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Jürgen Enke war der Awo sein Leben lang verbunden, auch als Geschäftsführer in Lüneburg. Jetzt geht der Sozialarbeiter in den Ruhestand. (Foto: ca)
Jürgen Enke war der Awo sein Leben lang verbunden, auch als Geschäftsführer in Lüneburg. Jetzt geht der Sozialarbeiter in den Ruhestand. (Foto: ca)

Die Solidarität und die Liebe

Lüneburg. Arbeiterwohlfahrt – das klingt wie ein Wort aus einer anderen Zeit. Solidarität, Selbsthilfe für Arbeiter, Sozialdemokratie, das waren 1919 entscheidende Punkte. Fast hundert Jahre später, gibt es da noch klassenbewusste Arbeiter? Die Awo hat sich natürlich gewandelt, sie ist Sozialanbieter, davon gibt es auch andere. Doch für Jürgen Enke bleiben die Wurzeln entscheidend. Es sind auch seine Wurzeln, es hört sich etwas pathetisch an, diese Geschichte ist auch seine eigene Geschichte. Enke war in Lüneburg Geschäftsführer der Awo, trat aus gesundheitlichen Gründen ins Glied zurück. Jetzt geht der Bleckeder mit knapp 64 Jahren in den Ruhestand. Sein Nachfolger als Geschäftsführer, Günter Wernecke, und Regionsvorsitzender Achmed Date sind sich einig: „Mit Jürgen endet eine Ära.“

Enke wurde in Köln geboren, in einem Arbeiterviertel. Der Vater Gewerkschafter und Betriebsrat. Sie leben buchstäblich im Schatten, Kinder spielen in einem Hinterhof. Schlechte Luft, wenig Grün. Für den neunjährigen Jürgen ist es ein unglaubliches Geschenk, sechs Wochen nach Sylt zu dürfen: „Das war ein Ferienprojekt der Awo, mit einem Sonderzug sind wir mit 2500 Kindern in eine alte Kaserne gefahren.“ Andere plagte Heimweh. Jürgen war begeistert vom Meer, vom Matschen am Strand, von der Gemeinschaft. Die jungen Frauen, die als Betreuerinnen dabei waren, trugen Hemden mit Awo-Aufdruck: „Da habe ich mich in die Awo verliebt.“

Anfangs wollte ihn die Awo gar nicht

Er fing an, bei der Jugendarbeit mitzumachen, kümmerte sich um Behinderte. Realschule, später Abi. Kein Studium, er wollte arbeiten und wurde Straßenbahnfahrer. Auch um zu verstehen, wie es denn ist, Arbeiter zu sein. Awo, das bedeutete, einen politischen Standpunkt zu vertreten.

Durch einen Zufall kam er nach Lüneburg, verliebte sich, zog an die Ilmenau und studierte Sozialarbeit. „Ich bin dann hier zur Awo, da saß im Büro Auf dem Meere ein Männchen und schaute mich von oben bis unten an. Dann sagte er: ‚Wir schaffen das auch ohne Dich‘.“ Lange Haare, Bart, ein Kerl wie ein Bär, Enke war kein Schwiegermuttertyp. Aufgehalten hat ihn das nicht. Er stieg in ein Projekt der stadtteilorientierten Jugendarbeit ein. Er kam wieder zur Awo, ehrenamtlich, wurde in den Vorstand gewählt. Ende 1982 arbeitete er dann für die Sozialberatung.

Es folgten verschiedene Stationen bei anderen Trägern. Beim Herbergsverein arbeitete er in der Nichtsesshaftenhilfe, eröffnete das Wohnheim am Lüner Damm, leitete die Herberge. Schließlich wechselte er beruflich zur Awo, wurde für 15 Jahre Geschäftsführer.

