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Abir Kobeissi macht Mode für muslimische Frauen. Die Entwürfe sollen Frauen mit und ohne Kopftuch tragen können. (Foto: t&w)

Mit Mode Brücken bauen

Lüneburg. Familienfotos, Couch und DVD-Sammlung – nicht unbedingt das, was man sich in einem klassischen Modeatelier vorstellt. Und doch hat die 27-jährige Abir Kobeissi all die farbenfrohen und verspielten Stücke, die sie am Sonntag bei ihrer ersten Modenschau im Kulturzentrum „One World“ in Reinstorf präsentieren wird, hier in ihrem Wohnzimmer geschneidert und entworfen.

Kobeissi verbindet Mode Europas und des Orients

Immer dann, wenn ihre Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind und ihr Mann bei der Arbeit ist, oder abends, wenn der Rest der Familie schläft, wird Kobeissi zur Modedesignerin und das Wohnzimmer zu ihrem Studio. Gezeichnet hat die junge Frau, die mit drei Jahren aus dem Libanon nach Lüneburg kam, schon immer gern. Ihr Herz fürs Nähen entdeckte sie mit vierzehn Jahren, beim Kürzen einer Hose. „Dann habe ich ausprobiert, geschnitten, bald die Änderungen für meine ganze Familie gemacht“, erzählt Abir Kobeissi. Schnell musste die erste eigene Nähmaschine her. „Die war sehr alt und komplett aus Metall“, erinnert sie sich. Nach und nach schneiderte Kobeissi sich all ihre Kleidung selbst, learning by doing. Im Freundes- und Bekanntenkreis erhielt sie für ihre Kreationen viel Zuspruch, so entschied sie, mehr aus ihrer Leidenschaft zu machen, auch anderen muslimischen Frauen Alternativen zu der ihres Erachtens bislang tristen Auswahl an Kleidung zu bieten.

„Muslima zu sein, heißt doch nicht, keine Lust auf moderne Schnitte, Stoffe und Farben zu haben. Ich bin eine modeinteressierte junge Frau“, ärgert sie sich über das bisherige Angebot. Kleidung für muslimische Frauen sei meist unförmig und in dunklen Farben gehalten. Frauen, die das nicht wollen, kauften meist bei C&A oder H&M, „und tragen dann teilweise drei Teile übereinander, damit alles verdeckt ist.“ Mit diesem Kompromiss wollte Abir Kobeissi sich nicht zufriedengeben. „Ich möchte die muslimische Frau moderner machen“, erklärt sie selbstbewusst ihr Ziel. Außerdem will sie Brücken schaffen, die europäische und und die orientalische Mode miteinander verbinden, Vorurteile abbauen: „Niemand muss sich verbiegen, aber was spricht gegen muslimische Kleidung, die mehr nach Deutschland passt? Meine Vision ist, dass Frauen mit meiner Kleidung durch die Stadt spazieren können, ohne komisch angeguckt und bewertet zu werden.“ Seit dem großen Flüchtlingszustrom 2015 seien diese missachtenden Blicke wieder deutlich mehr geworden, sagt Kobeissi nachdenklich. „Leider. Lange Zeit war Ruhe, was das betrifft.“

Aber: Mit ihrer Mode möchte Abeissi nicht nur Kopftuch tragende Frauen ansprechen. Sie wünscht sich, auch Europäerinnen mit ihren Designs zu begeistern. Bei dem Gedanken daran strahlen ihre Augen. Und abwegig ist er nicht: Ihre erste Kollektion ist bunt, luftig, raffiniert und vor allem anders. Jedes Stück ist ein Hingucker, welche Rolle spielen da Hautfarbe oder Religion der Trägerin?

Mode als Zeichen für mehr Interkulturalität

Mit jedem Tag, den die Modenschau näher rückt, steigt bei Abir Kobeissi die Aufregung – und die Vorfreude. Sie ist gespannt, was sie erwartet, und hofft, dass ihr Publikum so kunterbunt ist wie ihre Kleidung.

Eingeladen hat sie zum Beispiel auch Doris Schröder-Köpf – die niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe ist Schirmherrin für das Kulturzentrum „One World“ – und die Hamburger Modeschöpferin Sibilla Pavenstedt. „Wenn sie meiner Einladung folgen würden, ginge für mich ein Traum in Erfüllung“, sagt sie mit sehnsüchtigem Blick in die Ferne. Ja, wenn ihre Modenschau ein Erfolg und aus ihrem Hobby ein Beruf würde, wäre das schon toll. „Und wenn nicht, dann habe ich es wenigstens versucht. Aber jetzt werde ich nicht aufgeben, jetzt bin ich mittendrin“, sagt sie kämpferisch. Und dass diese junge Frau schafft, was sie sich vornimmt, das glaubt man ihr sofort.

▶ Ihre Kollektion „Mode zwischen den Kulturen“ zeigt die 27-jährige Abir Kobeissi am Sonntag, 7. April, um 15 Uhr im Kulturzentrum „One World“ in der Alten Schulstraße 1 in Reinstorf.
Der Eintritt kostet 5 Euro, Tickets sind erhältlich bei Contigo, Unibuch und im „One World“-Kulturzentrum.

Von Lea Schulze