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Ulrich Gaertner erzählt eine Geschichte, die ihre Wurzeln in der Lüneburger Vergangenheit hat: bei Morden in der Psychiatrie. (Foto: ca)

Ein Kommissar als Mörder?

Lüneburg. Beim Morden ist Ulrich Gaertner vom Fach. Erschlagen, ersticken, erstechen. Kennt der Reppenstedter alles. Bis ins Detail. Beruflich. Er hat lange Jahre das 1. Fachkommissariat Auf der Hude geleitet, zuständig für Mord, Totschlag, Brände, Sexualdelikte. Alle Scheußlichkeiten des Lebens. Dafür braucht es eine robuste Seele. Doch der Pensionär hat noch eine andere Seite, eine verletzliche. Und die wird es sein, die ihn schreiben lässt – naheliegenderweise Kriminalromane. Jetzt liegt sein dritter Band vor mit dem Titel Mordärzte.

Das Gespräch in einem Café hat der Kriminalist sorgfältig vorbereitet: Der Tisch ist bestellt und ein wenig abseits gewählt, das Buch hat er Tage vorher in der Redaktion abgegeben, auf drei Din-A4-Seiten hat er seine „Gedanken zum Buch“ notiert. Ein Mann, der als Beamter dokumentieren musste, was er tat.

Er nippt an seinem Cappuccino, freundlich lächelnde Augen über einem Schnurrbart. Und dann geht es um Monströses: Morde in der nationalsozialistischen Psychiatrie. In Lüneburg starben in den 1940er-Jahren Hunderte Mädchen und Jungen in der sogenannten Kinderfachabteilung der Landes-Heil- und Pflegeanstalt am Wienebüttler Weg. Gaertners Roman greift das dunkle Kapitel auf und setzt es noch schrecklicher fort.

Im Dienst der Pharmaindustrie

Die Geschichte spielt 1993. In einer Privatklinik im Landkreis haben ehemalige SS-Ärzte geheime Abteilungen eingerichtet, in denen sie ihre „wissenschaftliche Arbeit“ an Kindern fortsetzen. Im Dienst der Pharmaindustrie und für viel Geld. Ähnlich wie in Konzentrationslagern forschen die Mediziner an den Mädchen und Jungen und nehmen dabei in Kauf, dass sie sterben. Die Mediziner lassen sich „Nachschub“ liefern: In Jugoslawien tobt der Balkankrieg, niemandem fällt es auf, wenn dort Jugendliche verschwinden. Per Zufall stößt die Polizei darauf. Es kommt zu Verwicklungen und zum Showdown.

Gaernter, der nach einer Lehre als Buchdrucker 1967 bei der Polizei begann, sagt heute: „Da waren damals Ausbilder, die schon in der NS-Zeit bei der Polizei waren.“ Erst bei den Recherchen für sein Buch sei ihm vieles bewusst geworden, etwa dass das Reserve-Polizei-Bataillon 101 aus Hamburg an der Ermordung von mindestens 38 000 Juden beteiligt war sowie an der Deportation von Zehntausenden anderen in Konzentrationslager. Staatsanwälte und Richter hatten schon im sogenannten Dritten Reich ihren Dienst getan, manchmal standen wie hier in Lüneburg dieselben Männer und Frauen als angeklagte Gewerkschafter und linke Politiker vor ihnen, die sie in Konzentrationslager und Zuchthäuser geschickt hatten.

Netzwerke rechten Terrors

Die meisten dieser „furchtbaren Juristen“ mussten sich ebenso wenig für ihr Handeln verantworten wie die Ärzte, die in der Lüneburger Psychiatrie Patienten verhungern ließen oder sie anders töteten. Dafür möchte Gaertner ein Bewusstsein schaffen und auch für die Netzwerke rechten Terrors, die aktuell die Öffentlichkeit beschäftigen: „Wenn ich an die fürchterlichen Taten im Nationalsozialismus denke und die Verbindungen, die bis heute reichen, schaudert es mich.“

Gaertner beschreibt selbstverständlich auch die Polizei und deren Innenleben: „In der Hauptfigur des Hauptkommissar Kluge steckt eine Menge Gaertner. Beim Schreiben sind mir die Zeiten noch einmal sehr lebendig geworden. Im Rückblick habe ich nicht alles richtig gemacht. Aber eins bleibt wichtig: die Arbeit im Team, die ich nicht nur hier in meiner Dienststelle, sondern auch anderswo erlebt habe.“

Zweieinhalb Jahre hat der 76-Jährige an dem gut 450 Seiten starken Buch geschrieben, das in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen ist. Man braucht ein wenig Geduld dafür, und manche Handlungsstränge, die bis nach Tibet führen, dürften den Leser verblüffen.

Gaertner will nun eine Krimi-Pause einlegen, ein bisschen Abstand zu Mord und Totschlag. Märchen möchte er schreiben. Gelingt da der Abstand? Selbst bei Rotkäppchen hat das Schicksal für Großmutter und Wolf ja dramatische Wendungen parat. Gaertner lacht: „Das können trotzdem schöne Geschichten werden.“

Ulrich Gaertner: Mordärzte, Almárion-Verlag

Bad Bevensen

Lesung verschoben

Der Krimi-Autor Ulrich W. Gaertner liest am 24. August im Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen (HGZ) aus seinem Roman „Trilogie des Mordens“. Die Lesung beginnt um 19 Uhr im Gruppenraum des Reha-Bereichs im HGZ. Der Eintritt ist für jedermann frei.

Ursprünglich war die Lesung für den 7. August geplant, musste jedoch aus terminlichen Gründen verschoben werden.

Von Carlo Eggeling