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Ingeborg Wolf wurde mit 103 Jahren noch mal Model. Zu verdanken hat sie das dem Fotografen Karsten Thormaehlen.

Mit 100 Jahren plötzlich Model – Fotograf entdeckt Schönheit des Alters

Fotograf Karsten Thormaehlen hat Hundertjährige in aller Welt getroffen. Viele haben ihn beeindruckt. Wie Ingeborg Wolf, die mit 103 Jahren in einer Werbekampagne zu sehen ist.

Eine 103-Jährige arbeitet als Model, ein 101-Jähriger gibt Schwimmunterricht, ein 100-Jähriger wird vom Ex-Klempner zum Künstler, ein 102-Jähriger hat gerade eine neue Freundin und eine 116-Jährige ist schwerer zu erreichen als der Papst. Wenn Karsten Thormaehlen von seinen Fotomodellen erzählt, kommt er ins Schwärmen. Der Fotograf porträtiert seit mehr als zehn Jahren Menschen, die ein dreistelliges Alter erreicht haben.

Eine von ihnen ist Ingeborg Wolf. Die 103-Jährige lebt in Kronberg im Taunus. Sie geht ins Fitnessstudio, entwirft Inneneinrichtungen, fährt Auto ohne Brille – und ist neuerdings auch Fotomodell. Ein Bekleidungshersteller wirbt zum 100-jährigen Firmenjubiläum mit Fotos von Menschen, die mindestens ebenso alt sind. Unter dem Foto von Frau Wolf steht: „Stilbewusstsein hört mit 100 nicht auf“.

Aktives Leben helfe im Alter

Ihre Wohnung in einer Seniorenresidenz ist mit Antiquitäten und Design-Klassikern, moderner und asiatischer Kunst in einem strengen Farbkonzept geschmackvoll eingerichtet. Sie trägt einen hellblauen Kaschmirpullover mit einer lange Perlenkette, ist gut frisiert, dezent geschminkt und voller Tatendrang. Am Morgen war sie eine Stunde beim Sport. „Das einzige, was das Alter rettet, ist Bewegen, Bewegen, Bewegen“, sagt sie.

Wolf ist eine von mehr als 1200 Menschen in Hessen und rund 15.000 Menschen in Deutschland, die über 100 Jahre alt sind. Die aktuell älteste Hessin lebt laut Staatskanzlei in Frankfurt. Sie ist 114 Jahre alt und könnte schon im März ihren 115. Geburtstag feiern. Die Zahl der über 100-Jährigen wächst weltweit rasant. Im Jahr 2000 waren in Europa pro eine Million Einwohner 59 Personen älter als 100, 2015 war es 150, 2030 könnten es Schätzungen zufolge schon 343 sein.

Geist bleibt länger fit als der Körper

Nicht alle sind so fit wie Wolf – aber fitter als mancher vielleicht erwartet. Die „Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie“ ergab, dass mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer keine oder nur geringe Einschränkungen im Geistigen hatte. Körperlich sieht es anders aus. Unter den befragten Hundertjährigen war keiner, der keine Gesundheitsprobleme hatte.

„Unser Fahrgestell ist nicht für 100-Jährige ausgelegt – bei keinem“, sagt Ingeborg Wolf, die auf zwei Gehstöcke angewiesen und elf Zentimeter kleiner ist als früher. Schon die Kaffeekanne aus Glas ist ihr zu schwer. Die Hüfte und die Knie, die Fingergelenke, Augen, Ohren, Zähne – „das kann man alles nicht ändern, das muss man hinnehmen“, sagt sie.

Fotograf hat sich auf 100-Jährige spezialisiert

Mit 53 Jahren ist Thormaehlen nur etwa halb so alt. Der in Wiesbaden lebende Fotograf hat ein Atelier in Frankfurt und ist gefragter Experte, wenn es um Hochbetagte geht. Es ist bereits der dritte Bildband mit seinen Altersporträts herausgekommen, in mehr als 50 Ausstellungen weltweit wurden seine Arbeiten gezeigt.

Angefangen hat das Ganze mit einem eher schlechten Bild: Thormaehlen sah das Porträt eines Mannes, dem in einer Zeitung zum 100. gratuliert wurde, und fand das lieblose Foto „dieser Lebensleistung unwürdig“, wie er erzählt. Er schlug seiner Agentin vor, eine Serie mit 100-Jährigen zu machen – und konnte gleich mit deren 102-jährigen Großmutter anfangen. „Ich war völlig perplex, wie agil die Dame war“, sagt er über sein erstes 100-Jährigen-Bild. Eine Erfahrung, die er noch oft machen sollte in den nächsten zwölf Jahren: Von vielen Hochbetagten, die er kennenlernte, war er „sehr beeindruckt“.

„Ich bin alleine, aber nicht einsam“

Auch Ingeborg Wolf muss wohl lebenslang eine beeindruckende Person gewesen sein. Geboren wurde sie 1915 in einem Ort, der heute zu Russland gehört. Aufgewachsen ist sie in Rostock. Der Vater war Arzt, der Großvater Juwelier; der eine wurde 91, der andere 95 Jahre alt. Die Mutter allerdings starb mit 39 Jahren. Früh heiraten, Hausfrau und Mutter werden war keine Option: „Ich hatte Ambitionen.“ Am meisten interessierte sie sich für Mode. In den 1950ern studierte sie Innenarchitektur, leitete später ein Möbel- und Designgeschäft und entwarf Wohnungen für Freunde, Bekannte und Verwandte – bis heute.

