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Vom “Mädchen Rosemarie“ bis “Homeland“: Nina Hoss kann alles – und hat keine Angst, über Politik zu sprechen.

Wird es Zeit, sich einzumischen?

Manche Schauspieler(innen) lehnen Gespräche über Politik ab. Nina Hoss nicht. Und wenn es um Politik geht, dann wird die Frau, die sonst so viel und gern lacht, ganz ernst. Mit Stefan Stosch spricht die Künstlerin über Europa, über Vertrauen in die Kultur – und ihren schwindenden Optimismus.

 

Frau Hoss, Sie haben schon viele Preise gewonnen: Goldene Kamera, Berlinale-Bär, Grimme-Preis, Deutscher Filmpreis. Kürzlich kam eine Auszeichnung hinzu, die sich “Die Europa“ nennt. Was verbindet Sie mit Europa?

Momentan habe ich das Gefühl, dass vieles auseinanderbricht. Die Idee von Europa scheint verloren zu gehen. Deshalb habe ich mich auch so über diesen Preis des Braunschweiger Filmfestivals gefreut. Hinter dem Preis “Die Europa“ steht ja die Überzeugung: Wir verstehen uns als Europäer, wenn wir Filme machen. Wir erzählen uns gegenseitig Geschichten.

Und was können wir aus diesen Geschichten mitnehmen?

Zum Beispiel, dass die Menschen anderswo gar nicht so anders ticken. Und wenn doch, folgt daraus vielleicht die Erkenntnis: Wieso glauben wir, in unserer Kultur immer alles besser zu wissen? Wir lernen, uns in unserer Verschiedenheit zu schätzen.

Sie haben einmal vor 40 000 Menschen gesungen: “Europa geht durch mich.“ Stand dahinter ein politischer Anspruch?

Das Lied habe ich mit den Manic Street Preachers eingespielt. Wir sind damit beim Glastonbury Festival in England aufgetreten. Ich stehe zu hundert Prozent hinter dieser Idee. Das war noch vor dem Brexit, da hat noch keiner daran gedacht, dass die Briten die Europäische Union verlassen könnten.

Was ist so toll an Europa?

Ich erinnere mich noch gut, wie ich als Kind auf der Rückbank im Auto hinter meinen Eltern saß. Stunden haben wir vor Schlagbäumen verbracht. Oder man saß im Zug nach Italien, und es dauerte ewig, bis endlich alle Pässe kontrolliert waren. Viele Menschen scheinen vergessen zu haben, wie kompliziert das alles war. Im heutigen Europa kann man problemlos in Rom studieren, wenn man Lust dazu hat. Es gibt nichts, was die Neugier auf den Nachbarn stoppt. Das alles ist so wertvoll!

Glauben Sie, dass der Brexit die Europäer aufgeweckt hat, dass sie das Gemeinsame wieder mehr zu schätzen lernen?

Das sehe ich leider nicht, schauen Sie nach Katalonien. Das Grundproblem liegt wohl in der Entstehungsgeschichte der Europäischen Union: Sie ist aus ökonomischen Gründen aufgebaut worden. Ab einem gewissen Punkt hat man versäumt, nicht nur eine Gemeinschaft zu bilden, sondern gleichzeitig die Vielfältigkeit Europas zu respektieren. Stattdessen sieht heute alles gleich aus. Zum Beispiel bin ich neulich in Manchester gewesen: Auch da gibt es die üblichen Ladenketten im Zentrum. Da kann ich ja gleich zu Hause bleiben.

Was schlagen Sie vor?

Vertrauen wir der Kultur! Wir müssen mehr voneinander erfahren – in Büchern, auf dem Theater, im Kino. Wie sollen wir zusammenkommen, wenn wir nichts voneinander wissen? Dann erobern Lügengeschichten die Köpfe. Wir kapseln uns voneinander ab. Wir verlieren das Gefühl füreinander. Jeder von uns ist verantwortlich. Aber die Politik muss uns dieses Aufeinanderzugehen auch ermöglichen und erleichtern.

Wird es Zeit, sich einzumischen?

Auf jeden Fall! Wenn wir nicht wollen, dass das Ganze in die falsche Richtung abrutscht, müssen wir uns einmischen. Ich erwarte zumindest von mir, dass ich mich nicht wegducke. Man darf nicht immer sagen: Ich kann sowieso nichts tun. Das wäre ja eine schreckliche Vorstellung. Jeder kann in seinem kleinen Kreis Stellung beziehen. Die Haltung, die man in die Welt trägt, hat immer Auswirkung auf andere.

