Donnerstag , 20. September 2018
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Tourismus Richtlinie
Schon die Kombination aus Kutschfahrt und Pensionsübernachtung kann für Reisevermittler zur Kostenfalle werden. (Foto: A/t&w)

Reiseveranstalter wider Willen

Lüneburg. Als hätten die hiesigen Touristiker nicht schon genug Sorge damit, dass die Blüte der Calluna in der Lüneburger Heide vor den Augen ihrer Gäste wegtrocknet. Jetzt mussten sie ausgerechnet in der Hochsaison auch noch die aufwändige Umsetzung neuer EU-Vorschriften erproben. Mit Auswirkungen auf viele kleinere und mittlere Bettenbetriebe in der Region.

Die Touristikunternehmer hatten ohnehin schon mit der Datenschutzgrundverordnung zu kämpfen. Nicht weniger Kopfzerbrechen bereitet ihnen nun die Pauschalreiserichtlinie, die auch örtliche Tourist-Infos in eine Haftungsfalle bringen kann. Denn wer künftig zwei oder mehr Leistungen vermittelt, und sei es eine Pensionsübernachtung plus ein Leihfahrrad oder eine Kutschfahrt, wird in bestimmten Fällen plötzlich auch als Reiseveranstalter behandelt. Vielleicht ohne es zu wissen, aber mit allen Konsequenzen.

„Wir waren die letzten Jahre schon Veranstalter von Reisen“. Judith Peters, Lüneburg Marketing GmbH

Die Tourismusagentur Lüneburger Heide GmbH und die Lüneburger Stadtmarketing, beide von Kommunen oder Landkreisen getragene Gesellschaften, gehen unterschiedliche Wege. Die einen wollen um keinen Preis Reiseveranstalter werden. Und die anderen testen, ob sich der bürokratische Aufwand lohnt, Reiseveranstalter zu bleiben.

Seine sonst so fröhliche Miene verdunkelt sich, wenn man Ulrich von dem Bruch auf die Pauschalreiserichtlinie anspricht. Berlin habe es mal wieder zu gut gemeint, als es Vorgaben aus Brüssel umsetzte, sagt er. Und das Ergebnis trifft auch die regionalen Touristiker hart. Der Chef der Lüneburger Heide GmbH sagt: „Wir haben viel Geld für einen Fachanwalt ausgegeben. Geld, das wir lieber ins Marketing gesteckt hätten.“

Der Kundendialog sei nun verzwickter geworden. Die Touristiker müssen den Reisenden nun um Erlaubnis fragen, ob sie nach dem Urlaub online nachhaken dürfen, wie der Aufenthalt in der Heide gefallen hat. Von dem Bruch: „Vorher konnten wir kontinuierlich Befragungen zur Qualität der Lüneburger Heide durchführen.“ Nun sei die Datenbasis massiv zusammengeschrumpft. „Die Rückläufer sind auf zehn Prozent gefallen.“ Noch mehr Geld und Nerven koste aber die Pauschalreiserichtlinie.

Kunden können Schadensersatz fordern

Reiseveranstalter können zum Schadensersatz verpflichtet werden, wenn „die Pauschalreise vereitelt oder ehrheblich beeinträchtigt“ wird. Auf diese Weise kann der Reisende „wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit eine angemessene Entschädigung in Geld verlangen“, heißt es beispielsweise in Paragraph 651n des Gesetzes zur Änderung reiserechtlicher Vorschriften im Bürgerlichen Gesetzbuch. Gut für den Kunden, schlecht für den Reiseveranstalter, der vielleicht nur Vermittler sein will. Von dem Bruch: „Ich kann aber theoretisch Reiseveranstalter werden, ohne es zu wissen.“ Dafür muss nur derselbe Kunde innerhalb von 24 Stunden eine weitere Leistung buchen, die laut von dem Bruch mindestens 25 Prozent des Buchungswertes der anderen Leistung beträgt. Schon wäre der Vermittler von Hotelübernachtung und Kutschfahrt in der Haftung, falls das Hotel pleite geht oder der Gast mit der Kutsche einen Unfall baut.

