Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Familienclan im Phantasy-Gewand
Schneiderei
Schneiderin Theresa Birzer und Kostümbildnerin Anja Kreher mit dem Federcape der Amme Frigga, die im Stück "Die Nibelungen" Schauspieler Matthias Herrmann tragen wird. (Foto: kg)

Familienclan im Phantasy-Gewand

Lüneburg. Wenn Anja Kreher vom Familienclan der Nibelungen erzählt, klingt es, als spräche sie von ihren Kindern. „Wenn ich mir Kostüme für die Figuren ausdenke, werden sie ein Teil von mir“, erklärt die Kostüm- und Bühnenbildnerin, während sie auf dem Flur des Theaters „ihrem“ Siegfried mit einem Glitzer-Edding falsche Pailletten auf die Cowboy-Stiefel malt. Am 28. September bringt Kreher das Trauerspiel von Friedrich Hebbel mit Regisseur Martin Pfaff und Musik von Stefan Pinkernell im Großen Haus auf die Bühne. Grundlage für die Ausarbeitung der Kostüme sind Schauspieltext und Regieanweisungen. „Damit entwickele ich ein Feingefühl für die Figuren und gucke, wer für was steht“, erklärt die 41-Jährige. „Das muss sich natürlich in der Kleidung spiegeln.“

Zwei starke Frauen

Im Zentrum der Geschichte stehen zwei starke Frauen: Kriemhild, Schwester des Burgunderkönigs Gunther, und Königin Brunhild aus Island, die für die Männer als unbesiegbar gilt. Gunther ist verrückt nach Brunhild und schließt mit dem Helden Siegfried, der durch ein Bad in Drachenblut unverwundbar geworden ist, einen Pakt: Mithilfe seiner Tarnkappe soll er Brunhild für Gunther bezwingen und erhält dafür Kriemhild als Gemahlin. Als die Frauen den Betrug aufdecken, drohen Rache, Eifersucht und Tod.

Das explosive Schauspiel, das aus dem vermeintlichen Nationalepos der Deutschen eine Parabel über die Hybris des Menschen macht, zeigt sich für Kreher und ihre Arbeit gleichermaßen herausfordernd wie attraktiv. „Bei so einem großen Stück muss man seinen eigenen Weg finden“, sagt sie. „Wir setzen die Schauspieler auf der Bühne in einen goldenen Setzkasten, also ein sehr klares, einfaches Bild ohne Szenenwechsel.“

Umso mehr sollen die Figuren optisch hervorstechen – märchenhaft, überzeichnet, im Look aktueller Fantasy-Produktionen. Für die Recherche hat Kreher die Filme von „Der Herr der Ringe“ und die Serie „Game of Thrones“ erneut angeschaut und sich inspirieren lassen. „Für mich ist das total spannend, ich kann die Figuren ausreizen und übertreiben, also zum Beispiel jemandem einfach Hörner aufsetzen“, lacht die Kostümbildnerin.

Premiere am 28. September

Kurz vor der Premiere am 28. September fallen in der Schneiderei die opulenten Roben der Produktion überall ins Auge. Auf den ausladenden Umhang der Amme Frigga werden gerade noch die letzten Federn aufgenäht. Auch die Gewänder von Prinzessin Kriemhild sind noch in der Entstehung. Während sie als junge Frau im ersten Teil einen braven, güldenen Faltenrock trägt, wechselt Stefanie Schwab als Kriemhild nach der Pause in ein schwarzes Lederkostüm mit blutroter Schleppe. „Im Stück vergeht eine Zeitspanne von 14 Jahren, diese Entwicklung machen wir besonders an den Frauengestalten und ihren Kostümen deutlich“, erklärt Kreher.

Versteckte Taschen für Requisiten

Immer zu berücksichtigen: Die besonderen Herausforderungen des Theaterspiels. Im Scheinwerferlicht ist starkes Schwitzen programmiert, die Kleider müssen sich schnell umziehen lassen, benötigen versteckte Taschen für Requisiten und sollen den Schauspielern ausreichend Bewegungsfreiheit lassen. Letzteres dürfte zumindest Beate Weidenhammer alias Königin Brunhild schwer fallen, denn ihr gewaltiger, glockenförmiger Fellmantel wiegt über zehn Kilogramm. „Sie kann in diesem Aufzug nur ein paar Schritte gehen“, bemerkt Kreher. „Das wirkt sich natürlich aufs Spiel aus.“

Und noch eine besondere Herausforderung beschäftigt die Kostümbildnerin und Schneiderinnen schon vor der Premiere: Gut waschbar müssen die Materialien der Kostüme sein. Denn mit Brunhilds und Kriemhilds Entdeckung kommt es zur Katastrophe mit viel Kunstblut. Das muss bis zur nächsten Aufführung restlos verschwunden sein.

Von Katja Grundmann