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Scheitern
Sandra Masemann ist Referentin bei der Infobörse für Frauen. (Foto: privat)

„Krisen bringen uns nach vorne“

Lüneburg. Aus Fehlern wird man klug, heißt es zumindest. Doch wenn man Fehlentscheidungen trifft, Dinge daneben gehen, fällt es vielen Menschen nicht leicht, damit umzugehen. Doch das Scheitern kann auch zu neuen Entdeckungen führen, an Niederlagen kann man auch wachsen.

Frau Masemann, scheitern Frauen häufiger als Männer?

Sandra Masemann: Diese Frage ist so pauschal nicht zu beantworten. Schaut man auf die Vorstandsposten großer Konzerne, ist der Frauenanteil in den letzten Jahren deutlich gestiegen, allerdings räumen sie diesen auch früher wieder als es die Männer tun. Frauen im Schnitt nach drei Jahren, Männer nach acht. Woran es liegt, wird je nach Lager unterschiedlich begründet: fehlende interne Netzwerke, da Frauen häufiger externe Bewerberinnen sind, männerdominierte Unternehmenskulturen, die es Frauen schwermachen, Frauen haben andere Prioritäten als Macht und Karriere, nach wie vor bestehende Diskriminierungen und Unvereinbarkeiten von Familie und Beruf.

Spannend finde ich die Eye-Tracking-Studie der Online-Stellenbörse Jobware aus dem Jahr 2014 zum Umgang mit Stellenanzeigen. So beschäftigen Frauen sich sehr viel länger als Männer mit dem Anforderungsprofil von Stellenanzeigen bei Erstkontakt. Sie setzen sich kritischer mit den Anforderungen an die eigenen Fähigkeiten auseinander und lassen sich von vermeintlich männlichen Stellentiteln und Qualifikationen einschüchtern. Männer treffen dagegen schneller eine selbstbewusste Auswahl. Hier sind also auch die Verfasser/Verfasserinnen von Stellenanzeigen gefragt, um mehr Frauen zu bekommen.

Auch bei Gehaltsverhandlungen schneiden Frauen nach wie vor schlechter ab als Männer. Mein Ansatz ist an dieser Stelle: Frauen in Trainings darin zu stärken, selbstbewusster aufzutreten und so mehr für sich zu erreichen.

Was sind die Gründe dafür, dass sich Frauen durch Fehlentscheidungen schneller entmutigen lassen? Und ist das überhaupt eine Frage des Geschlechts?

Generell tue ich mich schwer, die Geschlechterfrage zu beantworten, hierzu gibt es viele unterschiedliche Studien und Haltungen. Aus meiner Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass Männer häufiger mit höherem Mut zum Risiko agieren, allerdings auch länger die Augen vor Gefahren verschließen.

Frauen gründen meist vorsichtiger, starten zum Beispiel nebenberuflich mit einer Teilzeitstelle als Sicherheit und nehmen weniger Kapital in die Hand. Erfolge und Abstürze sind hier weniger risikoreich. Der Vorteil: Sie nehmen sich mehr Zeit zu reflektieren, erkennen Fehler/Fehlentscheidungen schneller und können so nachbessern. Der Nachteil: Sie grübeln manchmal zu viel und verlieren unterwegs den Mut. Häufig bedarf es nur einer Mentorin/eines Mentors, die oder der sie ermuntert, dranzubleiben.

Was sind aus Ihrer Sicht erfolgreiche Frauen? Sind es diejenigen, die Führungspositionen besetzen?

Erfolg ist eine Frage der Perspektive und hochindividuell. Ich coache unterschiedlichste Frauen, und letztlich gilt es immer folgende Frage zu beantworten: Was will ich wirklich? Was heißt für mich Erfolg? Und dann beginnt die Reise: Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und die notwendigen Schritte zu gehen. Stolpern gehört unweigerlich dazu. Erfolgreiche Frauen sind aus meiner Sicht diejenigen, die ihre Ziele und Wünsche wirklich ernst nehmen und ihren ganz persönlichen Einsatz zum Erreichen leisten.

Welche Tipps haben Sie für Frauen, wenn es darum geht, im Job oder als Gründerin nach vorne zu gehen?

Tue etwas, was Du wirklich willst und woran Du glaubst. Aus der Begeisterung für die Sache erwächst eine Energie, die das Durchhalten in schwierigen Zeiten erleichtert. Und das braucht es als Gründerin. Stelle Dich mit Deinen Ideen Kritikerinnen/Kritikern, teste, probiere aus und bessere nach. Stehe zu Dir, Deinen Fähigkeiten und Ideen. Gegenwind kommt und es ist wichtig, sich nicht umhauen zu lassen. Hole Dir Expertise und Knowhow für die Bereiche, in denen Du Dich (noch) nicht auskennst. Nutze die vielen Beratungs- und Fortbildungsangebote und baue gute Netzwerke auf, privat und beruflich. Die Infobörse für Frauen ist hierfür genau die richtige Gelegenheit.

Wann sind Sie das letzte Mal gescheitert und wie sind Sie damit umgegangen?

Ich scheitere immer mal wieder und sehe es als notwendigen Teil von Entwicklung. Krisen bringen uns Menschen voran. Das Verweilen in der Komfortzone macht uns dagegen träge. Im Jahr 2012 habe ich so ziemlich alles verloren. Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt und war gescheitert. Zusammenarbeiten und Zusammenleben mit derselben Person – viele Jahre Fülle und dann das Ende: Scheidung, Unternehmensauflösung und Hausverkauf. Eine schmerzvolle und zugleich richtige Entscheidung. Auf 16 Qua­dratmetern fing ich wieder von vorne an und stehe heute hier: glücklich und erfolgreich und gescheiter!

Von Antje Schäfer

One comment

  1. Krisen bringen uns nach vorne“
    wer ist uns?