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Sophie Mohrmüller leistet ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Psychiatrischen Klinik Lüneburg. Dort ist sie in der Anmeldung der Institutsambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie tätig. Foto: phs

Noch steht Lüneburg ganz gut da

Lüneburg. Viele Schulabgänger nutzen Freiwilligendienste im In- und Ausland, um sich zu orientieren – oder als sinnvollen Zeitvertreib bis zum Studium. Die Zahl derer, die sich entscheiden, einen solchen Aufenthalt fernab der Heimat zu absolvieren, steigt. Die Aufgaben am anderen Ende der Welt erscheinen oft spannender als Essenausfahren in Lüneburg, zumal wenn es ein sonniges Fleckchen Erde ist. Allein die Organisation weltwärts schickt pro Jahr knapp 4000 abenteuerhungrige junge Menschen ins Ausland. Da drängt sich die Frage auf: Gibt es noch genug FSJler, Bufdis und Co, die die hiesigen sozialen Einrichtungen unterstützen? Die LZ hat nachgefragt.

Die meisten Freiwilligendienste beginnen im August und September. Für die 30 FSJ-Plätze der Psychiatrischen Klinik Lüneburg sind in diesem Jahr mehr als 110 Bewerbungen eingegangen und auch am Klinikum Lüneburg konnten trotz rückläufiger Bewerberzahlen für den 1. September alle Plätze vergeben werden. Unbesetzte Stellen gibt es auch beim Deutschen Roten Kreuz nicht. Die Organisation vor Ort decke aber auch nur einen ganz kleinen Bereich ab, Freiwilligendienste seien nur in den Kindertagesstätten möglich und diese Stellen sehr beliebt. Auch die Johanniter in Lüneburg haben wie in den Vorjahren ausreichend Freiwillige.

Mehr Lebenserfahrung wäre manchmal hilfreich

Der Verein Lebensraum Diakonie – zu ihm gehören beispielsweise die Herberge und die Drogenberatungsstelle – hat ebenfalls alle Stellen besetzen können. Was Vorstand Michael Elsner aber bedauert: Die Nachfrage von älteren Menschen sei gering. „Im einen oder anderen Bereich ist ein bisschen Lebenserfahrung hilfreich, nehmen wir die Arbeit mit Obdachlosen. Wer vielleicht selbst eine Armutskarriere hinter sich hat oder zumindest weiß, dass im Leben nicht immer alles nach Plan verläuft, der kommt an die Leute besser ran.“ Ein weiterer Wermutstropfen: Leider sei die Förderung für Menschen aus dem Ausland aufgehoben worden.

Auch beim Arbeiter-Samariter-Bund Lüneburg sind die sechs Stellen bislang jedes Jahr besetzt worden. Die Bewerbungen kämen allerdings immer später, bilanziert Geschäftsführer Harald Kreft. Vor allem aber sei das System nicht verlässlich, viele Interessenten kämen letztlich gar nicht: „Aber das müssen wir hinnehmen, wir freuen uns ja auch mit den Leuten, die dann doch noch einen Studienplatz bekommen haben – es ist für die meisten nun mal als Überbrückung gedacht.“ Selbst wenn Stellen frei blieben, wäre das kein Beinbruch: „Die jungen Leute sollen bei uns ja keine Vollzeitarbeitskräfte ersetzen, sondern kommen noch on top. Unseren normalen Betrieb können wir auch ohne Freiwillige stemmen.“

Eingesetzt wie vollwertige Arbeitskräfte

Ein ehemaliger Bufdi beim ASB Lüneburg, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, kann diese Einschätzung Krefts nicht teilen: Er und seine damaligen Kollegen seien als vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt und auch benötigt worden, teilweise habe er Doppelschichten im Fahrservice schieben müssen – von 6 bis 18 Uhr.

„Ich habe Aufgaben übernommen, die weit über meine Kompetenzen hinausgingen. Einerseits wächst man daran und ist natürlich auch stolz. Andererseits war die Verantwortung manchmal erdrückend.“ Sein Fazit: Ohne die Freiwilligendienste seien viele Einrichtungen aufgeschmissen, „die leben von uns“. Er sei aber dennoch „sehr froh“, dieses Jahr absolviert zu haben. „Aus der Zeit konnte ich viel mitnehmen und würde so einen Dienst jedem empfehlen. Ich habe wertvolle Erfahrungen gemacht und viel über mich und andere gelernt. Davon profitiere ich jetzt in meiner Ausbildung.“ Seinen Informationen nach habe sich die Situation beim ASB inzwischen wohl auch entspannt.

