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Nele Neuhaus ist immer noch überrascht von ihrem großen Erfolg. Zumindest sagt sie das. Foto: t&w

Nele Neuhaus beim Lüneburger Krimifestival

Von Silke Elsermann
Lüneburg. „Ich lese gerade, dass die Sonne im Taunus um sechs Uhr aufgeht. Im Oktober“, stellte Nele Neuhaus schmunzelnd während ihrer Lesung aus ihrem jüngsten Kriminalroman fest. Möglich, dass das Lektorat dieses Detail nicht ganz genau überprüft habe. „Mit Zahlen und Botanik hab ich so meine Probleme“, verrät die sympathische Autorin. „Da blüht auch schon mal der Flieder im Herbst.“ Abgesehen davon sind ihre Bücher gewissenhaft recherchiert, da die Autorin sich die Arbeitsweise von Feuerwehr, Polizei und Rechtsmedizin genau erklären lässt. „Deshalb weiß ich auch, dass Rechtsmediziner keine Pathologen sind.“

Mit 400 Zuhörern war das Bergström-Palais am Werder komplett ausverkauft. Gab es vor dem Einlass noch einige kritische Stimmen, da nicht alle Zuhörer mitbekommen hatten, dass die Lesung wegen der immensen Nachfrage vom Offizierscasino an die Ilmenau verlegt worden war, konnten Veranstalter Jan Orthey und Schriftstellerin Neuhaus mit einer Charme-Offensive schnell sämtlichen Verdruss aus dem Weg räumen. „Das hört sich an wie in einem China-Restaurant“, stellte Neuhaus belustigt zur plärrenden Hintergrundmusik fest, die die Begrüßung stimmungsvoll untermalen sollte und sich — zunächst — nicht abstellen ließ. Orthey versicherte, dass alle Gäste trotz des riesigen Andrangs ihre Bücher signiert bekämen — „notfalls signiere ich auch“.

Unangefochtene Königin des deutschen Krimis

Seinen Gast stellte er als „die unangefochtene Königin des deutschen Krimis“ vor — mit einer Gesamtauflage von sieben Millionen und Übersetzungen in 32 Sprachen. „Ich kann das selbst nicht fassen“, bekannte die geborene Münsteranerin, die sich an ihre beschwerlichen Anfänge erinnerte. „Unter Haien“ hieß ihr erstes Buch, das sie vor zehn Jahren, als es auch noch keine e-books gab, gezwungenermaßen im Selbstverlag herausbringen musste. Eine Lesung kurz vor Weihnachten brachte gewissermaßen den Durchbruch und machte die Pferdeliebhaberin Neuhaus, die auch mit großem Erfolg Jugendbücher schreibt, zur deutschen Krimi-Königin.

Im Palais las sie aus ihrem aktuellen Buch „Im Wald“, dem mittlerweile achten Fall für das Ermittlerteam des K 11 aus Hofheim Oliver von Bodenstein und Pia Sander, ehemals Kirchhoff. Vielen dürften auch die gelungenen Verfilmungen der psychologisch raffiniert ausgetüftelten Thriller mit Tim Bergmann und Felicitas Woll bekannt sein. „Im Wald“ wird für den ohnehin ausgebrannten von Bodenstein ein heikler und äußerst bedrückender Fall, der ihn in die eigene Vergangenheit und zu einem schwerwiegenden Trauma zurückführt. Denn vor 40 Jahren verschwand sein damaliger Freund Artur, und von Bodenstein gibt sich eine Mitschuld.

„Ich parke immer auf Frauenparkplätzen“.

Neuhaus Bücher leben nicht zuletzt von den Charakteren, ihren spannungsreichen Beziehungen zueinander, von der psychologischen Dichte und den raffiniert verstrickten Ebenen. „Die Leser sollen ja nicht schon auf Seite 40 wissen, wer der Mörder ist“, erklärt die 49-Jährige. Und sie erzählt, dass ihre Bücher sie verändert haben. „Ich kann nicht mehr unbefangen durch einen Wald gehen. Denn bei jedem Baumstamm denke ich: Der wäre doch prima für eine modernde Leiche geeignet. Und angstfrei bin ich schon lange nicht mehr. Ich parke immer auf Frauenparkplätzen“.