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Einer ihrer Lieblingsorte im Kloster: Reinhild Freifrau von der Goltz sitzt im Kapitelsaal, im Hintergrund ist der Äbtissinnenthron zu sehen. Der Raum wurde aufwendig saniert und restauriert. (Foto: t&w)

Kunst, Management und Gott

Lüneburg. Es ist ein Job für eine Managerin: Äbtissin. Natürlich gibt es Zeit für innere Einkehr und Gebet. Doch das muss für Reinhild Freifr au von der Goltz schon passen. Denn im Kloster Lüne hat sie eine Menge zu tun. Der Komplex des 1172 als Frauenkloster der Benediktinerinnen gegründeten Hauses ist immer wieder eine Baustelle. Mal sind es kleinere Aufgaben wie der Ersatz von Fensterscheiben, mal ist es die Mauer am Lüner Weg, auf die ein Sturm einen Baum gekippt hat, mal kommt es heftig: Dann ist ein Haus oder ein Keller mit tragenden Wänden zu sanieren. Die Äbtissin nimmt das mit großer Ruhe hin – und handelt. Offenbar füllt sie ihr Amt mit großer freundlicher Gelassenheit aus: Ihr Konvent hat sie bei einer Abstimmung gerade einmütig bestätigt. Zehn Jahre leitet sie Kloster bereits, nun soll sie es auf jeden Fall noch für weitere fünf Jahre tun.

Sie ist gerade 70 Jahre alt geworden, andere treiben da durch ihren Ruhestand. Die hochgewachsene Frau lächelt und zitiert einen Buchtitel: „Das beste Alter ist jetzt. Was Freude macht, hält auch jung.“ Sie sei dankbar, dass sie 2008 die Aufgabe übernehmen durfte, das mache sie sehr zufrieden. „Ich habe zwei Leben. Das erste war das erfüllte Leben als Ehefrau und Mutter von vier Kindern.“ Dann als Witwe begann das zweite in Lüne: „Hier habe ich eine vielschichtige Aufgabe.“

Gemeinschaft hält agil

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert hat sich das Haus in ein evangelisches Damenkloster gewandelt. Zehn Frauen gehören zum Konvent. Wer hier einzieht, in eine eigene Wohnung, der übernimmt Aufgaben. Dazu gehören auch Führungen mit Besuchern. Natürlich ist das Zusammenleben in einer „Wohngemeinschaft“ nicht immer einfach: „Wer zu uns kommt, hat oftmals vorher verantwortungsvolle Positionen inne gehabt. Hier muss man sich einfügen. Das gelingt nicht jedes Mal.“ Doch wer bleibe, fühle sich als Teil der Gemeinschaft. Auch das halte agil. Sie nennt den Namen ihrer Konventualin Inge Kubasta, die 95 Jahre alt ist, aber immer noch zu Fuß in die Stadt laufe und „leichtfüßig“ Besucher durch das uralte Gemäuer führe.

„Hier muss man sich einfügen. Das gelingt nicht jedes Mal.“
Reinhild Freifrau von der Goltz, Äbtissin

In den vergangenen zehn Jahren hat die Äbtissin einiges begleitet: archäologische Untersuchungen in der Barbara-Kapelle, in der Gruft ruhen ehemalige Klosterdamen; es gab Ausgrabungen, die den Beweis erbrachten, dass das Kloster auch vor dem Brand von 1372 am gleichen Ort stand. Der sogenannte Krüger-Bau, er hat seinen Namen vom Architekten Franz Krüger, wurde für Hunderttausende von Euro saniert, Handwerker haben den Kapitelsaal restauriert und auch die Klosterkirche. Eine große Rolle spielt selbstverständlich das Teppich-Museum, offiziell heißt es Museum für Sakrale Textilkunst, dessen Schätze von Weltruf auch verliehen werden. Aktuell liegt eine Anfrage des Getty-Museums in Los Angeles vor. Bei all diesen Projekten stehe die Klosterkammer mit Fachwissen und Geld als Partner zur Seite, betont Reinhild von der Goltz.

Erste Äbtissin mit Wiederwahl

Am Herzen liegt der Freifrau ein vertrauensvolles Verhältnis zur Kirchengemeinde in Lüne. Das war unter ihren Vorgängerinnen nicht ohne Spannungen. In einem Miteinander feiern Gemeinschaft und Gemeinde heute Gottesdienste und Andachten: „Zweimal im Monat laden wir gemeinsam zur Vesper, einem gesungenen Abendgebet, ein.“

Die Äbtissinnen in den Klöstern wurden ursprünglich auf Lebenszeit in ihr Amt berufen. Doch in der Vergangenheit stellte sich das nicht jedes Mal als kluge Entscheidung dar. Dass dieses Procedere inzwischen geändert wurde, findet Reinhild von der Goltz gut und richtig. Sie ist die erste Frau an der Spitze, die sich einer neuen Wahl stellte – und bestätigt wurde.

Das gibt ihr auch Kraft, um neue Aufgaben anzupacken. Sie möchte das rosafarbene Barock-Haus am Klosterinnenhof auf Vordermann bringen lassen: „Es gibt feuchte Wände, warum wissen wir noch nicht.“ Dass Bienenstöcke im Klosterwäldchen aufgestellt werden, ist eher eine Kleinigkeit. Viel mehr Nerven dürfte es sie kosten, für einen besseren Lärmschutz der Bahn einzutreten. Die Brücke über die Bockelmannstraße hat keine Schutzwände gegen den Krach erhalten. Auch gebe es Erschütterungen, wenn die Güterzüge über die Querung rumpeln – das tue dem Kloster und seinen Kostbarkeiten nicht gut.
Reinhild von der Goltz hat also zu tun. Und das gefällt ihr: „So lange mir der liebe Gott die nötige Gesundheit schenkt.“

Von Carlo Eggeling