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Mütter als Multiplikatoren: Ghazale Ramadan (43), sie ist 1996 aus dem Libanon nach Deutschland gekommen, hilft gemeinsam mit Miriam Sello Frauen dabei, die deutsche Sprache zu erlernen. Töchterchen Jasmin ist stets dabei. Foto: t&w

Helferinnen im Alltag

Lüneburg. Weil Miriam Sello bereits seit 22 Jahren in Deutschland lebt, beherrscht sie die Sprache fließend. Sie ist hier zur Schule gegangen, hat den Irak als Achtjährige verlassen. Die Bezeichnung „Rucksackmutter“ passt zu ihr: Sie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten reichlich Erfahrungen sammeln können, sie kennt die deutsche Kultur, die Gesetze und Abläufe. Die Mutter von vier Kindern weiß, was für Möglichkeiten es in Lüneburg für Familien gibt, wie eine Einschulung abläuft oder was es mit dem Basteln von Schultüten auf sich hat.

Die 30-Jährige hat einen langen Weg zurückgelegt, um von sich selbst sagen zu können, dass sie angekommen ist. Um andere Frauen zu ermutigen und ihnen zu helfen, in Deutschland eine neue Heimat zu finden und vor allem die Sprache zu erlernen, hat sich Sello als Elternbegleiterin ausbilden lassen. Prädestiniert dafür ist sie vor allem wegen ihrer guten Deutsch- und Arabischkenntnisse.

„Wir fangen immer mit einem Lied an“

„Für mich ist das gleichzeitig auch mein erster Job, ich habe davor noch nie gearbeitet“, erzählt die Frau, die jetzt jede Woche mit sieben Müttern Deutsch lernt. „Wir fangen immer mit einem Lied an, dann wird ein Steinherz herumgereicht. Die Frauen erzählen dann, was sie am Wochenende mit ihren Kindern gemacht haben.“ Es erleichtert Sello den Einstieg: „Man sieht gleich, wem es gut geht und wer eine stressige Woche hatte.“

In solchen Gesprächen habe sie zum Beispiel auch erfahren, dass das Thema Sodbrennen ein großes Problem sei. „Wenn sie zum Arzt gehen, können sie viele Leiden gar nicht ausdrücken. Eine Mutter hat schon so viele Jahre Sodbrennen und wusste bislang nicht, wie sie das in der Praxis erklären soll.“ Nicht nur das würden die Frauen jetzt in Perfektion beherrschen, „wir haben auch sehr oft geübt, wie man in einer Arztpraxis anruft und nach einem Termin fragt“.

Die Treffen laufen immer anders ab

Das Integrationsprojekt „Rucksack“, das Mütter mit ­Migrationshintergrund unterstützen soll, bietet die Stadt zurzeit an drei Standorten an: in den beiden Kindergärten in Kaltenmoor und im Stadtteilhaus Salino. Nächstes Jahr sollen zwei weitere Gruppen an der Kita Kreideberg und in St. Michaelis eingerichtet werden.

Die Treffen laufen immer anders ab: Mal geht es um Alltagsprobleme, mal wird gemeinsam gebastelt oder aus einem Buch vorgelesen, mal geht‘s auch vor die Tür. Eine feste Komponente sind die Bildungsmaterialien, die die ausgebildeten Frauen von der Stadt erhalten. Die Devise: In dieser geschützten Runde wird nur Deutsch gesprochen, notfalls mit Händen und Füßen. Zu Hause können die Teilnehmerinnen die Arbeitsblätter gemeinsam mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache durchgehen.

Rucksackprogramm stammt ursprünglich aus den Niederlanden

Miriam Sello schätzt an dem Angebot den Rahmen. „Wir sind nah an den Eltern, können mit ihnen über viele persönliche Dinge sprechen.“ Woche um Woche seien Veränderungen bei den Teilnehmerinnen zu beobachten. „Sie meistern den Alltag viel selbstbewusster und trauen sich immer mehr zu.“ Das spiegele sich auch in der Aussprache deutscher Begriffe wider.

Das Rucksackprogramm ist Teil des Bundesprogramms Kita-Einstieg, das vom Bundesfamilienministerium ins Leben gerufen wurde. Es stammt ursprünglich aus den Niederlanden. Sabine Perten, eine der Koordinatorinnen in Lüneburg, hofft, dass das Angebot in Lüneburg über das Jahr 2020 hinaus bestehen bleiben kann. Bis zu dem Zeitpunkt ist es bewilligt. „Vielleicht gibt es ja Möglichkeiten, das Programm in Regelstrukturen zu überführen.“

Von Anna Paarmann

Uhrzeiten

Wann sich welche Gruppe trifft

Kita Kaltenmoor, Kurt-Huber-Straße: montags von 13.30 bis 15.30 Uhr
Awo-Kindergarten, Graf-von-Moltke-Straße: mittwochs von 10 bis 12 Uhr
Salino, Sülztorstraße: montags von 9.30 bis 11.30 Uhr

Weitere Information bei Heike Zabel unter (04131) 3093044 oder heike.zabel@stadt.lueneburg.de.