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Mit einer preisgekrönten Video-Serie und einem Buch arbeitet Ex-Junkie $ick seine Drogen-Karriere auf. (Foto: bol)
Mit einer preisgekrönten Video-Serie und einem Buch arbeitet Ex-Junkie $ick seine Drogen-Karriere auf. (Foto: bol)

„Meine Biografie ist nicht geil“

Lüneburg. Seine Geschichte braucht eine Stimme. Und ein Gesicht. Aber keinen Namen. Deshalb nennt er sich nur „$ick“. Was man mit „krank“ übersetzen kann, oder auch mit „schlecht“ und „übel“. Seine Geschichte hat auf YouTube ein Millionenpublikum. In 380 Folgen hat sich $ick an seinem drogendurchtränkten Leben abgearbeitet. In der ersten Folge Ende 2012 mit einem Joint am Küchentisch, in der letzten – fast drei Jahre später am selben Ort – mit einer Filterzigarette. Jetzt ist der Ex-Junkie mit seinem Buch auf Lesetour.

Wer $ick trifft, nimmt schnell wahr, warum die schonungslosen Erzählungen über seine Vergangenheit als schwerkrimineller Heroin-Abhängiger so erfolgreich sind. 2015 wurde die Video-Serie „Shore, Stein, Papier“ mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Es ist vor allem die Art, wie der 45-Jährige über den endlosen Kreislauf von Sucht, Klauen, Knast, Entzug und Rückfälle redet: unverblümt, eloquent, oft auch witzig – und einfach sympathisch.

Er nennt es sein „altes Leben“. Und mit dem ging es 1986 in Hannover den Bach runter. Er war 13, als er am 3. März von Sindelfingen nach Hannover umzog. Mit seiner Mutter und deren Lebensgefährten. Von diesem Tag an hat er alles gehasst: „Die Stadt, meine Mutter, diesen Typ.“ Schnell lernte er Jungs kennen, die auf Spielplätzen kiffen, mit 15 dann „Shore“, also Heroin. Das wurde ihm aber erst klar, als er schon nicht mehr ohne den Stoff konnte – und wollte. „Dann kamen die ersten Überfälle, die ersten Einbrüche, Drogendeals, die erste Haft, die zweite, die dritte…“ Statt Jahreszahlen zählt er die Gefängnisse auf: Hannover, Hameln, Vechta.

Auf der Bühne die Drecksau raushängen lassen

Sein neues Leben, das ist die Tour, das sind Seminare zur Drogen- und Kriminalitätsprävention, Aufklärungsarbeit in Schulen. Geplant sind ein zweites Buch, ein Hörspiel, auch mit Filmleuten ist man im Gespräch. Was $ick abends auf der Bühne im Salon Hansen macht, hat mit Prävention aber nichts zu tun. Dies ist der „Unterhaltungsteil“ seines neuen Lebens, wie er sagt. Natürlich scheint an manchen Stellen auch die Schwere seiner Geschichte durch, aber es wird viel gelacht. Etwa, wenn er launig und gestenreich beschreibt, wie er und seine neuen Freunde „ein Blech geraucht“ oder ein Schuhgeschäft in Hannover „geklatscht“ haben. Immer wieder fällt der Satz: „Wie geil ist das denn…“

„Ich mag es, auf der Bühne zu stehen und die Drecksau raushängen zu lassen. Genauso gut fühlt es sich aber auch an, wenn ich in der Schule sitze und es hat schon dreimal geklingelt und die wollen immer noch nicht gehen.“ Aber so war es nicht immer: „Am Anfang habe ich gedacht, ich darf hier nicht sein, wenn ich eine Schule besucht habe“, sagt $ick. „Ich will nicht wissen, was manche Eltern denken würden, wenn sie genau wüssten, wer da vor ihren Kids sitzt.“

Heute lebt der gebürtige Saarländer in Berlin und fühlt sich zum ersten Mal wirklich zu Hause in einer Stadt. Weil nicht ein Staatsanwalt oder Therapeut seinen Wohnort bestimmt hat, sondern er selbst: „Ich war noch nie so glücklich wie jetzt.“ Klar hat er auch Spaß gehabt, als er ganz unten war, „aber zum Schluss immer weniger, in den stillen Momenten kotzt es einen nur noch an“. Irgendwann habe er sich nicht mehr „geturnt“ gefühlt, sondern nur noch vergiftet – „ich hab’s aber trotzdem nicht lassen können.“

Die Geburt seine Tochter 2003 beschreibt $ick so: „Ich wusste nicht, was ich machen soll, aber so, wie es ist, fühlt es sich kacke an.“ Immer und immer wieder hat er dann freiwillig entgiftet. Er wollte dieses beschissene Leben jetzt so gerne verlassen, aber seine Währung blieben Päckchen und Beutel. Wenn er nach 14 Tagen Entzug nach Hause kam, empfing ihn nur Leere: „Nichts ist da, gar nichts.“ Er durfte die Leute nicht mehr treffen, mit denen er seine Tage verbracht hatte, auch nicht dealen, denn „wenn du was verkaufst, konsumierst du es auch“. Und so folgte auf jede Entgiftung der Rückfall.

„Es war der letzte Baustein, der mir gefehlt hat, um clean zu bleiben: die Aufgabe.“

Seine „Heilung“ brachte ein Anruf. Ramon Diehl betreibt mehrere erfolgreiche YouTube-Channels, produziert vor allem Hip-Hop-Formate. 2012 überredete er den Junkie dazu, sein „Tagebuch eines Kriminellen“ vor der Kamera zu erzählen. „Es war der letzte Baustein, der mir gefehlt hat, um clean zu bleiben: die Aufgabe“, sagt $ick. Ist er clean? „Ich trinke Bier, aber ich saufe nicht. Und ich kiffe. Regelmäßig.“ Seine letzte „Medikation“ sei das. Er könnte sein „Gras“ auch in der Apotheke bekommen, „aber ich habe den Wunsch, auch vom THC irgendwann loszukommen“. Und auch „die Kippen sollen in die Tonne“.

Wie lange die „Show“, wie er seine Lesetour nennt, noch läuft, weiß $ick nicht. „Was aber bleiben wird, ist die Präventionsarbeit.“ Aber auch die Angst davor, rückfällig zu werden: „Jeder Süchtige hat Schiss davor.“ Aber echten Suchtdruck verspürt er seit zwei Jahren nicht mehr. „Wenn der auftaucht, ist vorher was schiefgelaufen.“ Aber inzwischen kenne er sich selbst sehr gut, wisse genau, wann er „vor einer Gabelung“ stehe.

Der 45-Jährige zitiert einen Sucht-Experten: „Dass du clean bist, darfst du erst sagen, wenn du so lange nichts mehr genommen hast, wie du vorher was genommen hast.“ In seinem Fall wären das ungefähr 25 Jahre. Ob Nikotin, Alkohol oder Cannabis – Abhängige reden sich und anderen gern ein, ihre Sucht im Griff zu haben. $ick nimmt man das ab. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ihm jetzt die Bühne den Kick verschafft.

Auf die Frage, ob er sich als Versager sieht, muss $ick ungewohnt lange nach Worten suchen. Das sei vielleicht nicht das richtige Wort, aber er habe schon viele Jahre verschwendet. „Meine Biografie ist halt nicht geil.“

Zur Video-Serie „Shore, Stein, Papier“ auf YouTube geht’s hier.

Von Klaus Bohlmann