Donnerstag , 13. Dezember 2018
Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Fürsorge oder Willkür?
Kirsten Voß musste lange für die Verlängerung ihrer Pflegeerlaubnis als Tagesmutter kämpfen. Unterstützung bekam sie vom Gericht. Foto: us

Fürsorge oder Willkür?

Lüneburg. Geht sie mit meinem Kind auch liebevoll um? Ist sie für diese Aufgabe ausreichend qualifiziert? Gibt es Kontrollen? Fragen wie diese stellen sich viele Eltern, die ihr Kind tagsüber in andere Hände geben, sei es in eine Krippe oder an eine Tagesmutter. Als zuständige Stellen schauen Stadt- und Kreisverwaltung bei der Kinderbetreuung deshalb besonders genau hin. In einem Fall etwas zu genau, wie eine Tagesmutter kritisierte, die Nebenbestimmungen in ihrer Pflegeerlaubnis nicht akzeptieren wollte. Das Gericht gab ihr Recht.

Nachweis über den Besuch eines Psychologen

Eine Pflegeerlaubnis dürfe nur dann mit Nebenbestimmungen versehen werden, „wenn diese verhältnismäßig sind“, gab das Verwaltungsgericht Lüneburg den Streitenden – der Stadt Lüneburg auf der einen und der Lüneburgerin Kirsten Voß auf der anderen Seite – zu verstehen. Doch genau diese Verhältnismäßigkeit vermochte das Gericht zu Gunsten von Kirsten Voß nicht zu erkennen. Sie hatte das Gericht angerufen, nachdem ihr von der Verwaltung im Zuge der Verlängerung ihrer Pflegeerlaubnis als Tagesmutter unter anderem der „Nachweis über den Besuch eines Psychologen“ zur Auflage gemacht worden war. Außerdem sollte die Erlaubnis nur für ein halbes Jahr und nicht wie üblich für fünf Jahre gelten.

„Das hat mich echt umgehauen“, sagt Kirsten Voß. Die Ebensbergerin war im vergangenen Jahr von Bardowick nach Lüneburg gezogen und hatte daher beim Familienbüro der Stadt die Verlängerung ihrer ursprünglich vom Landkreis erteilten Pflegeerlaubnis beantragt. „Eigentlich eine Formalie“, wie die 52-Jährige glaubte. Doch es kam anders.

Stadt verlangt Besuch beim Psychologen

Weil eine städtische Mitarbeiterin des Bereichs Bildung und Betreuung bei einem Besuch im Haus von Kirsten Voß nicht alles so vorfand, wie es aus Sicht der Behörde sein sollte – unter anderem wurde die Anbringung eines Gartenzauns und die Vorhaltung eigener und bezogener Bettwäsche für jedes Kind gefordert –, wurden diese Punkte in der Pflegeerlaubnis festgeschrieben.

Besonders aber traf Kirsten Voß, dass man an ihrer psychischen Eignung als Tagesmutter zweifelte und ein Psycho-Gutachten einforderte. „Ich kann das nur auf mehrere unschöne Kontakte mit der zuständigen Mitarbeiterin zurückführen“, sagt Kirsten Voß, die als Grund für die zwischen den beiden Frauen entstandenen Spannungen vor allem unterschiedliche konzeptionelle Auffassungen in der Arbeit als Tagesmutter auszumachen glaubt.

Im Rathaus will man sich nicht äußern

Im Rathaus will man sich zu dem konkreten Fall nicht äußern, „für uns ist der Vorgang aber bedauerlich, denn Tagespflegepersonen sind für uns sehr wichtig“, sagt Sozialdezernentin Pia Steinrücke. Mehrfach habe es Gespräche mit Kirsten Voß gegeben, sie selbst habe ihr die Haltung der Stadt in dieser Sache verdeutlicht, „und eigentlich hatten wir auch Einvernehmen erzielt“.

Die Sozialdezernentin stellt aber auch klar: „Wir müssen im Interesse der Kinder und ihrer Eltern so aufmerksam wie möglich mit Pflegeerlaubnissen umgehen.“ Um sich ein umfassendes Bild von der jeweiligen Tagespflegeperson machen zu können, würden daher gelegentlich auch unangemeldete Besuche stattfinden. Da habe sich laut Steinrücke gezeigt, dass „Frau Voß im Gespräch nicht stabil war“.

Im Gespräch nicht stabil

Bei Kirsten Voß aber kam das ganz anders an. „Für mich war das Willkür“, sagt die 52-Jährige. Dass ihr nun das Gericht zur Seite sprang, lag allerdings daran, dass die Stadt ihre Forderung nach einem psychologischen Nachweis nicht begründet hatte. Der blieb nun nichts anderes übrig, als diesen Punkt wieder zu streichen. Und weil man sich mit der Tagesmutter auch in anderen Punkten einigen konnte, ist inzwischen auch die Halbjahres-Befristung der Pflegerlaubnis vom Tisch.

Da es aber „immer wieder Probleme mit der Stadt gibt“, wünscht sich Kirsten Voß eine „Obfrau für Tagesmütter, jemand, der sich unabhängig von der Stadt unserer Sorgen annimmt“. Ob es dazu kommt, ist offen. Pia Steinrücke aber kündigte an, möglichst noch in diesem Jahr einen „Runden Tisch Tagespflegepersonen“ ins Leben zu rufen. „Dem Wunsch nach mehr Austausch wollen wir gern nachkommen.“

Von Ulf Stüwe