Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Meine neue Mobilität und ich
Wind im Gesicht, Regen auf der Haut - für Jürgen Malisi ist das Freiheit.

Meine neue Mobilität und ich

Lüneburg. Es war der 30. August 2017, fünf Uhr nachmittags. Es passierte, als ich auf dem Rückweg nach Lüneburg war. Mitten in Mecklenburg-Vorpommern. Der Motor meines Autos ging einfach aus. Kapitaler Motorschaden lautete wenige Tage später die Diagnose. Da stand ich nun im Niemandsland. Noch dazu ohne Handy, denn das hatte ich eine Woche vorher verloren. Was jetzt? Wie immer, wenn ich länger unterwegs bin, hatte ich mein Fahrrad dabei. Ich schnallte es vom Fahrradträger, stieg in den Sattel – und da war sie, meine neue Mobilität.

Begegnungen statt Abschottung

Vier Monate lang hatte ich kein eigenes Auto. Und es hat funktioniert. Von Anfang an mangelte es nicht an Angeboten von Freunden, mir ihr Auto auszuleihen: Drei Autos standen mir zeitweise gleichzeitig zur Verfügung – und doch stieg ich meist auf mein Pedelec oder das alte Hollandrad. Denn ich lernte meine neue Freiheit schnell zu schätzen.

Die Verbindungen zur Natur und meiner Umgebung bekamen eine neue Qualität. Statt mich in einer abgeschotteten Kiste über den Feierabendverkehr zu ärgern, genieße ich es, auf dem Fahrrad Regen, Wind, Kälte und Gerüche wahrzunehmen. Im Auto zieht das an mir vorbei. Auf einmal bemerke ich Rehe und Vögel am Wegesrand. Im Auto hätte ich sie entweder übersehen oder verjagt. Ich nehme die Umgebung intensiver wahr, bekomme mit, was in Stadt und Landkreis läuft, weil ich mit dem Fahrrad einfach anhalten kann. Wenn ich einen Bekannten sehe, wenn ein vorbeilaufender Hund mein Interesse weckt, wenn ich mich bei Regen unterstellen will. Manchmal steht dann schon jemand im Bushäuschen, hat vielleicht Tee dabei und ich biete Kekse an. Solche Begegnungen habe ich mit dem Auto fast nie.

Jürgen Malisi auf einer Tour mit seinem Anhänger durch den Wald. Mit dem Anhänger kann er nicht so viel transportieren wie mit dem Auto, aber doch einiges. Foto: Laurin Berger
Foto: Laurin Berger

Eine Übung im Aushandeln und Planen

Für diese Begegnungen musste ich aber ein gutes Stück Bequemlichkeit und Komfort aufgeben: Mit meinem kleinen Plattformanhänger kann ich zwar auch mit dem Fahrrad sperrige Dinge transportieren, aber nicht alles. Für größere Transporttouren muss ich ein Auto organisieren. Das erfordert Zeit und Aushandlung: Wer leiht mir sein Auto? Wie bekomme ich es? Wer zahlt die Tankfüllung? Wer bringt es in die Werkstatt, wenn etwas kaputtgeht? Wenn ich ein Auto gefunden habe, versuche ich, möglichst viele Erledigungen zu verbinden. Seit dem schicksalsreichen Tag im August plane ich meine Tage viel besser.

Für wenig Geld durch Deutschland

Trotzdem fühle ich mich selten eingeschränkt. Im Gegenteil: Meine neue Mobilität macht mich frei. Regenhose und Regenjacke anziehen und los! Auch weite Strecken lassen sich ohne Auto bewältigen. Zwar sehe ich einen guten Freund, den ich früher jede Woche im Wendland besucht habe, mittlerweile seltener. Doch wenn ich will, komme ich mit Bahn und Fahrrad auch nach Mützingen. Längere Touren kann man in Deutschland sehr gut mit der Bahn erledigen. Und sehr günstig, wenn man ein wenig im Voraus plant!

Am Ende habe ich es doch vermisst, mein Auto – die Unabhängigkeit, die Spontanität, den Komfort. Zusammen mit einem Freund habe ich den Wagen gerade wieder fit gemacht, einen funktionierenden, guten Motor eingebaut. Im Moment ist das Auto verliehen und ich will es in Zukunft anders nutzen: bewusster und gemeinsam mit anderen.

Von Jürgen Malisi
Dokumentiert vonTheresa Horbach

Gesagt, getan! In dieser Rubrik von „Was zählt.“, dem Magazin für lebenswerte Zukunft in der Region Lüneburg, schreiben Bürgerinnen und Bürger aus der Region Lüneburg, wie sie ihr Leben verändert haben, um es zukunftsfähiger zu machen. Sie haben auch etwas zu erzählen oder kennen jemanden, dessen Geschichte Sie hier gerne lesen würden? Schreiben Sie uns an redaktion@was-zaehlt-magazin.de .