Donnerstag , 18. Oktober 2018
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Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD; M.), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, besuchte das AWOCADO zusammen mit den SPD-Abgeordneten Hiltrud Lotze (4.v.r.) und Andrea Schröder-Ehlers (l.). Foto: t&w

Integrationsbeauftragte der Bundesregierung zu Besuch

Lüneburg. Sie ist eine Wanderin zwischen zwei Welten: Aydan Özoğuz (50). Als Tochter türkischer Gastarbeiter in Hamburg geboren, heute Staatsministerin. Beauftragte der B undesregierung für Migration und Integration, die selbst zwei islamistische Brüder hat. Sie selbst ist Muslima, ihr Mann Katholik. Gestern war die SPD-Bundestagsabgeordnete in Lüneburg, um im Stadtteiltreff AWOCADO andere Wanderer zwischen den Welten zu besuchen: Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund, die in der gemeinnützigen Gesellschaft bei der Integration in den ersten Arbeitsmarkt unterstützt werden. In den Betrieben „Zum Hägfeld“ und dem „kaffee.haus“ werden die Zuwanderer in der Küche und im Service qualifiziert.

Sprachhürden weiterhin ein Problem

„Was sind die Hauptprobleme?“, fragte Özoğuz in die Runde von 15 Mitarbeitern und Teilnehmern. Manche Antworten dürfte die Integrationsbeauftragte auch anderswo schon gehört haben. So berichtete eine Teilnehmerin von abgebrochenen Ausbildungen zum Koch, weil die Sprachhürde einfach zu hoch war. „Die verschiedenen Deutschkurse“ – die auch im AWOCADO angeboten werden – „reichen aus, um das Alltagsleben bewältigen zu können, aber nicht, um eine Ausbildung erfolgreich abschließen zu können.“
Dabei müsse die AWO-Tochter bei diesem Integrationsprojekt eine schwierige Gratwanderung bewältigen, berichtete ein Verantwortlicher. „Wer zu uns als Gast kommt, möchte gut bewirtet werden, da rückt der Integrationsgedanke zunächst mal in den Hintergrund.“

AWO-Urgestein Achmed Date äußerte den Eindruck, die Politik erwarte, dass Zuwanderer schon in einem Jahr perfekte Deutschkenntnisse aufwiesen. „Das ist unrealistisch.“
Aydan Özoğuz gab ihm recht, wandte aber ein, dass allzu lange überhaupt kein Druck in Sachen Spracherwerb ausgeübt worden war: „Asylbewerber lebten drei Jahre hier, bevor sie überhaupt zu einem Sprachkurs durften.“

Kurzatmigkeit der Berufshilfsprojekte

Matthias König, Regionalleiter der AWOCADO, bemängelte die Kurzatmigkeit der Berufshilfsprojekte: „Sie sind auf ein Jahr begrenzt. In dieser Zeit hat sich ein Team gerade gefunden und Expertise angehäuft – und dann beginnt bereits der Kampf um die Anschlussfinanzierung.“ Dennoch erzielten die Lüneburger gute Ergebnisse. Beim Projekt „QUIK“ – eine Qualifizierungsmaßnahme für Migranten über 26 Jahre – „liegt die Vermittlungsquote in den Arbeitsmarkt bei 41 Prozent“, bilanziert König. Sowohl hier als auch beim Programm „PEP“ für jüngere Geflüchtete gäbe es noch Kapazitäten für weitere Teilnehmer. „Bei der Vermittlung von Flüchtlingen ist unsere Quote noch ausbaufähig“, räumt König ein.

Die Bürokratie sei ein starkes Hindernis für größeren Erfolg, berichtete eine Mitarbeiterin aus ihrem Alltag: „Wenn ich mit meinem Schützling alle Formulare ausfülle, ernte ich oft Unverständnis: ‚Wieso so viel Papier, ich will doch nur arbeiten!‘ Ich kann dann nur antworten: ‚Wir Deutsche lieben Papier.“

Holprig ist auch der Weg aus Flüchtlingsunterkünften in eigene Wohnungen, erzählten Teilnehmer, vor allem auf dem in Lüneburg stark umkämpften Wohnungsmarkt, sowie bei der Betreuung der Kinder von Migranten.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Hiltrud Lotze verwies auf Lüneburger Anstrengungen: „Der Bau von 700 Wohnungen im sozialen Wohnungsbau bis 2021 ist beschlossen.“ Auch bei Kitas und Krippen hätte sich viel getan. Die Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers sekundierte: „Niedersachsen lag bei der Betreuungsquote an vorletzter Stelle, da ist der Weg weit, um aufzuholen.“
Anschließend zeigte sich Staatsministerin Aydan Özoğuz angetan davon, mit welchem Mut und Erfolg in der Hansestadt Lüneburg die Wanderer zwischen den Welten ihre Schritte setzten.

Von Joachim Zießler