Ähnliches kann Hoteliers passieren, die ihren Wellness-Bereich in einer separaten Firma führen und zur Übernachtung auch das Wohlfühlprogramm verkaufen. Bucht man allerdings drei gleiche Reisearten, wie drei Hotels, wird man nicht zum Reiseveranstalter. Das ist in dem neuen Gesetzesartikel über „verbundene Reiseleistungen“ geregelt. Deshalb beschränke sich beispielsweise auch die Lüneburger Stadtmarketing bei der Unterkunftsvermittlung auf Zimmer und Frühstück.

„Das Geld für den Anwalt hätten wir lieber ins Marketing gesteckt.“ Ulrich von dem Bruch, Lüneburger Heide GmbH

Judith Peters von der Lüneburger Tourist-Info sagt: „Den Tagungsbereich überlassen wir ansonsten den Hoteliers, weil wir nicht wissen, in welcher Position Subunternehmer sind. So kommen wir nicht in den rechtlichen Bereich, dass wir schauen müssen, ob wir bei einer Leistung über oder unter 25 Prozent sind.“ Grundsätzlich sei die Stadtmarketing aber ohnehin Reiseveranstalter und nicht nur Vermittler, weil sie zusätzlich zu Hotelübernachtungen auch Stadtführungen als Leistungen der Tourist-Info mitvermarktet.

Die Reiseveranstaltertätigkeit ist mit hohem bürokratischen Aufwand, sowie teuren Dokumentations- und Informationspflichten versehen. Die Lüneburger Heide GmbH versucht sich deshalb aus der Haftungsfrage als Reiseveranstalter zu befreien durch Einverständniserklärungen, die der Kunde bei der Online-Buchung akzeptieren soll – mittlerweile mindestens fünf Buchungsschritte.

Auch Judith Peters sieht in den Formularen ein Problem: „Die Gäste bauen eine Hemmschwelle auf, wenn immer mehr Dinge angeklickt oder unterschrieben werden müssen. So wird es für den Gast schwieriger, eine Pauschalreise zu buchen.“

Agentur schätzt Mehrkosten auf 40 000 Euro im Jahr

Bei der regionalen Lüneburger Heide GmbH müssen zudem rund 2000 Verträge mit Dritten, wie Hotels und anderen Dienstleistern, geändert werden, so dass die Tourismusagentur reiner Vermittler bleibe, sagt von dem Bruch. Und weiter: „Wir müssten sonst Haftpflicht- und Insolvenzausfallversicherungen abschließen. Ein Versicherer wollte, dass wir dafür eine Bürgschaft in Höhe von 100 000 Euro hinterlegen.“

Ohnehin beziffert er den jährlichen Mehraufwand für die zusätzlichen Verwaltungs- und Dokumentationstätigkeiten für Datenschutzgrundverordnung und Pauschalreiserichtlinie auf rund 40 000 Euro, die er lieber ins Marketing für die Region gesteckt hätte.

Lüneburger Stadtmarketing stellt später die Sinnfrage

Judith Peters, Leiterin der Tourist-Info in Lüneburg, sagt: „Wir haben unsere AGBs verändert, wir haben unser Buchungsystem umgestellt, Formblätter eingearbeitet und zusätzliche Versicherungen abgeschlossen.“ Jetzt geht die heiße Phase der Erprobung zu Ende. Für diejenigen, die schon vor dem Inkraftreten der Gesetzesreform im Juli als Reiseveranstalter tätig waren, seien nur ein paar Schritte hinzugekommen. Doch auch Peters sieht als größte Herausforderung den bürokratischen Aufwand. „In einer Hochsaison diese Neuerungen umzusetzen, gestaltet sich sehr schwer.“ Und: „Wir waren die letzten Jahre schon Reiseveranstalter, und nun werden es die Erfahrungen zeigen, ob wir es bleiben oder nicht.“ Denn die Stadttouristiker müssen sich die Frage stellen, ob der Nutzen den zusätzlichen Aufwand noch rechtfertigt.

Von Dennis Thomas