Donnerstag , 22. Februar 2018
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Eine sogenannte VR-Brille bietet neue Möglichkeiten des Lernens im Unterricht. Doch die Technik schafft es in Deutschland bisher kaum in die Schulen. Foto: nh

Technik für den Unterricht

Lüneburg. Sportplatz an der Herderschule: Ein Schüler läuft an, springt ab und eilt nach der Landung zu seinem Lehrer. Der hat den Sprung mit einem Tablet gefi lmt. Beide schauen sich an, wo noch Verbesserungsbedarf ist. Die Zeitlupe zeigt: Der Absprung war zu früh. Tablets für den Unterricht gibt es an dem Lüneburger Gymnasium in einer Projektklasse – Standard ist eine solche Ausstattung an deutschen Schulen keineswegs. Christian Friedrich, Mitgründer der Leuphana Digital School, ist der Meinung, dass Digitalisierung in allen Fächern notwendig sei, „es gibt keine Ausnahme“. Auf einer Veranstaltung des Alumni- und Fördervereins der Lüneburger Universität beleuchtet er heute das Thema unter dem Titel „Digitalisierung und Bildungsinstitutionen – eine Hassliebe“. Interessierte kommen zusammen, um Digitalisierung im (hoch-)schulischen Alltag zu fördern. „Wir wollen eine Expertise für digitale Lernformate und Didaktik aufbauen und den Prozess gleichzeitig konstruktiv kritisch begleiten“, erklärt er.

Mit der Brille ins Verdauungssystem

Heute gibt es vereinzelt Tablet-Klassen, so wie es vor Jahren in Lüneburg an einigen Schulen die Notebook-Klassen gab. Auch wurde die klassische Kreidetafel vielerorts inzwischen durch moderne Whiteboards ersetzt, die es auch möglich machen, Tafelbilder zu speichern oder digital auf andere Datenträger zu übertragen. Doch andere Regionen sind weiter als Lüneburg.
Das Wilhelm-Gymnasium in Braunschweig setzt eine Brille für Virtual Reality (VR) in Biologie ein. Ein deutscher Schulbuchverlag entwickelte ein Pilotprojekt, das den Schülern das Verdauungssystem näherbringen sollte. In diesem Fall war die Peristaltik das Thema, das von Lehrern meist zu abstrakt erklärt wurde. Die Schüler waren virtuell in der Speiseröhre unterwegs und sahen, wie die Nahrung mithilfe der Muskelbewegung – Peristaltik genannt – in den Magen transportiert wird. Ein Schüler mit der VR-Brille schaute sich die Muskulatur genauer an, während ein anderer auf einem Tablet zeitgleich Aufgaben dazu erledigen musste. Zusammen bestimmten beide schließlich, wofür hier diese Muskulatur zuständig ist. „Wichtig im VR-Lernen ist, nicht alleine zu lernen“, sagt der E-Learning-Experte Torsten Fell. Nach Auffassung vieler Lehrer sei die Schüleraktivität wesentlich höher gewesen und der Lernerfolg tiefgreifender.

Susanne Rupp, für den Verlag im Bildungsconsulting tätig, deklariert einen klaren Mehrwert durch VR-Lernen: „Es werden ganz andere kognitive Kanäle angesprochen, und Lernprozesse können individuell angepasst werden“. Digitale Lerninhalte könnten zudem viel schneller überprüft und korrigiert werden, auch könne effizienter eingegriffen werden, wenn Schüler an einer bestimmten Stelle nicht weiterkommen. „Natürlich steht die Datenschutzfrage im Raum, aber eine Anonymisierung sollte zu bewältigen sein, um die Daten dann auch sinnvoll nutzen zu können“. Sie sieht den Einsatz der Virtual-Reality-Brillen als Unterrichtserweiterung, nicht als Ersatz für klassische Lehrmethoden. „Man ermüdet irgendwann, weshalb der soziale Austausch ein wichtiger Faktor im Unterricht bleiben wird“.

Was VR mit dem Gehirn und Erleben von Heranwachsenden macht, sei noch nicht erforscht. Kinder bis zu acht Jahren können aber zwischen der realen und der virtuellen Welt definitiv noch nicht unterscheiden, hält Susanne Rupp fest. Sie mahnt deshalb auch: „Ein sensibler Umgang mit diesen Medien ist zwingend erforderlich“.

In der virtuellen Realität zur Chinesischen Mauer

Die Hogeschool in Holland stattet ihre Schüler mit einer VR-Brille aus Karton aus, auch Cardboard genannt. Mithilfe ihres Smartphones können die Kinder 360°-Fotos und Videos anschauen. „Virtuell sind sie dann alle am selben Ort. Zum Beispiel an der Chinesischen Mauer“, erläutert Tim Nijland gegenüber der LZ, der die Software auf der Fachmesse „Digility“ präsentiert. VR-Stunden seien wesentlich effizienter und interessanter, da der Lerninhalt durch das Eintauchen in eine andere Welt, Immersion genannt, als Erfahrung abgespeichert werde und länger haften bleibe. Das VR-Erlebnis der Hogeschool ist sogar erschwinglich: Ein Cardboard bekommt man schon ab 3 Euro, die meisten Schüler besitzen Smartphones, und eine Lizenz für Lerninhalte gibt‘s ab ca. 500 Euro im Jahr.

Viele deutsche Schulen scheinen noch nicht bereit zu sein für den Einsatz dieser Technik. „Man ist in Deutschland nur bedingt gewillt, sich zu verändern“, glaubt Torsten Fell. Das größte Problem der Veränderung sei heute die Schnelligkeit. Veränderung gab es zwar schon immer, sie habe nur niemals so schnell stattgefunden wie heute. Außerdem habe Veränderung den Menschen selten so emotional gepackt. „Die ganze Branche muss Verantwortung dafür tragen, dass diese Technologie nicht missbraucht wird“, gibt Fell zu bedenken.
Doch es gibt auch immer noch Grenzen für die Technik – Fähigkeiten, die den Menschen allein vorbehalten sind. Die sogenannten Softskills, also die persönlichen sozialen und methodischen Kompetenzen, die Mimik und Menschlichkeit könne noch nicht realitätsgetreu generiert werden, hält der Experte fest.

Von Esra Laubach

One comment

  1. Andreas Janowitz

    Allerhöchste Eisenbahn?! Nicht nur gedungene Betrüger, Nepper, Schlepper, Bauernfänger treiben schon längst ihr Unwesen auf „klugen“ Telefonen? Das Problem sitz nur zu häufig vor dem Bildschirm.
    Die Details der Technik erarbeiten sich die Schüler am Besten selbst, so lernen sie nicht nur wie sie selber am Besten lernen sondern bewahren sich Motivation, die durch dumme Lehrpläne allzu oft abgestumpft wird.
    Seiten wie: http://www.mimikama.at/
    müssen immer und immer wieder Erwähnung finden!
    Insbesondere da Manipulationstechniken nahe der perfekten Illusion sind muss unbedingt eine vernünftige Grundlage geschaffen werden, damit nicht jeder Despot von irgendwo hier Unruhe stiften kann.
    China testet jeden Tag Manipulationstechniken an einer Milliarde Testsubjekten, wer da glaubt es würde dabei bleiben ist naiv:
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Bildbearbeitung-Menschen-fallen-leicht-auf-manipulierte-Fotos-herein-3773950.html