orientierung“ zu erklären, heißt es in dem Appell. Die Belastungen durch medizinische Interventionen bei der Geburt seien für einen beträchtlichen Teil der Frauen so gravierend, dass sie nach einer solchen Klinikgeburt auf weitere Kinder verzichten. Tatsächlich könnte die Geburtshilfe aber bei 85 Prozent der Frauen ohne oder zumindest mit wenigen Interventionen auskommen.

Burda sagt, dass Frauen, die sich in großen Kliniken schlechter betreut fühlen, ein größeres Bedürfnis nach Schmerzmitteln haben, bei der Geburt beispielsweise auf eine PDA zurückgreifen. „Dann ist auch ein Venentropf nötig, und die Spirale von Interventionen beginnt“, erläutert die Hebamme. Bei einer vernünftigen Geburtshilfe sei eine Eins-zu-Eins-Betreuung unerlässlich, betont Burda. „Für eine gute Geburt muss man sich wohlfühlen, der Hebamme vertrauen, um dann auch loslassen zu können.“

Wie lange sind Hausgeburten überhaupt noch möglich?

Der Appell verfolge auch das Ziel, die weitreichenden Folgen dieser Entwicklungen aufzuzeigen. „Das geht uns alle etwas an“, sagt Burda. „Meine siebenjährige Tochter hat erst kürzlich zu mir gesagt, dass sie ihr Kind später zu Hause bekommen möchte. Sie hat es bei ihren Geschwistern miterlebt. Da musste ich schon schlucken, wer weiß, ob das dann überhaupt noch möglich ist.“

Von Anna Paarmann