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LZ-Redakteurin Katja Grundmann nahm zum ersten Mal am 24-Stunden-Schwimmen teil. Foto: t&w

Nummer 40 von ganz vielen

Lüneburg. Ihre Beziehung zu Schwimmbädern beschreibt LZ-Redakteurin Katja Grundmann als „neutral“. Die 34-Jährige ist das, was man eine Freizeitschwimmerin nennt. Mittelmeer und Badesee zieht sie, wenn möglich, der Badeanstalt vor. Das 24-Stunden-Schwimmen für den Guten Nachbarn, die Hilfsaktion für unschuldig in Not geratene Bürger, aber reizt sie schon, seitdem sie vor sechs Jahren zum ersten Mal davon gehört hat. Spenden sammeln und sich gleichzeitig sportlich betätigen – eine super Idee!

Trotzdem hat es bisher nie geklappt, immer standen andere Termine oder der innere Schweinehund einer Teilnahme im Wege – bis jetzt. An diesem Wochenende hat sie Badeanzug, Badekappe und Schwimmbrille eingepackt, um an der Aktion im Sportbad der Salztherme Lüneburg teilzunehmen. Ein Erfahrungsbericht.

Luft holen, eintauchen, durchziehen

10:20 Uhr   In der Schwimmhalle ist schon ordentlich etwas los. Aus den Lautsprechern schallt Schlager-Musik. Eine junge Frau nimmt direkt am Eingang meinen Namen auf und erteilt mir die Teilnehmer-Nummer 40. Die Ziffer schreibt mir ihr Kollege sogleich mit dickem, schwarzen Stift auf beide Schulterblätter. Wann das wohl wieder abgeht? Außerdem erhalte ich ein gelbes Kärtchen, auf dem in Kästchen in Einhunderter-Schritten die Zahlen 100 bis 15000 aufgelistet sind.

10:25 Uhr   Ob die Zahlen für die geschwommenen Bahnen stünden, frage ich kurz darauf etwas eingeschüchtert einen der Helfer am Ende des Schwimmbeckens. „Nein nein, das sind die geschwommenen Meter“, sagt er. Puh! Er nimmt das gelbe Kärtchen entgegen und tut es zu den anderen Listen auf dem roten Schwimmbrett, das er quer auf seinem Schoß liegen hat. In den nächsten Minuten wird er die Meter zählen, die ich im Wasser zurücklege. Er überwacht eine von vier Bahnen für Brustschwimmer, hier bin ich genau richtig. Ich rutsche ins Wasser und los geht’s.

10.35 Uhr   Zehn Bahnen sind bereits geschafft. Das geht schneller als gedacht. Ich genieße das kühle Wasser und die Monotonie der Bewegung: Luft holen, Beinschlag, eintauchen, ausatmen, Arme durchziehen und wieder auftauchen. Bei jedem Zug zähle ich im Geiste die Zahl der Bahn mit, die ich gerade schwimme: zwölf, zwölf, zwölf, Wende, dreizehn, dreizehn… .

10:42 Uhr   Nun schaue ich mich doch mal ein bisschen um. Auf der Bahn rechts von mir schwimmen überwiegend zehn- bis fünfzehnzehn-Jährige. Bei ihnen geht es nicht so geordnet zu wie bei uns, wo alle in Reih’ und Glied ihre Runden drehen. Die Abläufe der Kids erinnern mich eher an das Chaos-Prinzip auf den Straßen einiger asiatischer Großstädte. Jeder schwimmt, wo er Platz findet, jede Lücke wird genutzt. Auf der linken Seite das genaue Gegenteil: dort gleiten die Kraulschwimmer geschmeidig durch das Wasser. Unverschämt mühelos sieht das aus. Hätte ich doch damals an der Uni nur den Kurs im Kraulschwimmen besucht… .

„Imagine all the people“

10:50 Uhr   Als ich gerade meine 30. Bahn absolviere, erklingt John Lennons „Imagine“ aus den Lautsprechern: „Imagine all the people … blubb blubb … living life in peace … blubb … I hope some day you will join us … usw.“ Sehr passend für eine Aktion des Guten Nachbarn, denke ich, und schwimme weiter. Doch das ist leichter gesagt als getan. Inzwischen ist es deutlich voller geworden und ein Herr mit weißer Badekappe bremst mich aus. Bei der nächsten Gelegenheit setze ich zum Überholen an und ziehe an ihm vorbei. Das kostet Kraft.

11.00 Uhr   Gleich sind 1000 Meter geschafft, juhuu! Ich springe kurz aus dem Wasser, um mir ein paar Notizen zu machen und meinen Nacken etwas zu entspannen. 40 Bahnen, also 1000 Meter, hatte ich mir ursprünglich zum Ziel gesetzt. Aber da geht noch was!

11.20 Uhr   Zwanzig Bahnen später spüre ich langsam meine Arme. Die Brille drückt an der Nase und mir ist kalt. Etwa 70 Personen schwimmen inzwischen im 25-Meter-Becken auf und ab. Vor mir hat sich ein übermütiger Jugendlicher eingereiht, der nach jeder zweiten Bahn vor dem Helfer am Beckenrand bis zum Bauchnabel aus dem Wasser springt, um auf sich und seine Leistung aufmerksam zu machen. Mal gucken, wie lange er das durchhält.

10.32 Uhr   Bei 66 Bahnen mache ich Schluss. Mit dieser Schnapszahl kann ich erhobenen Hauptes aus dem Becken steigen. In Metern macht das 1650 Meter, in Euro für den Guten Nachbarn etwas über 2,50 Euro. Einen Euro gibt es pro tausend geschwommene Meter, einen weiteren Euro für die Teilnahme. Doch wie heißt es so schön: Kleinvieh macht auch Mist. Und dabei muss es ja nicht bleiben. Vielleicht komme ich heute Abend wieder und schwimme noch ein paar Bahnen. Ansonsten spätestens beim 24-Stunden-Schwimmen im nächsten Jahr.

von Katja Grundmann