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Martin Schwanitz, Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Lüneburg, macht Autofahrer in Bardowick auf besondere Weise auf Tempoverstöße aufmerksam. Eine weitere Aktion in diesem Jahr ist mit einer Lüneburger Grundschule geplant. (Foto: dth)

Zitronen und Scham statt Strafzettel

Bardowick. Das saß: Erst gab es buchstäblich Saures in Form von Zitronen, in die sie hineinbeißen sollten, und dann mussten sich die Temposünder vor Kindern rechtfertigen, weshalb sie zu schnell gefahren sind. Die Verkehrskontrolle, die Martin Schwanitz von der Polizeiinspektion Lüneburg jetzt zusammen mit Grundschulkindern in Bardowick und Barum durchgeführt hat, veranlasste die ertappten Autofahrer, sich derart zu schämen, dass man schon fast wieder Mitleid hatte. Nicht weniger verdattert reagierten andere Autofahrer, die von den Grundschulkindern eine Dankesurkunde erhielten, gerade weil sie sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielten. In jedem Fall hat die Aktion Eindruck hinterlassen. Die meisten nahmen die Ermahnung positiv auf.

Schwanitz schaut durch den Fokus des Laser-Messgeräts und peilt Autofahrer an, die in Bardowick durch die Straße Schwarzer Weg fahren. Eigentlich ist in Höhe des Kindergartens Am Eichhof Tempo 30 angesagt. Eigentlich. Ein ums andere Mal zückt er die Polizeikelle und winkt Autos auf den Parkplatz vor dem Nikolaihof. Darunter eine rote Limousine, die laut Messung 39 km/h auf dem Tacho hatte. Abzüglich der Toleranz noch sechs Zähler zu viel. Da wären normalerweise 15 Euro für die Staatskasse fällig. Doch der Verkehrssicherheitsberater Schwanitz macht der Frau am Steuer ein Angebot.

Schwanitz: „Ich bin bereit, auf das Verwarngeld zu verzichten, wenn Sie kurz aussteigen.“ Macht sie auch und bekommt ein Stück Zitrone in die Hand gedrückt. „Reinbeißen“, bittet Schwanitz die Temposünderin. Nach dem Geschmacksschock folgt eine weitere Erkenntnis. Da stehen rund 20 Kinder von der Grundschule Bardowick auf dem Bürgersteig und schauen die Autofahrerin erwartungsvoll an. Schwanitz: „Die haben jetzt ein paar Fragen an Sie!“ Jessica (8) macht den Anfang: „Warum bist du zu schnell gefahren?“ Die Bardowickerin kommt in Erklärungsnot. Sie kennt die Strecke gut, ihre Kinder seien einst auch in dem Kindergarten, der direkt an der Straße liegt, gegangen. „Ich war wohl in Gedanken …“, sagt sie schließlich kleinlaut und gelobt Besserung.

Derart reumütige Autofahrer erleben Polizisten bei Verkehrskontrollen sonst nur sehr selten. Schwanitz sagt. „Der Autofahrer scheint sonst reflexartig von sich ablenken zu wollen.

Verkehrsverstöße werden bestritten oder die Schuld von sich gewiesen.“ Anders bei der Zitronen-Aktion mit den Kindern. Schwanitz: „Ich glaube, dass die Autofahrer das mehr beeindruckt, wenn sie sich vor Kindern rechtfertigen müssen. Und sie haben mit den Kindern auch noch direkt vor Augen, worum es eigentlich geht.“ Zumal es kein Klischee sei, dass es insbesondere vor Grundschulen und Kindergärten vor allem die Eltern selbst sind, die durch rücksichtsloses Fahren auffallen und sich andererseits beklagen, dass die Schulwege ihrer Kinder so unsicher sind.

Auch die Vorbildfunktion sei wichtig, so Schwanitz. Unter den rund 50 Autofahrern, die er in Bardowick und später in Barum anhielt, war auch eine Mutter dabei, mit zwei kleinen Kindern auf der Rückbank – und die Fahrerin war nicht angeschnallt. Ebenso der Fahrer und Beifahrer eines Lkw. Schwanitz: „Und was hatte der Fahrer an der Windschutzscheibe kleben? Ein Bild von seiner Familie. Ich habe ihm gesagt, das geringste, was er für sie tun kann ist, sich anzuschnallen.“ Nach der Fragerunde mit den Kindern seien auch die beiden mit einer anderen Motivation wieder in den Wagen gestiegen.

Von Dennis Thomas

One comment

  1. Schöne (kreative) Aktion ! Man hätte natürlich gleich drakonisch durchgreifen können (Bußgeld, Punkte, Fahrverbot, etc.) .. einige hier hätten das bestimmt toll gefunden.