Dienstag , 17. September 2019
Aktuell
Home | Lokales | Scharnebeck | Alle Generationen auf einem Hof
Alle vier Generationen leisten auf dem Hohnstorfer Wiesenhof ihren Teil, damit die Gemeinschaft funktioniert. (Foto: phs)

Alle Generationen auf einem Hof

Hohnstorf/Elbe. Wenn Mia mal die Langeweile quält, kann sie mit ihren Urgroßeltern Mensch-ärgere-dich-nicht spielen. Sie kann auch ihre Oma bitten, mit ihr ein Bild zu malen. Oder ihre Mutter zu einem gemeinsamen Ausritt überreden. Als Siebenjährige, die auf einem Vier-Generationen-Hof lebt, hat sie bei Langeweile ziemlich viele Möglichkeiten, denn Mia ist in allen vier Generationen gleichzeitig zuhause. Ein Glückskind? Sie zuckt die Achseln und grinst. Mit sieben kann sie sich noch nicht viel vorstellen unter einem Glückskind. Mia weiß nur, dass „ich hier nie alleine bin.“ Und das sie das „richtig gut“ findet.

„Ich weiß, dass ich hier nie alleine bin. Und das finde ich richtig gut.“ – Mia , 7 Jahre alt

Als Familie zusammenbleiben, mit mehreren Generationen auf einem Hof wohnen, Kinder und Vieh gemeinsam versorgen – das hat in der Landwirtschaft Tradition und vielerorts noch immer Bestand. Auch auf dem Hohnstorfer Wiesenhof war das nie anders, „wir haben schon immer alle mehr oder weniger eng zusammengelebt“, sagt „Uroma“ Sieglinde Diercks. Selbst als der Stammhof der Familie 1979 abbrannte, bauten auf der anderen Straßenseite alle wieder gemeinsam neu. Mit ein bisschen mehr Privatsphäre zwar und je einer eigenen Küche – aber nach dem alten Prinzip: alle Generationen auf einem Hof.

Heute leben auf dem Wiesenhof sieben Familienmitglieder in zwei Häusern und drei Haushalten. Sieglinde (84) und Johannes (86) Diercks, Christine Diercks (61) sowie Claudia (33) und Michael Drägestein (41) mit den Kindern Mia (7) und Emily (4). Sie alle leisten ihren Teil, damit das Hof- und Familienleben funktioniert, ständig zusammen sind sie deswegen aber nicht.

Alle leisten ihren Beitrag für die Gemeinschaft

„Meine Großeltern gestalten sich ihren Tag, kochen und essen meistens alleine“, sagt Claudia Drägestein. „Wir essen zusammen mit meiner Mutter.“ Alle vier Generationen sitzen auf dem Wiesenhof nur hin und wieder gemeinsam am Tisch, zu Weihnachten, Ostern, Geburtstagen. „Oder“, sagt Claudia Drägestein, „weil es sich gerade so ergibt.“

Umso enger arbeiten die 33-Jährige und ihre Mutter zusammen, schmeißen Landwirtschaft, Ferienwohnungen und Kinderbetreuung. Michael Drägestein pendelt täglich nach Hamburg zur Arbeit, Johannes Diercks hat sich mit 86 aus der Arbeit auf dem Hof weitgehend zurückgezogen. Das Hauptgeschäft liegt auf dem Wiesenhof heute also in Frauenhand. „So haben wir uns nach dem Tod meines Vaters arrangiert“, sagt Claudia Drägestein, „und so kommen wir zusammen heute gut klar.“

2011 starb Friedhelm Diercks bei einem Motorradunfall. Ein Schicksalsschlag und einer der Momente, in dem die Großfamilie besonders eng zusammenrückte. „Ich weiß nicht, ob ich das ausgehalten hätte – alleine“, sagt Sieglinde Diercks. Doch die Gemeinschaft, Mia, die nur wenige Monate später geboren wurde, „das hat mir wahnsinnig geholfen“. Ein Leben ohne die Nähe, ohne die Gewissheit, dass immer jemand da ist, das könne sie sich nicht vorstellen. Auch Claudia Drägestein, die wie ihre Töchter in den Hof hineingeboren wurde, wollte nie weg.

Auch Streit gehört dazu

Klar, gebe es manchmal Streit. Und ja, „manchmal braucht man Abstand“. Doch ein Leben, in dem sie erst drei Stunden fahren muss, um Mutter und Großeltern zu sehen? „Ne“, sagt sie, „das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“ Sie will eines Tages lieber genau so alt werden wie ihre Großeltern – mit vier Generationen auf einem Hof und Urenkelkindern, die bei Langeweile zum Mensch-ärgere-dich-nicht-spielen vorbei kommen.

Von Anna Sprockhoff