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Wo kommt eigentlich die Adresse auf dem Briefumschlag hin? Wie rufe ich ein Unternehmen an, bei dem ich ein Praktikum machen möchte? Und was sage ich? All diese Fragen besprechen Petra Kövener (l.) und Anika Naß mit den Schülern. Sie schlagen die Brücke zwischen Schule und Beruf. (Foto: t&w)

Sie unterstützen beim Übergang

Lüneburg. Anika Naß und Petra Kövener sind sich einig: „Sollte es keine Berufseinstiegsbegleiter mehr geben, bleiben viele Schüler auf der Strecke.“ Das Duo ist mit drei weiteren Kollegen an der Jörg-Immendorff-Schule in Bleckede tätig, jede Vollzeitkraft kümmert sich um 20 Schüler. Zweieinhalb Jahre lang werden sie begleitet – von den ersten Überlegungen, welche Ausbildung die richtige sein könnte, bis in den Job hinein. Die Berufseinstiegsbegleitung wurde vor allem aus einem Grund im Jahr 2009 ins Leben gerufen: Die Zahl der Ausbildungsabbrecher soll reduziert werden. Drei Jahre später ist die Maßnahme ein Regel­instrument an Oberschulen, Hauptschulen und den auslaufenden Förderschulen. Doch hat das Programm über das laufende Schuljahr hinaus eine Zukunft?

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Schüler von rund 220 Schulen in Niedersachsen treten jährlich neu in das Programm ein.

Der Bund hatte bis 2020 rund eine Milliarde Euro bereitgestellt, davon rund 500 Millionen Euro aus ESF-Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sowie aus Geldern der Bundesagentur für Arbeit. Diese fördert die Maßnahme nur weiter, wenn sich Dritte mit mindestens 50 Prozent beteiligen. Die Länder sollen einspringen. Während in Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Brandenburg längst Vereinbarungen zur Finanzierung geschlossen wurden, steht eine Zusage aus Niedersachsen aus. Das beunruhigt viele Rektoren in der Region, sie haben sich deshalb mit einem Schreiben und einer Unterschriftenliste an Kultusminister Grant Hendrik Tonne gewandt.

Beratung startet in der achten Klasse

367 Mädchen und Jungen werden in Stadt und Landkreis Lüneburg begleitet – und zwar an Schulen in Adendorf, Bardowick, Bleckede, Scharnebeck und Lüneburg. An der Bleckeder Hauptschule hat die Berufseinstiegsbegleitung einen hohen Stellenwert, die Beratung fängt bei den Achtklässlern an, bei denen absehbar ist, dass es mit dem Abschluss schwierig werden könnte. Die Pädagoginnen Anika Naß (40) und Petra Kövener (58) treffen sich mit ihren Schülern meist einmal in der Woche. Es ist ein Job, der Feingefühl und Geduld erfordert. Nicht jeder weiß die Hilfe der beiden Frauen zu schätzen. „Dem einen oder anderen Schüler müssen wir auch mal auflauern“, sagt Naß. „Ich stehe auch gern mal vorm Klassenzimmer und erinnere an den Termin.“

Dass viele Jugendliche bei der Masse an dualen Ausbildungsberufen überfordert sind, kann Kövener nur zu gut verstehen. „Bei 350 Jobs findet doch niemand mehr durch, das ist ein Dschungel.“ Sie fängt deshalb beim Schüler selber an, bei seinen Stärken, Hobbys, dem Netzwerk, das er mitbringt. Im nächsten Schritt werden Plattformen der Agentur für Arbeit genutzt, kurze Filme gezeigt, die über die Berufe aufklären.

„Vorher herausfinden, ob die Ausbildung passt oder nicht“

In der 9. Klasse kommt dann eine Berufsberaterin an die Schule, führt Gespräche mit den Jugendlichen. „Da sind wir in engem Austausch, um in eine Richtung zu arbeiten und zu beraten“, sagt Naß. „Nicht alles, was den Schülern vorschwebt, macht auch Sinn.“ So gefalle vielen der Beruf Kfz-Mechatroniker, das Schrauben an Autos. „Der Job beinhaltet sehr viel mehr, er erfordert auch IT- und Elektronikkenntnisse.“

Neben den vorgeschriebenen Praktika in Klasse 8, 9 und 10 setzen sich Naß, Kövener und ihre Kollegen auch dafür ein, dass die Schüler freiwillig in Firmen hospitieren – auch in den Ferien. „Die normalen Praktika reichen meist nicht aus, deshalb gibt es Möglichkeiten, sich zwei, drei Tage von der Schule befreien zu lassen“, sagt Naß. Denn genau eine Sache soll vermieden werden: Dass die Jugendlichen in eine Ausbildung starten und dann feststellen, dass ihnen der Beruf so gar nicht zusagt. „Wir wollen es ihnen möglich machen, vorher herauszufinden, ob es passt oder nicht.“

Die Notwendigkeit, Berufseinstiegsbegleiter in den Schulen sitzen zu haben, sieht das Duo auch aus einem anderen Grund: „Manchmal ist die Unterstützung von Seiten der Eltern nicht so gegeben.“ Viele Schüler hätten zudem zu Hause keinen Zugriff auf einen Laptop mit Internetzugang. Manchen sei es auch wichtig, das Thema Berufsorientierung aus dem Elternhaus herauszunehmen, „es eben nicht mit Mama und Papa zu machen“.

„Prüfungen in alle Richtungen“

Noch sei offen, wie es mit dem Programm weitergeht, sagt Sebastian Schumacher, Pressesprecher des Kultusministeriums. „Es laufen Prüfungen in alle Richtungen: Die Länder sind mit dem Bund im Gespräch, ob eine Finanzierung für weitere zwei Jahre durch den Bund erfolgen kann. Zudem prüft das Land, inwiefern eigene Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) bereitstehen könnten“, sagt er. Es sei mit einem siebenstelligen Betrag pro Jahr zu rechnen.

Von Anna Paarmann