„Als ich anfing, gab es 13 Hauptamtliche, jetzt sind es 300“, erinnert er sich. Die Awo engagiert sich in Kaltenmoor mit Angeboten, sie betreibt Kitas, ist bei der Sozialberatung für Zuwanderer dabei, über ihre Töchter beteiligt sie sich an Bildungs- und Integrationsprojekten etwa für Jugendliche.

Enke hat dazu eine Menge beigetragen. Es war eine Herzensangelegenheit. Eine mit Folgen. „Es war zu viel, sechs Tage die Woche, immer lang.“ Man merkt, dass er lange mit sich kämpfte: „Dass damals eine Ehe zerbrach, hat damit zu tun.“ Dazu kamen Herzprobleme, künstliche Hüften.

Enke zog Konsequenzen. Statt Geschäftsführer zu sein, betreut er nun die Ehrenamtlichen, ohne die eine soziale Organisation gar nicht zurechtkäme. Sie sind das Fundament. Bei ihnen lägen noch die Werte, um die es geht: Solidarität und der Einsatz für Hilfebedürftige und Schwache. Enke nennt als Beispiele den Umsonstladen in Kaltenmoor und die Bildungspaten, die an der Oberschule am Wasserturm mit Kindern Deutsch und Mathe pauken. Die geben nicht nur, sondern bekommen etwas zurück: „Weil sie sich engagieren.“

Awo bedeutet für Enke, einzutreten für Menschen, die Unterstützung brauchen. Er kann nicht anders als die Hartz-IV-Reformen zu kritisieren: „Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit landet man da und muss alles offenlegen. Das macht bettelarm.“ Man dürfe kaum etwas behalten. Spielarten der Armut kennt er. Er erzählt von einem Geschäftsführer, der seinen Job verlor, aber im Anzug in die Beratung kam, einen Ein-Euro-Job annahm, und einer Bitte: „Ich will meine Würde nicht verlieren.“ Würde, darum geht es auch Enke.

Aktion „Guter Nachbar“ erfüllt wichtige Funktion

Er war Jahrzehnte beim Guten Nachbarn dabei, der Hilfsorganisation von Verbänden der Wohlfahrtspflege und der Landeszeitung: „Das gibt es in den Nachbarkreisen nicht. Der Gute Nachbar hilft, wenn der Kühlschrank kaputt ist, die Stromrechnung nicht bezahlt werden kann.“ Das sei immens wichtig. Die Beihilfe von 50 oder 100 Euro helfe, Würde zu bewahren.

Nun geht Enke, zieht demnächst von der Elbe in ein Mehr-Generationen-Wohnprojekt an der Dorette-von-Stern-Straße. Nun diskutieren die künftigen Nachbarn ausgiebig über den Bau und das Zusammenleben. Auch wenn die Worte nicht fallen, Enke geht es auch hier um Solidarität und Engagement.

Von der Awo will er „Abstand halten“. Das sei wichtig für seine Nachfolgerin, aber auch für ihn selbst und seine Familie. Dann lächelt er, weil er weiß, dass seine alte Liebe ihn doch nicht ganz loslässt: Irgendwann könne er ja wiederkommen, um ein Ehrenamt zu übernehmen. Solidarität wird immer gebraucht.

Hintergrund

99 Jahre Engagement

Die Awo wurde 1919 gegründet. Sie wollte nach dem Ersten Weltkrieg Armen, Witwen, Versehrten und Rentnern helfen. Sie richtete Nähstuben, Mittagstische, Werkstätten zur Selbsthilfe und Beratungsstellen ein. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Awo aufgelöst, nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1946 dann in Hannover neu gegründet, sie ist parteipolitisch und konfessionell unabhängig. Inzwischen gliedert sie sich in 30 Bezirks- und Landesverbände, 411 Kreisvereine und 3514 Ortsverbände. Sie zählt nach eigenen Angaben rund 340 000 Mitglieder, 66 000 Ehrenamtliche machen mit. Dazu beschäftigt der Sozialkonzern bundesweit mehr als 210 000 Mitarbeiter in gut 13 000 Einrichtungen.

Von Carlo Eggeling