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Im Hafen von Valletta lässt Kay Retzlaff (links) mit einem Kollegen ein Rettungsboot der "Lifeline" zu Wasser, um seine Funktionen zu überprüfen. Das Schiff soll jederzeit wieder ausfahrbereit sein, um Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten. Foto: Moana Nitschke

Bereit für die nächste Mission

Lüneburg. Tagelang verwehrten die Regierungen von Italien und Malta dem Seenotrettungsschiff „Lifeline“ mit über 200 Flüchtlingen an Bord im Juni die Einfahrt in ihre Häfen. Als das Schiff schließlich im maltesischen Valletta einlaufen durfte, wurde es beschlagnahmt, sein Kapitän vor Gericht gestellt. Teil der Rettungsmission, die jüngst zum Sinnbild der europäischen Flüchtlingskrise wurde, war Kay Retzlaff aus Lüneburg. Im Gespräch mit der LZ berichtet der 46-Jährige von seinen Erlebnissen und der aktuellen Situation vor Ort.

Das Rettungsschiff „Lifeline“ darf den Hafen von Valletta nicht verlassen. Foto: Moana Nitschke

Herr Retzlaff, wo befinden Sie sich derzeit?
Kay Retzlaff: Ich bin nach wie vor an Bord der „Lifeline“, mit mir zehn weitere Crew-Mitglieder und ein neuer Kapitän. Das Schiff ist beschlagnahmt und liegt im Polizeihafen von Valletta. Wir können uns hier frei bewegen, müssen aber jedes Mal durch zwei Kontrollen, um an oder von Bord zu gehen, und wir dürfen natürlich nicht auslaufen. Das ist eine sehr frustrierende Situation, aber wir geben nicht auf. In diesen Tagen haben wir das Schiff auf Vordermann gebracht, um es für die nächste Crew vorzubereiten und jederzeit wieder ausfahrbereit zu sein.

Sie haben mit einer 17-köpfigen Crew und 234 Flüchtlingen sieben Tage auf See verbracht. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es gab so viel zu koordinieren, dass kaum Zeit zum Nachdenken blieb. Zunächst ging es darum, diese Masse an Leuten an Bord zu bringen. Ich habe mich um die Ein- und Auskranung der Boote, die Verteilung von Rettungswesten, Essen, Decken und Schlafplätzen gekümmert. Alle Personen wurden von uns auf Waffen durchsucht und einem medizinischen Check unterzogen. An Deck konnte man kaum noch treten. Viele der Flüchtlinge waren sehr erschöpft und unterernährt, hatten Folterwunden und es herrschte Panik, als die libysche Küstenwache an Bord kam und die Herausgabe der Menschen erzwingen wollte. Das konnten wir zum Glück verhindern.

Hintergrund

Die „Lifeline“

Das Seenotrettungsschiff der Dresdner Organisation „Mission Lifeline“ ist ein so genannter „first responder“. Es ist dafür ausgestattet, Menschen aus dem Meer zu retten und schnell an andere Schiffe zu übergeben. Mit 32 Metern Länge und 8 Meter Breite kann es etwa 250 Personen aufnehmen. Diese Menschen über Tage zu versorgen, darauf war die Crew nicht vorbreitet.

In der Nacht zum 21. Juni 2018 rettete die Mannschaft vor der libyschen Küste 234 Personen aus zwei instabilen Schlauchbooten. Sieben Tage lang harrten sie anschließend auf dem Mittelmeer aus, da ihnen kein europäischer Hafen die Einfahrt gewährte. Hilfslieferungen anderer Rettungsorganisationen und der maltesischen Marine ermöglichten ihre Versorgung an Bord. Als die „Lifeline“ am 27. Juni schließlich im Hafen von Valletta anlegen durfte, wurde ihr Kapitän festgenommen und vor Gericht gebracht. Die Anklage: Er sei ohne ordnungsgemäße Registrierung in maltesische Gewässer eingefahren. Seitdem wird der „Lifeline“ sowie zwei weiteren Rettungsschiffen im Hafen von Valletta die Ausfahrt verwehrt.

Die Seenotretter stehen in der Kritik, den Schleppern mit ihren Aktionen in die Hände zu spielen. Italien, das mit der internationalen Seenotrettungsleitstelle in Rom bislang die Rettungseinsätze im westlichen und zentralen Mittelmeer koordinierte, hat seine Häfen für Schiffe von Hilfsorganisationen geschlossen. Seitdem gerieten weitere Schiffe mit geretteten Flüchtlingen in schwierige Situationen, während sie versuchten, Häfen zum Anlegen zu finden. Neun europäische Länder haben derweil die Flüchtlinge der „Lifeline“ aufgenommen. Seit Januar 2018 sind laut der International Organization for Migration (IOM) rund 1.500 Migranten im Mittelmeer ertrunken oder verschwunden.

Blieb da noch Zeit für Gespräche mit den Geflüchteten?
Leider wenig. Meist ging es um logistische Fragen und darum, Auseinandersetzungen zu verhindern, um die Sicherheit an Bord zu gewährleisten. Außerdem kamen natürlich irgendwann Fragen, wohin wir fahren und wie lange es noch dauert. Die Menschen wissen ja, wie lange man mit dem Schiff nach Europa braucht. Wir mussten ihnen also irgendwie vermitteln, was gerade passiert. Mit der Zeit wurde die See dann immer rauer, die Leute haben an Deck nur noch seekrank vor sich hinvegetiert und gekotzt. Das war hart.

