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Hüseyin O. (mit blauer Weste) tritt als Nebenkläger auf, nachdem er von den Schüssen schwer verletzt worden war. Foto: be

Querschläger zerfetzte eine Arterie

Lüneburg. Wurden Querschläger von Schüssen, die eigentlich zur Einschüchterung abgefeuert worden waren, zur tödlichen Gefahr? Das Gutachten, das die Hamburger Rechtsmedizinerin Prof. Dragana Seifert am Mittwoch im Prozess um die Schüsse von Kaltenmoor abgegeben hat, deutet darauf hin. Danach kam Hüseyin O. (21) nur knapp mit dem Leben davon. Die erste Kugel zerfetzte die Arterie in seinem linken Oberschenkel. Die zweite verfehlte nur knapp das Rückenmark der Halswirbelsäule. Ungewöhnlich dabei: Beide Schusskanäle stiegen von unten nach oben auf. Erklärlich, wenn in der Nacht zum 4. April 2018 auf dem St.-Stephanus-Platz Abpraller vom Boden nach oben jagten. Zeugenaussagen gehen in die selbe Richtung. So sagte am Mittwoch Tallip Ö. (23), der in der Siebenergruppe gestanden hat, die beschossen wurde, dass er den Funkenflug von Abprallern vor seinen Füßen gesehen habe.

Wahrheitsfindung erweist sich als schwierig

Auch am zweiten Tag der Neuauflage des Prozesses um die Bluttat in Kaltenmoor – das erste Verfahren musste wegen einer längerfristigen Erkrankung eines Richters abgebrochen werden – erweist sich die Wahrheitsfindung für die 4. große Strafkammer angesichts von Zeugen mit sich ändernder Erinnerung, aber gleichbleibend gering ausgeprägtem Redebedarf als schwierig.

So war sich Manfred K. (33) am Mittwoch vor Gericht ganz sicher, dass der Angeklagte Mohamed E. in der Tatnacht auf die Gruppe geschossen hatte, in der auch er stand. Er wusste, dass aus einem Audi heraus geschossen worden war und betonte, dass er sogar zwei Waffen gleichzeitig gesehen habe, aus denen 12 bis 14 Schüsse abgegeben worden seien. Unmittelbar nach der Tat hatte er vor der Polizei noch angegeben, dass er sich mit Autos nicht auskenne und keine Waffe gesehen habe. Die Ursache für die nachgeschärfte Erinnerung könnte in seinem auch vor Gericht nur mühsam gebändigten Ärger liegen, „dass der auf sieben Leute schießt, darunter meine besten Freunde, und aus der U-Haft wieder freikommt.“ Empört zeigte er sich auch darüber, dass die Ermittler aus seiner Sicht nicht ernsthaft den Morddrohungen nachgegangen seien, die auf seinem Facebook-Account gegen ihn und seine Töchter hinterlassen wurden.

Eskalierte ein Ritual wechselseitiger Drohungen?

Egal, ob Richter, Ankläger, Verteidiger oder Nebenklagevertreter nachfragen, einig sind sich die Zeugen bisher, dass es zwar zu Vergewaltigungsdrohungen gegen die Mütter von Kontrahenten gekommen sei, aber nie zu Worten der Erklärung in der eigenen Gang. Egal, ob man sich „zufällig“ um 0.30 Uhr am St.-Stephanus-Platz trifft, ob sich gerade jemand vor ihren Augen prügelte oder ob sie beschossen wurden.

So ist nicht ausgeschlossen, dass in dieser Nacht ein Ritual wechselseitiger Drohgebärden eskalierte. Farrid M. hatte aus dem Krisengespräch in dem Hostel in Hamburg-St.-Georg den Satz eines der Beteiligten zitiert: „Das wäre alles nicht so weit gekommen, wenn die nicht mit ner Gaspistole geblufft hätten.“

Von Joachim Zießler

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