„Ich bin alleine, aber nicht einsam“, sagt die 103-Jährige, die seit drei Jahrzehnten Witwe ist. Sie hat spät geheiratet – einen Arzt – hat keine Kinder, keine Enkel und keine Urenkel. „Ich habe einen ganz großen Freundeskreis – den muss man sich aber auch bewahren.“ Sie schreibt Briefe, handschriftlich. Freunde zu besuchen ist inzwischen zu mühsam. Zum Mode-Fotoshooting nach Berlin begleitete sie eine Nichte.

Der Kontakt kam über Fotograf Thormaehlen zustande. Firmen, Medien oder Institutionen, die besonders Hochbetagte suchen, wenden sich oft an ihn. So wirbt zum Beispiel auch ein japanischer Papierhersteller mit alten Menschen, deren Langlebigkeit die Haltbarkeit des Papiers versinnbildlichen soll. Das Problem: Sein umfangreiches Adressbuch mit über 100-Jährigen ist nie lange aktuell.

Johannes Heesters gab Fotograf Thormaehlen einen Korb

Den Grundstein legte er 2007, als ein Berliner Hotel 100. Geburtstag feierte und dazu alle 100-Jährigen der Stadt einlud. Thormaehlen suchte die Namen im Telefonbuch heraus, rief Wohnstifte und bei Essen auf Rädern an. Dann kamen die ersten Ausstellungen, das erste (selbst verlegte) Buch – und ein Schneeballeffekt setzte sein. Absagen bekam er wenige, eine Ausnahme war ausgerechnet ein sehr prominenter Über-100-Jähriger: Johannes Heesters. Dafür lud ihn 2016 die damals älteste Frau der Welt zu sich nach Hause ein. Sie war 116 und „an sie ranzukommen war schwieriger, als den Papst zu fotografieren.“

Acht Jahre lang bereiste Thormaehlen zwölf Länder und besuchte 100-Jährige mit der Kamera – (fast) immer mit natürlichem Licht, möglichst mit weißem Hemd oder Bluse, meist lachend. „Nicht alle konnten länger stehen, aber lächeln konnten sie alle.“ Die meisten hätten die Fotositzungen genossen, sagt er. „Die Aufmerksamkeit gefällt den Leuten. Nur die Angehörigen sagen manchmal: Das wird der Oma jetzt aber zu viel.“

Ingeborg Wolf wird nicht so schnell was zu viel. Neulich fuhr sie alleine mit dem Zug zum 90. einer Freundin nach Norddeutschland – dank Zugausfällen, der Unmöglichkeit mit zwei Gehstöcken ein Handy zu halten und einem Sturz auf der Treppe eine wahre Odyssee. Die letzte Freundin, die älter war als sie, starb vor zwei Jahren mit 104.

In der Ruhe liegt die Kraft

„Das, was einen alten Menschen heute umbringt, ist die Schnelligkeit“, sagt sie. „Überall diese wahnsinnige Hektik!“ Außerdem gebe es keinen Geschmack mehr. Die jungen Mädchen sähen alle gleich aus – und alle gleich farblos. Jeans, Parker, Rucksack, Pferdeschwanz „und Schuhe, die aussehen wie aus alten Teppichen“. „Meine Generation, wir wollten Individualisten sein. Die heutige Generation will Herde sein.“

Dass sie Glück hatte, weiß sie selbst, in puncto Gesundheit und auch in finanzieller Hinsicht. „Wir konnten so viel zurücklegen, dass es fürs Alter reicht“, sagt die 103-Jährige. Bei den jungen Frauen heute sei das nicht mehr so, „die arbeiten bis zum Burnout und nichts bleibt übrig, das ist schlimm.“

Zum 100. hat sie ihre Memoiren geschrieben – mit der Hand. Mit dem Computer wurde sie nicht mehr warm. Lernen würde sie das wohl, glaubt sie, „es ist ja nicht so, dass wir Alten nicht mehr lernfähig wären“. Aber so ein hässlicher Kasten, und wohin mit all den Kabeln? Das Abtippen übernahm daher eine Nichte. Auf Fotos sieht man ein junges Mädchen zu Pferde, einen Verlobten, der im Zweiten Weltkrieg starb, eine kecke junge Dame im Stile Audrey Hepburns, eine energische Ältere mit Sturmwindfrisur. „Ach, ich könnte Romane erzählen…“

100-Jährige haben viel zu erzählen

Fotograf Thormaehlen hat viele Geschichten gehört im Laufe der Jahre. „Da waren so irre Typen dabei“: Ein ehemaliger Fischhändler, der als Fitnesscoach andere 100-Jährige trainiert. Ein Ex-Klempner, der – nachdem er reanimiert worden war –, Metallkunstwerke schuf und eine Ausstellung in New York bekam. Eine Japanerin, die Socken für obdachlose Opfer der Fukushima-Katastrophe strickte.

Was er mitgenommen hat aus diesen Begegnungen: „Man lernt, das Leben ein bisschen mehr zu schätzen.“ Bei den Hochbetagten erlebte er ausgesuchte Höflichkeit, respektvollen Umgang, einen feinen Humor und viel Lebensfreude. „Eine sagte: Seit ich weiß, dass meine Kinder im Altenheim leben, mache ich mir keine Sorgen mehr.“

Thormaehlen hat auch in Japan ausgestellt

Von RND/dpa