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Archivbild des Stadtarchivs: Im März 2009 war es eingestürzt.

Ruhiger Prozess, unbefriedigendes Urteil

Im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat das Landgericht am Freitag drei der vier Angeklagten freigesprochen und einen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit kann das Urteil genauso wenig erfüllen wie das, einen Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, kommentiert Andreas Damm.

Das Urteil im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist ein Rechtsspruch. Den Anspruch an eine höhere Gerechtigkeit kann er ebenso wenig wie erfüllen wie das Bedürfnis, die Schuldigen für solch eine Katastrophe zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Das ist die Erkenntnis am Ende eines Strafverfahrens, an das sich – wie so oft – genau diese Hoffnungen geknüpft hatten.

Vieles spricht dafür, dass es beim Kölner U-Bahn-Bau organisatorisches und politisches Versagen gab, das in einer langen Wirkungskette zum Archiveinsturz führte. Aber diese Vorwürfe an die Führung der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) und die Verwaltungsspitze sowie der ursächliche Zusammenhang mit dem Unglück vom 3. März 2009 sind strafrechtlich längst nicht so leicht zu erhärten wie etwa konkreter Pfusch am Bau – oder eben gar nicht. Das sollte sich jeder sagen (lassen), der mit „gewissem Unverständnis“ (Richter Michael Greve) auf das Urteil reagiert. Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen? Dieses Verdikt gilt nicht für den Kölner Prozess. Ob die Großen nicht trotzdem schuldig geworden und gleichwohl unbeschadet geblieben sind – das müssen sie selbst beantworten und vor ihrem Gewissen verantworten.

Bemerkenswert ruhiger Prozessverlauf

In Anbetracht seiner enormen öffentlichen Bedeutung ist der Prozess wohltuend ruhig verlaufen. Sachkunde des Vorsitzenden Richters und des Staatsanwalts trugen zu dieser Atmosphäre bei. Und auch die Verteidiger hatten ihren Anteil. Zeitverzögerung und Konfrontation um jeden Preis waren nicht Bestandteil ihrer Strategie. Das ist umso bemerkenswerter, als anfänglich auch ein gewisser Zeitdruck auf dem Prozess lastete. Hätte zehn Jahre nach dem Archiveinsturz ein Urteil ausgestanden, wären die Vorwürfe unwiderruflich verjährt gewesen.

Juristisch hat die erste Instanz ihre Arbeit abgeschlossen. Politisch setzte sich die NRW-Landesregierung im Bundesrat dafür ein, die Bauaufsicht künftig strikt vom Bauherren zu trennen – wohl der mindeste Schritt zur Beseitigung eines geradezu systemimmanenten Schlendrians mit fatalen Folgen.

Von RND