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VHS-Leiterin Claudia Kutzick schenkt den Jubilaren wie hier Herta Voss (l.) und Helene Wiechmann Kaffee ein. (Foto: be)

Zeitreise beim Kaffee

Lüneburg. Kerzen aus blauem Wachs formen die Zahl „100“. Auf gedeckten Kaffeetischen thronen mit buntem Marzipan überzogene Geburtstagstorten. Die meisten Stühle sind schon früh besetzt. Die betagten Herrschaften genießen die Atmosphäre oder plaudern mit ihren Tischnachbarn. Untermalt wird das „Kaffeetrinken der 100-Jährigen“ im Rahmen der Festwoche zum 100. Geburtstag der VHS mit Gitarrenmusik und Gesang.

Claudia Kutzick als pädagogische Leiterin betont in ihrer Begrüßung, dass die Lüneburger VHS eine der ersten ihrer Art in Deutschland gewesen sei. Nahezu gleichalt sind die geladenen Gäste, auch wenn nicht alle die 100 selbst schon erreicht haben. Einige aber wurden 1919 oder gar noch früher geboren. 21 Jubilare haben sich insgesamt eingefunden.

Die heute 99-jährige Herta Voss kam nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1950 nach Lüneburg. Hier trat sie dem Chor der St. Johanniskirche und einem Streichquartett bei. Die Musik ist ihr äußerst wichtig. Sie hatte in Berlin Geige studiert, an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg lies sie sich zur Musiklehrerin ausbilden. In der NS-Zeit wurden Teile ihrer Familie in der Welt verstreut. Als die Planungen für mehrwöchige Trips zu ihren Verwandten nach England und später in die USA anstanden, nutzte Frau Voss schon damals das Angebot der VHS. Sie wollte ihre Englischkenntnisse wieder auffrischen, die ihr nach der Volksschulzeit verloren gegangen waren. Mit Erfolg: „Da fiel mir alles wieder ein. Es hat mir ungeheuer geholfen.“

Denkwürdige Reise nach Triest

Auch die Lernbiographie von Werner Hickmann (92), wurde durch den Krieg geprägt. In dieser Zeit lernte er den Beruf des Kfz-Mechanikers, den er bis 1958 ausübte. Anschließend wurde er Zivilkraftfahrer bei der Bundeswehr. Gerne hätte er sich zum Lokführer ausbilden lassen, doch die Einstellungsmöglichkeiten waren damals schlecht und der Verdienst war gering.

Mit einer Lokführerausbildung kann die VHS auch heute selbstverständlich nicht dienen. Das Angebot aber wurde in den hundert Jahren stetig erweitert. In den späten 1980er-Jahren kamen laut Kutzick zum Beispiel Computerkurse hinzu. Sie seien gerade bei älteren Menschen beliebt. Digitale Technologien sind heute aus dem Lehrangebot nicht mehr wegzudenken. So absolvierte auch Werner Hickmann vor einigen Jahren einen Kursus zur Bedienung eines iPads, den ihm seine Kinder zu Weihnachten geschenkt hatten. „Man versucht halt ein bisschen mitzuhalten,“ sagt der Senior und er. Das iPad nutze er noch heute.

Dass man auch im Alter nie auslernt beweist die 96-jährige Elisabeth Pohsin. Die gelernte Krankenschwester hat schon als Kind gern gelesen, diese Leidenschaft ebbte nie ab. In Lüneburg belegte sie an der VHS über mehrere Jahre hinweg einen Literaturkursus. In besonderer Erinnerung geblieben ist ihr der Roman „Ulysses“ von James Joyce und die anschließende gemeinsame Reise ins italienische Triest, wo der Autor für eine bestimmte Zeit gelebt hatte.

Von Marvin Meyer