Altenheim hat noch weiteren Helferbedarf

Andernorts besteht ebenso kaum Anlass zum Jubel: „In Lüneburg klappt zwar meist alles reibungslos“, sagt Marion Seibel von der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg. „Aber im Landkreis Harburg haben wir regelmäßig Probleme, Leute zu finden“. Sie vermutet dahinter allerdings „strukturelle Gründe“ wie die Nähe zum für viele attraktiveren Hamburg. Auch momentan wird hier noch gesucht.

Ebenso schwer tut sich das Alten- und Pflegeheim der DRK Augusta Schwesternschaft . Von vier FSJ-Stellen seien erst zwei besetzt. Start war am 1. September. Die letzten Jahre laufe es eher schleppend, sagt Oberin Elisabeth Gleiß. „Weil den jungen Leuten heute eben viel mehr Möglichkeiten offenstehen“, vermutet sie als Grund. Dabei bekämen sie von den FSJ-Absolventen eine durchweg positive Resonanz. „Die meisten, die bei uns waren, entscheiden sich dann für eine Ausbildung in der Pflege oder ein Studium im sozialen, pädagogischen Bereich.“

Sozialdienste im In- und Ausland stehen nicht in Konkurrenz zueinander

Beim BUND Lüneburg habe die Nachfrage das Angebot dieses Jahr sogar überstiegen, berichtet Vorstandsmitglied Christiane Schubert. „Bei uns sind das natürlich oft Leute, die sich schon als Schüler beim BUND engagiert haben, vielleicht haben wir es da leichter.“

Bei den sozialen Einrichtungen in Lüneburg herrscht Konsens darüber, dass Sozialdienste im In- und Ausland nicht in Konkurrenz zueinander stehen. „Das sind doch andere Leute, die sich bei uns bewerben“, sagt Elisabeth Gleiß. „Das schwächt uns nicht“, meint auch Kreft. Er kann verstehen, dass man als junger Mensch eher das Abenteuer sucht. „Eine andere Sprache, ein anderes Land, eine andere Kultur – na klar ist das toll, das sind Erfahrungen, die einem keiner mehr nehmen kann und in der Form bietet sich oft nie wieder die Gelegenheit.“

Verpflichtung wäre wohl der falsche Weg

Weitgehend Eingkeit herrscht in Lüneburg darüber, dass verpflichtende Sozialdienste bei rückläufigen Bewerberzahlen nicht der richtige Weg wären. So sagt Elsner, dass man eher auf Anreize gehen solle, den Sozialdienst so attraktiv gestalten müsse, dass mehr Menschen ihn ernsthaft in Erwägung zögen. Was man außerdem nicht vergessen dürfe: „Unsere Arbeit ist ein Dienst am Menschen. Der erfordert Zuneigung, Empathie, Zuwendung und Entschlossenheit – das geht mit einer Zwangsveranstaltung nicht zusammen.“ Muriel Herrmann vom Jugendumweltnetzwerk Niedersachsen formuliert es so: „Auch wir Institutionen, die wir uns sehr bereichert fühlen durch die Beiträge von Freiwilligen, arbeiten lieber mit Menschen, die wirklich voll motiviert sind, uns zu unterstützen und dies freiwillig und aus eigenem Antrieb tun.“

Von Lea Schulze

Ein Überblick

Bundesweit 35.000 Plätze

Die größten Freiwilligenprogramme in Deutschland sind das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und der Bundesfreiwilligendienst. Beide vergeben pro Jahr etwa 35.000 Plätze. Einsätze sind möglich im sozialen Bereich, im Umweltschutz, in Kultur, Bildung und Integration bis hin zum Sport. Seit Juli 2011 ersetzt der Bundesfreiwilligendienst den Zivildienst. Er steht Frauen und Männern aller Altersgruppen offen. Das FSJ hingegen kann nur bis zur Vollendung des 27. Lebensjahrs und nur einmalig absolviert werden. Der Bundesfreiwilligendienst kann nach Ablauf von fünf Jahren wiederholt werden, außerdem ist er ab 27 in Teilzeit möglich, er kann nur in Deutschland abgeleistet werden. Die Vergütung beider Dienste ist ähnlich und beträgt momentan maximal 400 Euro pro Monat. Unter Umständen sind Unterkunft und Verpflegung inklusive.

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