Mittwoch , 26. September 2018
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Gut gelaunt beim Dreh in Embsen: Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz. Foto: t&w

Lüneburg-Tatort im Ersten

Lüneburg. Die Dreharbeiten liegen ein halbes Jahr zurück. Im Oktober war das Tatort-Team in Lüneburg, spielte Sequenzen in der Altstadt und im Industriegebiet b ei Embsen ein. Die LZ war damals beim Dreh, sprach mit den Hauptdarstellern Wotan Wilke Möhring, der den Kommissar Thorsten Falke verkörpert, und Franziska Weisz – sie spielt Julia Grosz – sowie mit Regisseur Özgür Yildrim. An diesem Wochenende ist zu sehen, was die Ermittler nach Lüneburg trieb: Die Tatort-Folge „Alles, was Sie sagen“, bei der Kommissar Falke plötzlich selbst als Verdächtiger gilt, wird am Sonntag ab 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.


Im Video: Die LZ hat Wotan Wilke Möhring im Oktober 2017 bei den Dreharbeiten besucht.

Kernig wie das Bier mit Ploppverschluss

Kommissar Falke will keinen Applaus, nur eine Zigarette. Es gibt ja nicht mehr viele Menschen, die im deutschen Fernsehen um 20.15 Uhr rauchen dürfen – zu ihnen zählt Falke, gespielt von Wotan Wilke Möhring. Er war in romantischen Komödien erfolgreich. Damit die Leute das trennen und jetzt erkennen, da läuft ein „Tatort“, und das Flirten und die Witzchen sind vorbei, steckt er sich den Tabak an. Ein Cowboyreflex.

Die Kamera hält drauf auf seine Falten, auf der Suche nach Charakter, obwohl Möhring doch für eine hautstraffende Männercreme wirbt. Wenn Möhring als Kommissar Falke Feierabend macht, wird Rock ’n’ Blues über das Bild gelegt, Musik für Leute, die nach Dienstschluss einen Whisky brauchen.

Möhring spricht ein Norddeutsch, das kernig wirkt wie dieses Bier mit Ploppverschluss. Es ist eine Freude, dem Mann zuzusehen, obwohl er zu Deutschlands gefragtesten Schauspielern zählt und deshalb auch oft dort auftaucht, wo es auf die Nerven geht (romantische Komödien, Werbung für hautstraffende Männercreme). Er beherrscht handwerkliche Feinheiten, die nie wie Taschenspielertricks wirken, obwohl er sie vernuschelt wie einer, der was verbergen will.

Lüneburg wird als „Provinz“ verkauft

Falke ermittelt in Lüneburg, was uns im „Tatort“ als Provinz verkauft wird. Auch wenn das nicht stimmt, weil Lüneburgs Strahlkraft es mit den Innenstädten vieler Fußballerstligisten aufnehmen kann. An der Seite von Falke ermittelt Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz), eine Frau, der Weltläufigkeit nachgesagt wird, weil sie in Afghanistan gelebt hat. Doch tatsächlich hängt sie nun in Lüneburg der alten Jugendliebe nach. Einem Polizisten, der nett wie ein Welpe schaut, auch sein Holzfällerbart kann nichts an diesem Kindchenschema ändern.

Erzählt Kommissarin Grosz dem alten Freund zu viel von laufenden Ermittlungen? Ist Kommissar Falke heimlich verknallt in seine Kollegin, raucht er also keine Cowboyzigaretten, sondern Zigaretten der Eifersucht? Falke und Grosz sind ein schönes Ermittlerteam, weil sie nicht wie Models wirken, sondern wie Menschen, die nicht von fettarmem Joghurt leben, sondern auch mal ein Bier brauchen. Eindeutig zählen sie zu jenen Teams, von denen man sich wünscht, dass sie privat zusammenfinden. Das aber ist ein Grundsatzproblem der „Tatort“-Reihe. Wenn sich so ein Team in Liebe bindet, wird das Ermittlerpaar bald abgesetzt. Und taucht bei den romantischen Komödien wieder auf.

Die Tatort-Folge nähert sich dem Ideal, von dem ARD-Chefs träumen

Die Handlung ist doppelbödig, aber nicht konfus – der syrische Flüchtling Abbas Khaled (Youssef Maghrebi) wird als Kriegsverbrecher gesucht, rückblickend und widersprüchlich erzählen Falke und Grosz von dem Fall, nachdem die Fahndung aus dem Ruder lief und Khaleds Schwester offenbar mit Falkes Dienstpistole erschossen wurde. Die Regie ist ehrgeizig, aber nicht selbstverliebt – Özgür Yildirim hat ein sicheres Händchen für die Balance zwischen privaten und dienstlichen Scharmützeln, die den Film am Leben halten. Das Drehbuch ist gründlich (Arne Nolting, Jan Martin Scharf), am Ende aber sehr moralisch, was vielleicht das einzige Manko des Films ist. Wobei das nicht als Makel gilt, sondern als Profil der „Tatort“-Reihe: Am Ende müssen jene in den Knast, denen man es immer wünschte. Die falschen Hunde und die Blender.

Die Libanesen jagen die Syrer, warum? Ein Rätsel unter vielen. Warum schmeißt Khaleds Deutschlehrer, der sich als Weltenretter zeigt, den ungetrennten Müll in eine Tonne? Wenn Kommissarin Grosz den Polizisten Spieß, mit dem massiv was läuft, als „Profi“ lobt, hakt Falke nach: „Wo ist der denn bitte Profi? Na, ich will’s gar nicht wissen!“ Diese Fragen haben sehr verschiedene Fallhöhen. Manchmal ist das was fürs Feuilleton, dann wieder für die „Bunte“. All diese Konfusionen werden ernst genommen, das macht den Film so stark, denn er hält sich präzise an den Setzbaukasten, von dem die ARD-Chefs träumen: Politische Relevanz, Abgründe im Liebesleben, beides appetitlich in Bilder verpackt, die sich vor den US-Serien nicht schämen müssen. Und am Ende noch ein Schuss romantische Komödie. Um Wotan Wilke Möhrings willen.

von Lars Grote/RND/lz

One comment

  1. Sind es wieder Tausende von Rechtsradikalen, die die Stadt bedrohen? Oder ein Klamottenladen der brandgefährlich und lebensgefährlich ist? *schmunzel*
    Man Leute, macht etwas Realistisches. Messerangriffe im Fitnesstudio, Morde aus religiösen Motiven an 2 Frauen aus Kaltemoor, Schüsse vor dem Gericht , Verletzte nach Auseinandersetzungen am Sande mit verfeindeten Clans aus XXXX und XXXXXXXX , Überfälle und Raub auf lüneburger Bürger, usw.
    Das ist greifbarer als die „Schauermärchen“ von Euch.