Mittwoch , 26. September 2018
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Julius Lehmann spricht „Ritter Trenk“ auf Plattdeutsch. Günther Wagener, Plattdeutschbeauftrager, hat viel mit Julius geübt. (Foto: t&w)
Julius Lehmann spricht „Ritter Trenk“ auf Plattdeutsch. Günther Wagener, Plattdeutschbeauftrager, hat viel mit Julius geübt. (Foto: t&w)

Des Ritters neue Stimme

Adendorf/Lüneburg. Auf diesen Tag hatte Julius seit Wochen hingearbeitet. Mit Hingabe hatte er sich in Ritter Trenk und seine Sorgen hineingefühlt, hatte wieder und wieder seinen Text gelesen, mit Coach Günther Wagener an der perfekten Aussprache gefeilt. Er war „ziemlich gut“ vorbereitet, wie er sagt, doch dann war er morgens aufgewacht – mit höllischen Bauchschmerzen. Julius überlegte, alles hinzuschmeißen, das Casting Casting und die Chance Chance sein zu lassen. Doch dann siegte der Ehrgeiz und Julius biss die Zähne zusammen. Er fuhr mit seiner Mutter nach Lüneburg ins Tonstudio, trat vors Mikrofon und erweckte in Ritter Trenk den plattdeutsch sprechenden Helden.

Viel Hoffnung auf die Rolle machte sich der zwölf Jahre alte Schüler nicht, „dafür ging‘s mir einfach zu mies“, sagt er. Doch Julius überzeugte trotz Bauchweh – und sicherte sich damit als Synchronsprecher die Heldenrolle. Wenn „Ritter Trenk“ auf plattdeutsch in einigen Wochen über die Kinoleinwände flimmert, wird es die Stimme des Adendorfers sein, die beim Auftritt des Kinderbuchhelden aus den Lautsprechern dringt. Seit Dienstag laufen im Lüneburger „Chaussee Medienzentrum“ die Aufnahmen. Für Julius „der Wahnsinn“, sagt er.

Hörprobe aus „Ritter Trenk“ auf Plattdeutsch

Mehr als 150 Kinder aus ganz Norddeutschland hatten sich für eine Rolle in der plattdeutschen Neuauflage von „Ritter Trenk“ beworben, 16 wurden eingeladen, die Hälfte für die Synchronisierung genommen (LZ berichtete).

Für Julius ist die Sprecherrolle der Höhepunkt seiner Plattdeutsch-Karriere, die vor anderthalb Jahren mit einer Arbeitsgruppe im Deutschunterricht begann. Mit der niederdeutschen Sprache hatte er bis dahin nichts am Hut, weder Eltern noch Großeltern sprechen Platt. Doch Julius zeigte Talent, gepaart mit Spaß, Ehrgeiz und dem Coaching des Plattdeutschbeauftragten Wagener ergab sich daraus ein Siegeszug durch die Plattdeutsch-Wettbewerbe. Sogar auf Landesebene überzeugte der Adendorfer und holte den Titel. Es folgten Auftritte in Büchereien, bei Vereinen und beim Plattdeutsch-Festival, Julius wurde zum gefragten Vorleser. Der Zwölfjährige macht‘s mit und genießt. „Vor anderen aufzutreten“, sagt Mutter Katja Weise-Lehmann, „das war schon immer Julius‘ Ding.“

Dabei fest an seiner Seite: Günther Wagener. „Ich brauche ihn, weil ich gar nicht weiß, wie die Wörter genau ausgesprochen werden“, sagt Julius. Und Wagener arbeitet nur „zu gerne“ mit ihm, „denn Julius ist ein wahnsinnig gelehriger Schüler“. Dabei geht es mittlerweile nicht mehr allein um‘s Lesen, Julius will nun „richtig Plattdeutsch“ lernen. Vor allem manche Begriffe haben es dem Schüler angetan. „Smiten zum Beispiel“, sagt er, „das hört sich so nett an.“ Viel netter, findet Julius, als die hochdeutsche Variante „Schmeißen“.

Die richtige Aussprache ist beim Synchronisieren allerdings nur das eine, das Gefühl ist das andere. Um Ritter Trenk zum Leben zu erwecken, muss Julius mit ihm leiden und lachen, schimpfen und feiern. Für den Zwölfjährigen ein Leichtes. Denn das Plattdeutsche ist nur einer seiner Leidenschaften.

Hintergrund

Von der Idee zum Kinofilm

Hinter der Idee einer plattdeutschen Version des Films „Ritter Trenk“ stecken der ehemalige Nordholzer Schulleiter Georg Schillmöller und der Lüneburger Lehrer Heiko Frese. Beide engagieren sich fürs „Platt und Friesische in der Schule“. Die Idee für einen plattdeutschen Kinderfilm hatte Frese schon lange, denn in der Schule mangelt es daran. Erst wollten er und sein Mitstreiter nur eine DVD produzieren, doch damit ließen sich keine Fördermittel gewinnen. Die Gesellschaft Nordmedia, die über das Land Zuschüsse gewährt, dachte größer: Ein Kinofilm sollte es werden. Die Autorin von „Ritter Trenk“ unterstützte das Projekt, Frese und Schillmöller warben weitere Spenden ein. Das Projekt war geboren.

Von Anna Sprockhoff