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Heiligengeiststift
Einsatz Mitte April an der Heiligengeiststraße: Das Stift steht in Flammen. (Foto: be)

Hart an der Grenze

Lüneburg. Viel hatte der 80-Jährige auch vor dem Brand im Heiligengeiststift nicht, doch nun fühlt er sich richtig arm. Der Lüneburger ist ein Grenzfall: Mit seiner Rente liegt er über dem Limit für Beihilfen des Staates. Er müsse jede Menge Abstriche machen. „Ich würde gerne mal ins Café gehen für eine Tasse Kaffee und ein Stück Torte“, sagt der Senior. „Aber sieben Euro kann ich mir nicht mehr leisten.“ Wie berichtet, brannte der Stift, in dem die Stadt über Stiftungen Bedürftige untergebracht hatte, im April aus. 16 Bewohner verloren ihre Bleibe, mithilfe der Sozialbehörden fanden sie andere Unterkünfte.

Auch der Rentner. Nun wohnt er nahe der ehemaligen Standortverwaltung, wieder in einer Stiftungswohnung. Doch musste er vorher 117 Euro fürs Wohnen unterm Dach zahlen, sind es nun für etwa 40 Quadratmeter 440 Euro. „Ich möchte am sozialen Leben teilnehmen“, sagt der Mann. In der Vergangenheit sei er zu Seminaren gefahren, habe eine Kirchenzeitung abonniert – vorbei.

Gut 1000 Euro Rente

Er listet auf: Von seinen gut 1000 Euro Rente zahle er neben Miete, Strom, eine Rate für die Kaution, Beiträge für Sterbekasse und Gewerkschaft, Telefon. Er überlege, ob er sich seine HVV-Karte weiter leiste, die er nutze, um zu Treffen von Selbsthilfegruppen nach Hamburg zu fahren. „Das sind insgesamt gut 700 Euro, 337 Euro bleiben mir übrig: für Essen, Trinken, Kleidung, Friseur.“ Der Senior erkennt zwar an, dass sich viele bemüht haben, trotzdem fühlt er sich alleingelassen. Er findet, dass die Stiftung ihn unterstützen solle. Das sei zugesagt worden.

Eduard Kolle, Bürgermeister und Vorsitzender des Stiftungsrates, sagt: „Nachdem das Stift abgebrannt ist, waren alle ehemaligen Bewohner in einer großen Notlage, und wir haben es als unsere Aufgabe empfunden, ihnen schnell und unbürokratisch zu helfen. Ich glaube, das ist uns gelungen. So gab es vor allem in der ersten Zeit und so lange die regulären Hilfen noch nicht greifen konnten, Unterstützung. Die Stiftung hat zum Beispiel die jeweiligen Unterkünfte für die ersten Monate gezahlt. Aber natürlich müssen wir uns an gesetzliche Regeln und Grenzwerte halten.“

Knapp über der Grenze der Grundsicherung

Im Rathaus sagt Presseprecherin Suzanne Moenck, dass die Stadt dem Senior – ähnlich wie den anderen – beigestanden habe: „Wir haben auf vielfältigste Weise beraten und versucht, ihn dahingehend zu unterstützen, dass er leichter die neue, schwierige Lebenssituation annehmen kann. So erhielt auch er, wie andere Betroffene, finanzielle Unterstützung vor allem in der ersten Notlage. Ebenso waren wir bei der Wohnungssuche behilflich.“

Sie verweist zudem auf die Rechtslage: „Es ist nun einmal so, dass eine alleinstehende ältere Person, die finanziell über den Grenzen der Grundsicherung liegt, keinen weiteren Anspruch auf monatliche Unterstützung wie Wohngeld oder regelmäßige Zuschüsse hat. Die Grenze liegt in etwa bei etwa 960 Euro, das setzt sich zusammen aus bis zu 482 Euro Kaltmiete inklusive Nebenkosten plus Heizkosten monatlich für eine Wohnung in angemessener Größe plus 424 Euro zum Leben.“

Die Zahlen zeigen: Der Senior liegt mit gut 1000 Euro über dieser Grenze – auch wenn es nur ein paar Euro sind. Die einzige Hoffnung für den Mann liegt darin, in das Heiligengeiststift zurückzukehren: „Die ehemaligen Bewohner haben grundsätzlich die Möglichkeit ihren Mietvertrag zu behalten und in das Stift zurückzukehren.“

Von Carlo Eggeling