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Andreas Steinle lebt in Brietlingen. Er beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Trend- und Zukunftsforschung und ist ein gefragter Redner auf internationalen Kongressen. (Foto: privat)

„Es geht mehr als wir dachten“

Brietlingen. „Jede Krise stößt eine Entwicklung an.“ So auch die Corona-Krise. Das sagt Zukunftsforscher Andreas Steinle, der in Brietlingen zu Hause ist, sich seit 25 Jahren mit der Trend- und Zukunftsforschung beschäftigt und ein gefragter Redner auf internationalen Kongressen ist. „Es liegt an unserem Denken und Verhalten, ob die glänzende oder dunkle Seite einer Krise nach oben kommt“, betont er. Daher warnt er davor, in der jetzigen Situation den Kopf zu verlieren, in Angst und Panik zu verfallen. Das seien nämlich immer schlechte Ratgeber. Vielmehr sieht er ein hohes Maß an Kooperation und Kreativität, cleverer Staatslenkung als Faktoren dafür, dass es zu einer positiven Veränderung in Deutschland kommen kann. „Wir bringen gute Grundlagen mit.“ Die LZ sprach mit ihm über Dinge, die sich für die Zeit nach der Corona-Krise schon andeuten.

Lassen Sie uns ein wenig in der Glaskugel lesen, nach vorne schauen in die Zeit nach der Corona-Krise. Wird unser Alltag so sein wie vor dem Ausbruch der Pandemie?

Andreas Steinle: Sicherlich nicht. Das Virus, die Pandemie und die Folgen daraus sind stärker als alles, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben. Das Leben wird gerade ganz schön durcheinander geschüttelt. Heute kann noch keiner sagen, wann der Spuk vorbei sein wird. Aber er wird natürlich vorbeigehen.

Was verändert sich als erstes spürbar für uns?

Wir werden eine völlig andere Wahrnehmung für Gesundheit und Hygiene haben. Ich denke, es ist noch nie so heftig in Menschen hineingehämmert worden, wie wichtig Händewaschen ist, und dass dies tatsächlich auch Leben retten kann. Diese Wahrnehmung wird in unseren Alltag intensiv Einzug halten.

Was wird sich in der Berufswelt ändern?

Beim Thema Arbeit und wie wir sie organisieren, werden wir Veränderungen spüren. Es findet in Deutschland ja gerade ein umfassendes Digitalisierungstraining statt. Wir sind gezwungen, uns digital zu verknüpfen, über Internetkonferenzen zusammenzuarbeiten, gemeinsam an Projekten zu arbeiten, obwohl wir nicht in einem Raum sind. Wir machen gerade die Erfahrung, dass viel mehr geht, als wir dachten. Wir werden viel intelligenter und effizienter mit den Möglichkeiten der digitalen Technik umgehen. Und wir lernen darüber hinaus, dass der Mensch nicht zum Multitasking gemacht ist.

Und was ist mit unserem Freizeitverhalten?

Im Freizeitverhalten habe ich vor allem die Familie im Blick, die sich dieser Tage ja vollkommen neu organisieren muss. Ich denke, dass in dieser Extremsituation neue Verhaltensweisen gelernt werden. Plötzlich bekommen Kinder mit, was ihre Eltern auf der Arbeit machen müssen. Das ist ein wertvoller Lerneffekt, eine Wahrnehmung dafür zu bekommen, was die anderen in der Familie so den ganzen Tag über machen. Das fördert die gegenseitige Rücksichtnahme in der Familie. Wir lernen dadurch, besser miteinander zu kommunizieren und auf Bedürfnisse einzugehen.

Kann die Corona-Pandemie so etwas wie ein Katalysator sein, der Entwicklungen beschleunigt?

Wir werden viel stärker mit digitaler Vernetzung im Gesundheitswesen arbeiten. So wird die Online-Sprechstunde zu etwas Alltäglichem werden, auch wenn sie jetzt noch nicht so im Mittelpunkt steht. Risikopatienten und ältere Menschen müssen sich dann nicht mehr in volle Arztpraxen setzen, wo besonders viele Viren umherschwirren.Es wird mehr online eingekauft werden. Diejenigen, die es vor der Corona-Pandemie nicht gemacht haben, werden es künftig jedoch verstärkt machen. Weil sie das Verhalten beibehalten, das sie in der Krise begonnen haben. Das ist eine Chance für die kleinen Händler vor Ort. Sie müssen ihre Stärken ausspielen, nämlich ihre Vernetzung. Sie kennen ihre Kunden und haben ein persönliches Verhältnis zu ihnen. Kein Mensch hat ein persönliches Verhältnis zu Jeff Bezos und Amazon, zu seinem lokalen Händler hingegen schon. Lokale Online-Kaufhäuser können sich etablieren. Das ist eine Chance für die Zeit nach Corona. Viele, die bisher noch nicht ihre Online-Kanäle mit ihren Kunden geschaltet haben, die haben jetzt die Möglichkeit dazu, um Kundenbindung und neue Geschäfte aufzubauen. Wer klug ist, macht das.

Wird die Corona-Pandemie nächstes Jahr Ostern noch ein Thema sein?

Auf jeden Fall, weil man darauf zurückblicken wird, wie man 2020 Ostern gefeiert hat, und zwar nicht im Kreis der großen Familie und auch nicht mit den Nachbarn am Osterfeuer. Umso mehr werden wir dann aber Ostern im nächsten Jahr genießen und feiern, dass wir zurückgekehrt sind zur Normalität.

  • Das Bürgertelefon zum Corona-Virus ist unter der (04131) 26-1000 zu erreichen.
  • Über den aktuellen Stand zum Coronavirus in Lüneburg und Umgebung informieren wir Sie hier.

Wer Hilfe anbieten möchte oder Unterstützung sucht: www.coronahilfe.bfw-design.de oder www.lebendiges-lueneburg.de/solidaritaet

Von Stefan Bohlmann