Wie sind die Crew-Mitglieder damit umgegangen?
Wir haben in Schichten gearbeitet und uns bemüht, Pausen zu machen, um wieder fit für den nächsten Wachdienst zu sein. Aus gesundheitlichen und hygienischen Gründen dürfen die Gäste nicht unter Deck, außer in die Schiffsklinik. Dort gab es für uns also weiterhin Rückzugsraum. Die Crew hat super zusammen gearbeitet, aber aufgrund der Situation haben wir uns auch ganz schön verausgabt. Irgendwann fielen die ersten wegen Krankheit aus und es mussten Doppel-Wachen übernommen werden. Das hat uns alle an unsere Grenzen gebracht.

Hatten Sie Angst?
Angst nicht, aber ich war auch angeschlagen. Das Schlimmste war, dass nicht absehbar war, wie lange diese Situation noch andauern würde. Die Flüchtlinge lagen an Deck alle unter Decken und es war schwer, den Überblick zu behalten, ob darunter noch jemand lebt oder nicht. Die Wache hat sie alle regelmäßig geweckt, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Irgendwann waren wir dann kurz davor, „Mayday“ zu drücken und uns selbst als Seenot-Rettungsfall zu melden, weil wir die Sicherheit an Bord einfach nicht mehr gewährleisten konnten. Doch das hätte unsere Bemühungen der Tage zuvor, in denen wir versucht haben, Länder zu finden, die die Menschen aufnehmen, zunichte gemacht.

Wie war dann die Stimmung bei der Einfahrt in Valletta?
Zunächst waren wir verunsichert, denn selbst als bereits Zeitungsmeldungen auftauchten, dass uns die Einfahrt genehmigt würde, hatten wir an Bord noch keine Freigabe. Dann kam die Erlösung. Im Hafen warteten sehr viele Menschen auf uns: Polizei und Presse, die Gesundheitsbehörde, andere NGOs, die uns unterstützten, und Gegner der Seenotrettung, die uns beschimpften. Kapitän Reisch wurde sofort von der Polizei mitgenommen, die Crew ist an Bord geblieben.

Wie sind Sie zur Seenotrettung gekommen?
Ich halte es für eine wichtige Arbeit. Es muss Leute geben, die das machen. Ich bin Handwerker und habe See-Erfahrung, deshalb bin ich für die Missionen geeignet. Im Herbst 2017 bin ich deshalb zuerst nach Sizilien, später nach Malta gereist und habe erst das Team der „Sea-Watch“, dann das der „Lifeline“ unterstützt. Dies war meine dritte Mission.

Kay Retzlaff wartet im Hafen von Valletta den Motor eines Beibootes der „Lifeline“. Foto: Moana Mitschke

Wie geht es jetzt für Sie und die Crew weiter?
Die „Lifeline“ ist ein Präzedenzfall. Das Gerichtsurteil wird ausschlaggebend für die gesamte zivile Seenotrettung sein. So lange sitzen wir hier fest. Ob mit diesem oder einem anderen Schiff, ich würde jederzeit wieder rausfahren. Dort draußen sterben Menschen und es gibt nun kaum noch offizielle Zahlen, wie viele es sind, weil keine Überwachung durch die Schiffe der NGOs mehr stattfindet. Deshalb arbeite ich erstmal weiter mit am Schiff und unterstütze die politische Arbeit vor Ort. Die Organisationen der Schiffe „Lifeline“, „Sea-Watch 3“ und „Sea-Eye“, die derzeit allesamt auf Malta blockiert werden, arbeiten hier sehr gut zusammen. Unter dem Namen #Civilfleet versuchen wir, andere Schiffe zu organisieren, um wieder rausfahren zu können. Und wir wollen Organisationen, Institutionen und Kirchen dafür gewinnen, sich zur zivilen Seenotrettung zu bekennen. Denn es geht hier nicht nur um die Flüchtlingsdebatte, sondern auch darum, dass freiwillige Helfer daran gehindert werden, ihre Arbeit zu tun.

 

Lüneburger Bündnis für die Seenotrettung

Ein Zusammenschluss aus gesellschaftlichen und kirchlichen Gruppen richtet am 28. Juli 2018 einen Aktionstag zur Unterstützung der zivilen Seenotrettung im Clamartpark aus. Initiiert wurde der Tag vom Bündnis „Seebrücke“, mit dabei sind u.a. der Diakonieverband Lüneburg, die DGB-Jugend, die Willkommensinitiative oder die Familienbildungsstätte. Um 12 Uhr startet ein Demonstrationszug mit Zwischenkundgebungen Am Sande, Am Berge sowie am Rathausmarkt und zieht anschließend zurück zum Clamartpark. Dort möchten die Organisatoren den Austausch zum Thema ermöglichen.

Einen Erfahrungsbericht zur Seenotrettung im Mittelmeer liefert Carlotta Weibl aus Südergellersen am 25. Juli ab 19.30 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Südergellersen. Die 24-Jährige studiert Humanitäre Hilfe an der Universität Wageningen und hat im Juni 2018 eine Mission des Rettungsschiffes „Seefuchs“ der Regensburger Organisation „See-Eye e.V.“ begleitet.

 

 

von Katja Grundmann

2 Kommentare

  1. Norbert Kasteinecke

    ehrlich wäre gewesen, die Kommentarfunktion zu deaktivieren.