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Das Denkmal für die Toten der 110. Infanterie-Division Am Graalwall ist immer wieder Stein des Anstoßes in der Debatte über die richtige Form der Erinnerung. (Foto: be)

Disput ums Erinnern geht weiter

Lüneburg. Wie man angemessen mit der Lüneburger Geschichte während des Nationalsozialismus und der Aufarbeitung dieser Zeit umgeht, soll ein Forum Erinnerungskultur erarbeiten. Da dies dauern kann, möchte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) vorher handeln: Am umstrittenen Stein für die 110. Infanterie-Division wollen die Mitglieder zwei Informationsstelen aufstellen. Sie sollen dokumentieren, welche Kriegsverbrechen die im Dezember 1940 in Lüneburg aufgestellte Einheit in Weißrussland beging. Dabei ziehen die Texte auch eine Linie zur Wiederbewaffnung in West- und Ostdeutschland. So heißt es, dass 1959 von den 14 900 Offizieren 12 360 bereits in der Wehrmacht gedient hätten. „Wir haben unseren Entwurf an Ratsparteien, Verwaltung, Mitglieder des Kulturausschusses, die Euthanasie-Gedenkstätte, Geschichtswerkstatt und Medien geschickt“, sagt Frieder Kern. Auch mit der Manzke-Friedensstiftung, die Informationstafeln installiert hat, wolle man ins Gespräch kommen. Bekanntlich ist unter anderem die VVN nicht mit dem Text der Stiftung und deren Rolle einverstanden.

Kern sagt, es werde dauern, bis sich ein Gremium konstituiert habe, die Diskussion beginne und Ergebnisse vorlägen. Daher soll schon jetzt etwas geschehen. Doch angesichts der hitzigen Diskussion um den Gedenkstein dürfte der Entwurf der VVN vermutlich auch nicht einhellig begrüßt werden.

„Kein Mahnmahl gegen Krieg und für Frieden“

Beim historischen Rückblick fußt der Text auf die durch Wissenschaftler belegten Ereignisse: Angehörige der Division sollen bei ihrem Rückzug bei Ozarichi in Weißrussland Lager zwischen sich und die vorrückende Rote Armee errichtet haben. In die Camps wurden Zivilisten gesperrt. Für die Wehrmacht „nutzlose Esser, Seuchenkranke, Krüppel, Greise, Frauen, Kinder sowie sonstige Arbeitsunfähige“. Mindestens 9000 Menschen starben, sie erlagen Krankheiten oder wurden ermordet.

Der zweite Textblock beschäftigt sich mit dem aus Sicht der VVN verharmlosenden Umgang mit der Einheit, die für Kriegsverbrechen verantwortlich ist. Im Nachkriegsdeutschland West seien die Stadt und ihre Vertreter mit den alten Soldaten, die 1960 den Stein am Graalwall aufstellen ließen, unkritisch umgegangen. Es habe ein „großes Entgegenkommen“ gegeben.

Während das Denkmal von seinem Ursprung an die Gefallenen der Division erinnern sollte, kommt dieser Aspekt bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes nun gar nicht mehr vor: Es sei kein Mahnmal gegen den Krieg und für den Frieden. „Es stilisiert die Division aus Lüneburg und die Wehrmacht insgesamt zum Opfer unter Verschweigen der eigenen Verbrechen des von Deutschland ausgegangenen Angriffskrieges.“

Und weiter heißt es: „Die Stadt Lüneburg lehnt dieses Denkmal ab. Es verherrlicht militärische Gesinnung, leugnet die Verbrechen der Lüneburger Wehrmachtseinheit und deren Verantwortung dafür.“

Entwurf der Stadt am 8. Juni

Dazu heißt es aus dem Rathaus, dass der Text der VVN noch nicht vorliege, man sich daher nicht äußern könne. Sprecherin Suzanne Moenck sagt: „Wir stellen am 8. Juni einen eigenen Entwurf vor.“ Der werde dort diskutiert: „Der Ausschuss entscheidet über den Text und das weitere Vorgehen.“

Die Tafel der Manzke-Friedensstiftung beleuchtet die Geschichte anders. Sie betont neben den Kriegsverbrechen das Schicksal der meist jungen Soldaten, die für das nationalsozialistische Regime in den Krieg gezogen sind. Im Internet notiert die Erklärung, dass die Einheit 1944 fast aufgerieben wurde: „Nur 16 Offiziere sowie 280 Unteroffiziere und Mannschaften konnten entkommen.“ Das führte zum „Trauma der 110. Infanterie-Division“ und zur auf die Antike verweisenden Inschrift des Gedenksteines „Es sage keiner, dass unsere Gefallenen tot sind“. Ja, wir müssen die Verdrängung aufheben: Sie sind tot, gestorben in Krieg oder Gefangenschaft, nachdem sie selbst als Teil einer ungeheuer großen Armee Vernichtung und Gefangenschaft über Menschen in der Sowjetunion gebracht haben. Soldaten und Zivilisten wurden in der verbrecherischen deutschen Kriegsführung als „Menschenmaterial“ bezeichnet und kalkuliert. Der Text weist – nach einer Überarbeitung – auch auf die Verbrechen hin.

Die unterschiedlichen Haltungen dürften also weiterhin für Debatten sorgen.

Von Carlo Eggeling

2 Kommentare

  1. Immerhin, Friedrich von Mansberg sei Dank ist Dr. Gerhard Scharf weiter unser Bürgermeister.

    • Gerda Ebeling

      Genau, der enge, kameradschaftliche Schulterschluß dieser beiden aufrechten deutschnationalen Recken hat dafür gesorgt, daß die Blase der rotgrünversifften Krachmacher im Rat sich am 1. Februar in der Lambertischule nicht gegen völkische Ehre und soldatische Tugend durchsetzen konnte. Wer, wenn nicht Bürgermeister Dr. Gerhard Scharf hätte am 16. April denn sonst wohl so deutlich machen sollen, „daß es in Anbetracht des Insektensterbens wichtig sei, für das Thema zu sensibilisieren und es im Bewußtsein der Bürger zu verankern“? Er verwies in dem Zusammenhang auch auf die Aktionstage „Schönheit und Vielfalt der Insekten“, die im Museum in Zusammenarbeit mit dem Nabu laufen. (https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/1555042-bluehwiese-zwischen-graebern)

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