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Anwältin Silke Willig (l.) verteidigt die angeklagte Natalie B.

Pflegeassistentin duscht Heimbewohnerin zu heiß – Seniorin (84) stirbt

Wegen fahrlässiger Tötung steht eine Pflegeassistentin aus Hannover vor Gericht. Sie soll eine Bewohnerin (84) eines Pflegeheims zu heiß geduscht haben – mit dramatischen Folgen.

Eine junge Frau ist angeklagt, 2015 als Pflegehilfskraft für den Tod einer 84-jährigen Heimbewohnerin verantwortlich gewesen zu sein. Die damals 20-jährige Natalie B. soll die Seniorin in einer Laatzener Einrichtung so heiß geduscht haben, dass sich diese stark verbrühte und Verbrennungen zweiten Grades erlitt; davon betroffen waren 30 Prozent der Körperoberfläche der Heimbewohnerin. Seit Dienstag muss sich B. vor dem Amtsgericht Hannover wegen fahrlässiger Tötung verantworten, berichtet die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“. Weil die heute 24-Jährige zum Zeitpunkt des Geschehens noch als Heranwachsende galt, wird der Prozess von Jugendrichterin Kerstin von der Straten geleitet. An vier Verhandlungstagen und mithilfe von vier Gutachtern will sie klären, ob oder in welchem Umfang die gelernte Pflegeassistentin Schuld am Tod der Seniorin ist.

Die Tat ereignete sich am 26. Juli 2015 im Seniorenzentrum Mozartpark, das südöstlich des Leine-Einkaufszentrums angesiedelt ist. An jenem frühen Sonntagabend hatte B. die Aufgabe, die demente 84-Jährige, die nur per Rollstuhl bewegt werden konnte, in der zu ihrem Zimmer gehörenden Duschkabine zu reinigen. Die Seniorin war inkontinent, entsprechend aufwendig war das Waschen mithilfe eines mobilen Toilettenstuhls, der als Duschstuhl eingesetzt wurde. Eine aus Polen stammende Hilfskraft, mit der sich die Angeklagte laut eigener Aussage nur per Gebärdensprache verständigen konnte, half Natalie B.

„Die Haut fiel herunter“

„Die Temperatur am Thermostaten der Armatur war unter 38 Grad eingestellt“, erklärte die 24-jährige Angeklagte. Sie habe die Temperatur eigenhändig überprüft und die Seniorin dann rund fünf Minuten lang mit einem Waschlappen eingeseift und abgespült, ohne sich selbst in irgendeiner Form zu verbrennen. Auch habe die 84-Jährige nicht geschrien oder auf andere Weise gezeigt, dass sie Schmerzen litt. Beim Abtrocknen der Frau sei ihr aber aufgefallen, dass sich an einem Arm „Hautröllchen“ abgelöst hätten, auch waren Pusteln auf dem Bauch der Seniorin zu sehen. Sofort habe sie eine examinierte Pflegerin informiert, erläuterte B., die in jener Spätschicht für 40 Bewohner auf zwei Stationen verantwortlich gewesen sei. „Die Arme der geduschten Frau waren rot, an einigen Stellen fiel die Haut herunter“, sagte die 27-jährige Spanierin aus, die inzwischen wieder in ihrem Heimatland arbeitet und extra zum Prozess nach Hannover geflogen war.

Das Pflegezentrum informierte einen Notarzt, der die betagte Patientin zunächst ins Laatzener Agnes-Karll-Krankenhaus überweisen wollte. Doch ein kurze Zeit später eintreffender Rettungsmediziner erkannte die Brisanz der Situation, veranlasste einen sofortigen Transport der Seniorin ins Verbrennungszentrum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Dort wurde ihr im Zuge einer OP künstliche Haut transplantiert, doch rund 48 Stunden nach dem Unglück starb die Frau. „Die Patientin hatte Verbrennungen zweiten Grades, was man schon in Laatzen an der Blasenbildung an manchen Hautpartien erkennen konnte“, erklärte der Mediziner vor Gericht.

War die Haut überempfindlich?

B.s Verteidigerin Silke Willig stellte im Laufe des ersten Verhandlungstages einige entscheidende Fragen. Hatte die an mehreren Krankheiten laborierende Seniorin eine extrem empfindliche Pergamenthaut oder andere Hauterkrankungen, von denen ihre Mandantin nichts wusste? Warum war in der Pflegeakte der Bewohnerin nichts von einer besonders sensiblen Haut vermerkt? Und durfte ihre Mandantin, die die Arbeitsstelle im Mozartpark erst sieben Monate zuvor angetreten und mit der Seniorin längere Zeit nichts zu tun gehabt hatte, diese Form der Pflege überhaupt übernehmen? „Vielleicht war für die Bewohnerin eine Duschtemperatur, die wir als angenehm empfinden, schon viel zu hoch“, gab Anwältin Willig zu bedenken.

Laut einem Gutachter, der die Warmwasserversorgung im Mozartpark untersucht hatte, lag die Vorlauftemperatur der Heizungsanlage bei 66 Grad. Wer die 38-Grad-Sperre eines Badezimmerthermostaten per Knopfdruck überwand, konnte also mehr als 60 Grad heißes Wasser aus dem Hahn zapfen. Gemeinhin gelten schon Wassertemperaturen ab 45 Grad als ausreichend, um sich zu verbrühen. Am Mittwoch wird die polnische Pflegehelferin aussagen, die die Angeklagte in einer früheren Aussage schwer belastet hat: B. habe die auf dem Boden des Bads hockende Seniorin so abgeduscht, dass diese vor Schmerzen geschrien habe.

Von Michael Zgoll/RND