Aktuell
Home | Nachrichten | Panorama | Securityfirma eines Neonazis bewachte KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen
Der Haupteingang zum ehemaligen Konzentrationslager, der heutigen Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen in Oranienburg (Archivfoto).

Securityfirma eines Neonazis bewachte KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen

Im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordeten die Nazis Zehntausende Menschen. Ausgerechnet dort lief jetzt ein Wachschutz Streife, der einem rechtsextremen Cottbuser Kampfsportler gehört.

Die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen (Oberhavel) ist zeitweise vom Sicherheitsunternehmen eines rechtsextremen Kampfsportlers bewacht worden. So hat die Cottbuser Firma „Boxing Security“ Objektschützer gestellt. Das bestätigte die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten auf Nachfrage der „Märkischen Allgemeinen“. Zuvor hatte es Hinweise aus dem Sicherheitsgewerbe gegeben. Die Gedenkstättenstiftung ist nach eigenen Angaben überrascht worden, wer da an historisch sensibler Stelle Wachdienst tat.

Der Chef des fraglichen Sicherheitsunternehmens „Boxing Security“, Ronny S., ist in der rechtsextremistischen Cottbuser Szene tief verwurzelt. Auf Instagram posiert der Amateurboxer etwa in schwarzem T-Shirt mit aufgedrucktem Eisernen Kreuz und der Aufschrift: „Vize-Weltmeister ‘45“.

Der Bewachungsauftrag für die Gedenkstätten der ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück war Anfang 2018 neu vergeben worden. Die Firma City Control aus Neuenhagen (Märkisch-Oderland) erhielt den Zuschlag. Sie bediente sich des Cottbuser Wachschutzes als Subunternehmer.

Noch der richtige Geschäftspartner?

Benjamin Dietrich aus der Geschäftsführung von City Control bestätigte, dass seine Firma in der Vergangenheit durchaus auf die Dienste von „Boxing Security“ zurückgegriffen habe. Die Cottbuser seien aber „aktuell nicht verplant“, so Dietrich. Er kündigte an, die Geschäftsleitung von City Control werde nun prüfen, ob Boxing Security „noch der richtige Geschäftspartner ist“, so Dietrich.

Bei der Gedenkstättenstiftung ist man entsetzt. Der Einsatz der „im rechtsextremistischen Milieu verankerten Cottbuser Firma ,Boxing Security‘“ sei „vollkommen inakzeptabel, zumal City Control uns gegenüber verpflichtet ist, keinerlei Kontakte zu Personen oder Organisationen zu unterhalten, die dem besonderen Charakter der Gedenkstätten und ihrem Bildungsauftrag entgegenstehen“, sagte Stiftungssprecher Horst Seferens. „Wir haben City Control aufgefordert, unverzüglich sämtliche Kontakte zu der Cottbuser Firma zu beenden“, so Seferens.

War auch KZ Ravensbrück betroffen?

In den Verträgen sichert sich die Stiftung rechtlich mit einer Extremismusklausel ab, die auch für Subunternehmen gilt. Bei Verstößen kann das Sicherheitsunternehmen den Auftrag verlieren. Bislang hat City Control in sechs Fällen den Einsatz von Mitarbeitern der Cottbuser Kampfsportler-Truppe eingeräumt. Die Stiftung will nun laut Sprecher Seferens untersuchen, ob das alles war. Unklar ist noch, ob nur Sachsenhausen oder auch das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück (Oberhavel) betroffen ist.

Die 2012 gegründete Firma „Boxing Security“ ist nach Einschätzung des Vereins Opferperspektive in Cottbus durchsetzt mit rechten Kampfsportlern. Die Firmen-Homepage dagegen wirbt für ein „junges, dynamisches und sportliches Team“. Ein Sprecher der Cottbuser Opferperspektive sagt: „Ronny S. taucht in eindeutig rechten Zusammenhängen auf.“

Auf einer Kampfsport-Veranstaltung von Neonazis im Erzgebirge („Tiwaz – Kampf der freien Männer“) im Juni 2018 trat der Unternehmer mit einem Cottbuser Team unter dem Namen „Black Legion“ an, einem rechten Cottbuser Streetware-Label, das T-Shirts mit Wehrmachtssoldaten und Ähnliches verkauft. „Black Legion“ hieß auch eine Abspaltung des rassistischen Ku-Klux-Klans aus den 1930er-Jahren in den USA.

Das Tiwaz-Turnier, für das Ronny S. auch als Plakatmodell Werbung machte, sei „ganz deutlich eine neonazistische Kampfsportveranstaltung – aus Sicht der Teilnehmer eine Vorbereitung auf den Endkampf“, urteilt der Verein Opferperspektive.

Firma bewachte auch Flüchtlingsheime

„Boxing-Security“-Chef Ronny S. war am Freitag für die „Märkische Allgemeine“ für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Seine Gesinnung hat er allerdings nie geheim gehalten. An der Bürotür von „Boxing Security“ in Cottbus klebte lange ein Aufkleber mit dem Schriftzug: „Bitte flüchten Sie weiter – Refugees not welcome!“ – eine Botschaft an die Besucher der im selben Haus untergebrachten Flüchtlingsberatung.

Gleichwohl gibt „Boxing Security“ auf der Firmenhomepage die Bewachung von „Erstaufnahmeeinrichtungen für potenzielle Asylbewerber“ als Referenz an.

Ansonsten nennt die Firma als Referenzaufträge Spiele der Fußballvereine Energie Cottbus, Dynamo Dresden, und Hertha BSC Berlin. Rewe- und Obi-Märkte zählen laut Homepage ebenso zu den Kunden wie Konzertveranstalter – die Cottbuser Kampfsportler passten unter anderem auf Bon Jovi, Mathias Reim und Howard Carpendale auf.

Cottbus ist laut Brandenburger Verfassungsschutz der Hotspot der rechtsextremen Szene im Land. In der 100.000-Einwohner-Stadt ergebe die Mischung aus Türsteher-Szene, Hooligans und Security-Leuten ein „toxisches Gebilde“, sagte kürzlich ein Verfassungsschutz-Sprecher dem RBB.

Von Ulrich Wangemann/MAZ/RND