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Ein Zentrum für Umweltbildung soll im ehemaligen städtischen Hort an der Papenstraße entstehen. Dabei spiet die Idee "Cradle to Cradle" eine maßgebliche Rolle. Foto: t&w

Das Museum der Zukunft

Lüneburg. Abfall gibt es nicht mehr, alles kann wiederverwendet werden, wie im Kreislauf der Natur. Das ist das Prinzip der Idee, zu deren wichtigsten Initiator en der Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart zählt. Der Wissenschaftler will dem Ansatz „Cradle-to-Cradle“, übersetzt „von der Wiege zur Wiege“, in Lüneburg eine Heimat geben. Der 60-Jährige und seine Mitstreiter haben den ehemaligen Hort an der Papenstraße gekauft, das Gebäude soll ein Seminarzentrum werden. Beim Umbau spielen umweltfreundliche Grundsätze der Cradle-to- ­Cradle-Idee eine Rolle. So nennt Braungart das Haus ambitioniert ein „Museum der Zukunft“.

Michael Braungart: Foto: t&w

Wer Braungart zuhört, macht sich mit ihm auf in ein Wunderland. In dem Haus sollen Maler Farben verstreichen, die Bakterien vertilgen. Während die Republik bei der Diskussion über Feinstaubbelastungen in der Luft über Fahrverbote nachdenkt, sagt er: „Die Innenluft in Kinderzimmern ist höher damit belastet als die Max-Brauer-Allee in Hamburg.“ So will er in dem Haus Teppichböden verlegen, die quasi wie ein Magnet wirken und Schadstoffe anziehen. Auch möchte er beispielsweise Stühle mieten. Der Ansatz: Das Material der Sitzgelegenheit ist eben Teil eines Kreislaufs und kommt erneut zum Einsatz. Die Kraft der Sonne soll bei der Wärme- und Energieversorgung eine Selbstverständlichkeit sein.

Er habe ein Lüneburger Architektenbüro eingeschaltet, Ausschreibungen sollen in den kommenden Wochen erfolgen, berichtet der Wissenschaftler. Er geht davon aus, rund 600 000 Euro zu investieren. Allerdings muss nicht alles fertig sein: Manches soll mit dem Haus und seinen Angeboten wachsen und entstehen. Denn er begreift den Komplex auch als Labor.

Kongress-Zukunft in Lüneburg ist ungewiss

Zwar schwärmt Braungart: „Es ist ein wunderbarer Ort, weil es hier so viele Möglichkeiten gibt“, dennoch sieht er Probleme. Das Haus stehe unter Denkmalschutz, es sei schwierig, von der Stadt Unterlagen über vergangene Sanierungen, Um- und Einbauten zu erhalten: „Wurden Materialien eingesetzt, die belastet sind?“

Auf den 376 Quadratmetern Fläche plant der Chemiker Seminare. Dabei möchte er mit Volkshochschule und Universität kooperieren. In der Vergangenheit hat Braungart mit der Leuphana zusammengearbeitet, seine ­Cradle-to-Cradle-Kongresse mit Hunderten Teilnehmern dort abgehalten. Doch ob das so bleibt, scheint fraglich. „Wir haben hier 40 000 Euro für Mieten bezahlt. In anderen Städten sieht das anders aus, die wollen neue Ideen an sich ziehen. In Berlin und Frankfurt werden uns Zuschüsse angeboten.“ Die Stadt, die ja Belegungskapazitäten im Audimax habe, und die Uni könnten enger zusammenarbeiten.

Im September, Oktober will Braungart „erste Dinge an der Papenstraße zeigen“.

Die Idee des Cradle-to-Cradle

„Die Natur kennt keine Abfälle“

Monika Griefahn, ehemalige niedersächsische Umweltministerin, ist die Ehefrau Michael Braungarts und begleitet seine Ideen. Sie hat den Cradle-to-Cradle-Ansatz in der Vergangenheit im Gespräch mit der Landeszeitung mit diesen Worten beschrieben: „Wir wollen eine Welt ohne Abfall. Jedes Produkt sollte so hergestellt sein, dass daraus wieder Materialien für neue Güter gewonnen werden können. Das heißt: Verbrauchs- und Technikgüter sollten so konzipiert werden, dass ihre Substanzen wieder in den Rohstoffkreislauf aufgenommen werden können. Das Cradle-to-Cradle-Konzept orientiert sich am Nährstoffkreislauf der Natur, die kennt keine Abfälle. Ein gutes Symbol ist der Kirschbaum, dessen volle Blütenpracht als Überfluss erscheint. Die abgefallenen Blüten haben wieder eine Funktion, sind Nährstoff für den Boden. Und zu technischen Produkten: In Handys werden Rohstoffe, die als seltene Erden bekannt sind, verbaut. Die Telefone müssten so konzipiert sein, dass die Materialien wiederzubekommen sind, dann haben wir nicht das Problem, dass diese Stoffe irgendwann nicht mehr da sind.“

von Carlo Eggeling

One comment

  1. „In dem Haus sollen Maler Farben verstreichen, die Bakterien vertilgen“ Warum klingt das heute bloss alles so unglaublich kompliziert und akademisch? Früher hat man Innenräume einfach mit Kalkfarbe gestrichen und Lehmputz verwendet; heute staunt man, was für ein Tamtam um „Sustainability“ und „Cradel-to-Cradel“ veranstaltet wird. Die Idee ist ja gut – aber geht es nicht auch etwas einfacher? Wäre Konsumverzicht und das Hinterfragen unserer Wachstums-Ideologie nicht vielleicht auch eine Lösung? Auch bei Frau Griefhahns „grünem“ Engagement ist m. E. möglicherweiseeine Portion Skepsis angebracht, es ist ja allseits bekannt, dass sie ausgrechnet als Managerin bei einem Kreuzfahrt-Unternehmen angeheuert hat …