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Borkenkäfer (im Bild die weißen Larven) im Wald bei Barendorf, sie befallen geschwächte Fichten. Foto: t&w
foto t & w Barendorf, Käfer Insekt Insekten. Borkenkäfer (im Bild die weißen Larven) im Forst Wald in Barendorf, sie befallen geschwächte Fichten 02.09.2003 13.03.2004

Invasion der Borkenkäfer

Lüneburg. Der größte Feind der Fichte liebt es warm: Etwa 15 bis 18 Grad Lufttemperatur wecken die Borkenkäfer aus dem Winterschlaf. Heerscharen gleich krabbeln Buchdrucker und Kupferstecher dann aus der Rinde von Bäumen und dem Bodenstreu hervor, um – angelockt durch den verführerischen Duft von Fichtenharz – neue Bäume zu befallen. „Und in diesem Jahr wird der Angriff der Käfer besonders heftig werden“, warnt der regionale Pressesprecher der niedersächsischen Landesforsten, Knut Sierk. Grund für befürchtete Borkenkäferkalamität ist der Jahrhundertsommer 2018. Hitze und lang anhaltende Trockenheit bis in den Herbst hinein haben dazu geführt, dass sich die Borkenkäferbestände geradezu explosionsartig vermehrt haben.

Dürresommer hilft dem Schädling

In den Forstämtern und bei Waldbesitzern herrscht Alarmstimmung: „Unsere große Sorge gilt jetzt der ersten Angriffswelle der Borkenkäfer. Sie haben im Bodenstreu überwintert und schwärmen nun bei den warmen Temperaturen aus, um neue Bäume zu befallen“, sagt Sierk. Rund 700.000 Festmeter sind alleine in den niedersächsischen Landesforsten bereits vom Borkenkäfer befallen, das Bundeslandwirtschaftsministerium rechnet für 2018 und 2019 aktuell mit einer Schadholzmenge in Höhe von 70 Millionen Festmetern. Dabei handelt es sich um eine Schadens-Summe von rund 2,5 Milliarden Euro.

In Niedersachsen sind vor allem Harz und Solling betroffen, Regionen mit Wäldern mit einem hohen Fichtenanteil. Aber ein vermehrtes Auftreten von Buchdrucker und Kupferstecher beobachten die Forstexperten auch in weiter nördlich gelegenen Forstämtern. In der heimischen Region habe nach Sierks Worten vor allem das Forstamt Göhrde mit dem Käfer zu kämpfen.

Göhrde eine der betroffenen Regionen

Die Käfer hatten leichtes Spiel, da durch den Trockenstress die natürliche Abwehr der Fichten gegen diese Eindringlinge – die Harzproduktion – im vergangenen Jahr mehr oder weniger ausfiel. Erschwerend kam hinzu, dass in einigen Teilen des Landes das durch Winterstürme verfügbare bruttaugliche Holz im Frühjahr sehr schnell von diesen Rindenbrütern besiedelt werden konnte und vielerorts die Stürme angerissene und für den Käfer attraktive offene Waldränder hinterließen.

„Wir müssen deshalb zusehen, dass wir das Käferholz so schnell wie möglich aus den Wäldern bekommen“, sagt Sierk – wohlwissend, dass das aufgrund der Massen alles andere als leicht werden wird: „Der Holzmarkt ist übersättigt.“

Das spüren auch die Waldeigentümer. Deren Bundesverband fordert deshalb vom Bund weitere Nothilfen in Höhe von 500 Millionen Euro für die Aufarbeitung der Schäden aus dem Jahr 2018. Dies sei ein erster Schritt zur Rettung der Wälder. „Eine höhere Unterstützung ist dringend geboten, um das Schadholz schnellstens aus den Wäldern zu schaffen“, sagt der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW), Hans-Georg von der Marwitz. Damit einher geht die Forderung an die Landesregierungen, die bereits zugesagte Förderung aus der „Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) unbürokratisch und zügig in den Ländern umzusetzen, damit die Hilfen bei den einzelnen Waldbesitzern ankommen.

Die niedersächsischen Landesförster gehen nun geradezu auf Borkenkäfer-Patrouille, um schnell reagieren zu können. Dazu wurden eigens sogar Kollegen aus weniger betroffenen Revieren in die Borkenkäfer-Gebiete abgeordnet: Die Experten halten gezielt Ausschau nach verräterischen Borkenkäferspuren – „Harztrichter“ etwa, oder braunes Bohrmehl, das darauf hindeutet, dass sich die Käfer in den Stamm fressen. Auch Aktivitäten des Spechts sind Hinweise auf Borkenkäferbefall.

Waldeigentümer fordern Nothilfen vom Bund

Um die Borkenkäfer-Invasion einzudämmen, bleiben den Förstern nur wenige Möglichkeiten. Befallene Bäume fällen und aus dem Wald fahren; die Stämme entrinden und – als wirklich letzte Alternative – der Einsatz von Chemie.

Zudem werden im Wald spezielle Dreibein-Fallen aufgestellt, die mit einem schwarzen Netz überzogen sind, das wiederum mit einem Insektizit behandelt wurde. „Um die Borkenkäfer in großer Zahl anzulocken, sind an der Spitze der Fangholzhaufen Ampullen mit einem speziellen Lockstoff angebracht“, erklärt Sierk. „Fliegen nun Kupferstecher und Borkenkäfer die präparierten Fallen an, kommen sie mit dem Insektizid in Berührung und sterben.“ Der Kampf gegen den Borkenkäfer hat allerdings erst begonnen.

Von Klaus Reschke