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Tischlermeister Hubertus Wassermann ist seit 1989 selbstständig und auch ehrenamtlicher Gutachter. Deshalb weiß er, dass viele Kollegen mit der Zahlungsmoral ihrer Kunden schlechte Erfahrungen gemacht haben. Er selbst sei zum Glück aber nicht betroffen. (Foto: be)
Tischlermeister Hubertus Wassermann ist seit 1989 selbstständig und auch ehrenamtlicher Gutachter. Deshalb weiß er, dass viele Kollegen mit der Zahlungsmoral ihrer Kunden schlechte Erfahrungen gemacht haben. Er selbst sei zum Glück aber nicht betroffen. (Foto: be)

Wenn der Handwerker auf sein Geld warten muss

Lüneburg. Die Auftragslage im Handwerk ist ausgezeichnet, die Geschäfte sollten eigentlich boomen. Doch jeder zehnte Kunde eines Handwerksbetriebes zahlt nicht pünktlich, einige sogar gar nicht. Fast vier von fünf Unternehmen sind laut einer Studie der Coface Gruppe, die Unternehmen berät und Wirtschaftsstudien erstellt, von Zahlungsverzögerungen betroffen. Dabei warten die Unternehmer nicht nur auf die ausstehenden Zahlungen, sie müssen auch Kosten für Mitarbeiter und teures Material vorstrecken – das kann für Handwerker dramatische Folgen haben, sie verschulden sich selbst. Beispiele dafür gibt es auch in Lüneburg.

Die Kreishandwerkerschaft Lüneburger Heide hat eine eigene Inkassostelle. „2017 ist sie in 142 Fällen aktiv geworden, in 90 Fällen wurden gerichtliche Mahnbescheide verschickt“, sagt Geschäftsführer Jürgen Böckmann und zieht den Vergleich: „Das war gegenüber 2016 rückläufig, da waren es 182 Fälle und 108 Mahnbescheide.“ Doch das sei nur die Spitze des Eisbergs, Unternehmer würden häufig selbst Inkassounternehmen einschalten oder direkt vor Gericht ziehen. Die Kreishandwerkerschaft könne nur für Innungsbetriebe aktiv werden: „Und selbst klagen dürfen wir nicht.“

Versuchung für Verbraucher groß

Betroffen seien vor allem die Bereiche Bau, Ausbau und Kfz-Handwerk. Böckmann kennt auch Gründe, warum Kunden nicht zahlen: „Viele berufen sich auf angebliche Mängel – manche mögen dabei berechtigt sein, doch vielfach werden sie nur vorgeschoben, sind Ausreden. Und es gibt Kunden, die von vornherein wissen, dass sie nicht zahlen können, sie stehen schon im Schuldnerverzeichnis.“ In einer Zeit, in der das Sparen keine Zinsen mehr bringt, ist die Versuchung für Verbraucher groß, Dienstleistungen zu ordern, die jenseits des eigenen Spielraums liegen: „Der eine oder andere überschätzt sich finanziell.“ Kommt dann noch Unvorhergesehenes wie beispielsweise teure Reparaturen oder gar der Verlust des Arbeitsplatzes hinzu, können Zahlungen nicht mehr geleistet werden.

Die größte Gefahr für kleine und mittelständische Unternehmen besteht, wenn ein Großkunde in die Insolvenz geht, nicht mehr zahlen kann. Böckmann: „Dann hat auch der Handwerker Liquiditätssorgen und muss schlimmstenfalls selbst Insolvenz anmelden.“ Laut einer Studie gehen so jährlich rund 20 000 Unternehmen in Deutschland bankrott.

„Viele Kunden wollten gar nicht zahlen. Rief ich sie an, gingen sie nicht ran oder ließen sich verleugnen. Es gab Verzögerungen ohne Ende.“ Jörg Baumann, Elektrikermeister

Jörg Baumann hat eine solche Situation am eigenen Leib erfahren. Er hatte das 1945 gegründete Familienunternehmen in dritter Generation geführt, doch vor acht Jahren musste er für sein Lüneburger Unternehmen Baumann Elektrotechnik Insolvenz anmelden. „Bedingt nicht nur durch säumige Kunden“, sagt er heute freimütig. Allerdings machte er damals sehr schlechte Erfahrungen mit einigen Kunden: „Viele wollten gar nicht zahlen. Rief ich sie an, gingen sie nicht ran oder ließen sich verleugnen. Ich wollte das auf dem kurzen Weg lösen, nicht gleich einen Anwalt einschalten. So wurden Termine mit Kunden vereinbart, die dann kurzfristig von ihnen verschoben wurden. Häufig wurden dann nur Teilbeträge gezahlt. Es gab Verzögerungen ohne Ende.“

Probleme mit Generalunternehmern

Mit Vorkasse habe er nicht gearbeitet: „Dann hätten wir damals keinen Auftrag bekommen.“ Bei größeren Projekten allerdings habe er Abschlagszahlungen verlangt: „Aber auch da waren die Kunden kreativ, um nicht sofort zahlen zu müssen.“ Problematisch sei auch die Zusammenarbeit bei Großprojekten mit Generalunternehmern gewesen, beispielsweise bei einem Bauprojekt am Sportplatz in Reppenstedt. Schließlich meldete Baumann Insolvenz an.

Doch Jörg Baumann hatte, wie er selbst sagt, Glück. Zum 1. Juli 2010 ging ein völlig neues Unternehmen an den Start, die Baumann & Schöndube Elektrotechnik KG mit einem neuen Chef Michael Schöndube, der schon als Meister im alten Betrieb arbeitete. „Seitdem bin ich dort Angestellter“, sagt Baumann. Seine ehemaligen Mitarbeiter haben alle einen neuen Job in der neuen Firma oder in anderen Unternehmen gefunden: „Alle Leute wurden aufgefangen.“ Mit säumigen Kunden habe er heute kaum noch Probleme.

Ist der Kunde zufrieden, zahlt er auch

Für den Lüneburger Tischlermeister Hubertus Wassermann gibt es zwei wichtige Faktoren dafür, dass er kaum Probleme mit säumigen Kunden hat: „Wir erledigen die Arbeiten so, wie wir sie mit den Kunden abgesprochen und ihnen angeboten haben – von der Qualität bis zum Zeitplan.“ Und seine Ehefrau Heike kümmere sich unter anderem um die Buchführung, er lobt: „Bei ihr geht nichts verloren.“

Ist der Kunde zufrieden, zahle er auch, lautet Wassermanns Erfahrung. „Aber ich lehne auch ab, wenn jemand etwas Halbseidenes von uns will.“ Dass schlechte Arbeit die Zahlungsmoral drückt, weiß er aber aus seiner ehrenamtlichen Tätigkeit: 2006 wurde er von der Handwerkskammer vereidigt und zum öffentlich bestellten Sachverständigen ernannt, er tritt als Gutachter in Gerichtsprozessen auf.

Hintergrund

Tipps für Handwerker

Um sich vor Problemen mit zahlungsunwilligen Kunden schützen zu können, hat die Kreishandwerkerschaft drei Tipps für Handwerker parat:

  • Vor Auftragsannahme Bonitätsabfragen tätigen;
  • Abschlagszahlungen vereinbaren;
  • Kosten für Material eventuell schon vorab einholen;
    Einen vorbildlichen Schutz gibt es laut Geschäftsführer Jürgen Böckmann für Kfz-Betriebe mit dem sogenannten Werkunternehmerpfandrecht: „Die Betriebe müssen die reparierten Fahrzeuge erst dann herausgeben, wenn die Rechnungen beglichen sind.“

Von Rainer Schubert