Zweimal schon saßen Sie in der Versammlung zur Wahl des Bundespräsidenten. Haben die dorthin Entsandten Deutschland repräsentiert?

Schwer zu sagen. Aber wenn die Politprofis zwischendrin in ihren Sitzungsbüros verschwanden, habe ich mich schon gefragt: Wie viel Kontakt habt ihr noch zu denen, die ihr regiert?

Gilt das nicht für jede andere Klientel genauso – beispielsweise am Theater?

Einerseits ja. Andererseits haben wir am Theater den Anspruch, jedes Stück, egal ob Klassiker oder zeitgenössisch, in Bezug zu setzen zur Welt: Was passiert um uns herum? Was ist unsere Haltung zu den Dingen, die uns entgegenschlagen?

Was macht einen gelungenen Theaterabend aus?

Im besten Falle gehen die Leute raus und unterhalten sich über die Inhalte. Sie haben sich anregen lassen, sie hinterfragen sich. Es darf natürlich auch Theaterabende geben, an denen man sich einfach nur amüsiert. Aber die anderen sind befriedigender.

Woher rührt Ihr Interesse an gesellschaftlichen Zusammenhängen?

Meine Eltern waren sehr engagiert, meine Mutter mehr im Künstlerischen, mein Vater im Politischen. Beide haben an den Menschen geglaubt, sie waren nie zynisch.

Schauen Sie optimistisch in die Zukunft?

Nein. Ich habe ein halbes Jahr für Dreharbeiten in New York gelebt und viel Bedrohliches wahrgenommen. Andererseits: Es gibt in der Geschichte immer ein Auf und Ab. Jetzt müssen wir aus dem Tal raus. Die Gefahr wächst, dass wieder Kriege geführt werden. Für was? Für wen?

Was hilft, um Gräben zwischen Menschen wieder zuzuschütten?

Auf keinen Fall dürfen wir diejenigen als dumm bezeichnen, die Trump wählen oder hier bei uns die AfD. So nach dem Motto: Wie können die uns das antun? Das wäre reine Arroganz. Da ist vorher was schiefgelaufen. Man darf die Leute nicht hängen lassen. Wenn ich in den Osten Deutschlands gucke, sind da schöne Marktplätze, aber es gibt kaum Jugendclubs, kaum Möglichkeiten, sich zu treffen. Da müssen wir investieren, auch wenn finanziell nichts rauszuholen ist. Aber so funktioniert der Kapitalismus leider nicht.

Haben Sie bei Ihrem US-Aufenthalt schon Anzeichen für die Debatte erlebt, die so heftig um die sexuellen Übergriffe Harvey Weinsteins entbrannt ist?

Von Weinsteins Verhalten wusste jeder. Die berüchtigte Besetzungscouch stand nicht nur in früheren Jahren in Produzentenbüros, sie steht dort bis heute.

Nehmen Sie sexuelle Belästigungen auch in Deutschland wahr?

Klar, es gibt einen täglichen Sexismus, der schon in scheinbar harmlosen Bemerkungen deutlich wird. Es geht jetzt nicht um Political Correctness, sondern darum, dass die Strukturen sich verändern müssen. Und die Chance ist jetzt da, dass wirklich etwas passiert.

Was muss sich verändern?

Es müssen mehr Frauen in Leitungsfunktionen kommen. Nur dann wird sich die Art verändern, wie wir miteinander umgehen. Dafür brauchen wir die Quote, auch bei Theaterintendanten: Bislang herrscht in den Gremien eine Klüngelei von Männern, die sich gegenseitig die Jobs zuschieben. Frauen wollen die Männer da nicht wirklich haben. Es ist kein Zufall, dass über Intendantinnen oft negativ gesprochen wird.

Wird mit Frauen an der Spitze alles besser?

Niemand behauptet, dass Frauen automatisch bessere Chefs sind. Aber warum darf sich nicht auch eine Chefin als – Pardon – Arschloch entpuppen? Es gibt genügend männliche Pendants – so viele, dass es gar nicht weiter auffällt. Frauen müssen erst mal in den wichtigen Jobs vertreten sein, damit sie dort Mist oder etwas Tolles machen können. Sonst ändert sich ja nie etwas.

Von Stefan Stosch

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