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Wolfgang Joop sieht Karl Lagerfeld als Vorbild.

Joop: „Auf dem Planet Mode war Lagerfeld der König“

Die Modewelt trauert um Karl Lagerfeld. Auch der Potsdamer Modeschöpfer Wolfgang Joop wurde durch den Chanel-Designer geprägt. Im MAZ-Gespräch würdigt er ihn als einzigartige Persönlichkeit.

Karl Lagerfeld wurde weltweit hofiert und bewundert. Als Fashion-Guru herrschte er über die Welt der Mode. Nun ist der Stardesigner mit dem weißen Mozartzopf gestorben. MAZ-Chefredakteurin Hannah Suppa hat mit dem Potsdamer Modeschöpfer Wolfgang Joop (74) über seinen Kollegen und Weggefährten gesprochen.

Jil Sander, Karl Lagerfeld und Sie gelten als die drei großen deutschen Modegrößen. Was hat die Nachricht vom Tode des Modekollegen mit Ihnen gemacht?

Mich hat diese Nachricht umgehauen – ich konnte erst gar nicht sprechen. Ich dachte immer, dass unsere Modewelt ohne Karl Lagerfeld gar nicht möglich ist. Der Tod von Karl ist für mich wie der große letzte Eisblock in der Antarktis, der abgebrochen ist. Denn die Welt ist sehr kalt geworden – vor allem jetzt, wo er nicht mehr da ist. Und auch für mich ändert sich die Welt in den letzten Jahren so sehr – da muss man sich wappnen, diese Zeit zu verstehen und sich ihr zu widmen. Aus Respekt vor Lagerfelds Leistung hat man ihn verschont mit diesen Neuerungen, er durfte in der alten Welt bleiben.

Doch jetzt wird es Zeit sein, dass auch Chanel sich ändern muss. Noch bis vor Kurzem hatte Karl Lagerfeld diese unglaubliche Energie und ich konnte auch deutlich sehen, dass all diese Entwürfe von ihm waren – in aller Schönheit und aller Merkwürdigkeit. Er war ein Über-Mensch, der so unendlich viel geschafft hat. Karl Lagerfeld hat sich selbst eine persönliche Disziplin auferlegt – gerade im Kontrast zu seinem ehemals besten Freund Yves Saint Laurent, der sich den Gefühlen, Sehnsüchten und Drogen hingegeben hatte.

Was ist für Sie das modische Erbe Lagerfelds?

Er hat es geschafft, das was Coco Chanel vorgegeben hat, immer wieder neu zu interpretieren und daraus neue Aufgüsse zu machen. Er konnte es ironisieren, er konnte es übertreiben, minimalisieren, er konnte damit umgehen, was von Coco übrig war. Er reanimierte, modernisierte und zuletzt „vertrashte“ er es auch: Denn wir leben derzeit in einer „Fashion-Trash-Welt“. Er war auch der erste, der die Models mit ihren Handys auf den Laufsteg geschickt hat. Und hat dabei zugleich das Moderne für die Marke genutzt: Die Models mit Hunderten Millionen Followern. Er verstand etwas von Marketing – er war nicht nur „Couturier“, also Modeschöpfer, sondern auch Art Direktor. Er hat nicht nur Mode entworfen, sondern die Architektur eine Marke kreiert. Und sich dabei auch etwas getraut.

Er ist einer der bekanntesten deutschen Persönlichkeiten der letzten Jahrzehnte.

Nicht nur das: Karl war auch einer der ersten Europäer – er ist mit 16 Jahren nach Paris gegangen und hat es geschafft, eine deutsch-französische Brücke zu schlagen und ist dadurch eine europäische Figur geworden. Dabei hatte er diesen unglaublichen Leistungs-Output, der geradezu erschreckend war. Er hat diesen persönlichen Erfolg natürlich aber bezahlt – mit Einschränkungen seines persönlichen Lebens. Die Mode ist ein gefährlicher Planet, gerade für narzisstische Persönlichkeiten, wie viele von uns es sind. Auf diesem Planet war Karl Lagerfeld der König. Doch es ist auch ein Planet, wo man verschwindet.

Verschwindet mit Karl Lagerfeld nun auch die Ära der großen Modeschöpfer, zu der Sie ja auch gehören – oder war die längst vorbei?

Absolut. Eigentlich fanden wir schon immer, dass diese aufgerüschten Mädels bei Chanel mit ihren vielen Accessoires schon eher „Yesterday“ waren, also gestrig. Diese Unmengen an Kleidern und Kostümen war eher anachronistisch – man trägt heute nicht mehr das Kostümchen. Was auch traurig ist, denn das ist nun weg. Man hält sich doch gerne an die alten Bilder, weil so viele Erinnerungen daran gebunden sind. Die Mode ist aber auch unberechenbar, es kommt auch oft genug das wieder, was längst totgesagt war. Die Mode soll heute „political correct“ sein – doch leider ist sie das nicht, das ist nicht ihr Wesen.

Sie hatten zuletzt nicht das beste Verhältnis mit Karl Lagerfeld – immer wieder gab es Lästereien unter ihnen. „Sein Drama ist, dass er nicht ich ist. International kennt ihn doch keiner. Er kann alles gut imitieren, aber er hat keinen eigenen Stil“, sagte Lagerfeld mal über Sie. Woher kam die Feindschaft?

„Du bist der preußische Junker“ sagte er immer zu mir. Er war sehr fasziniert davon, wo ich herkomme, wie ich bin und wie ich aussehe – auch meine Ex-Frau mochte er gern. Plötzlich machte ich große Karriere – und das gefiel dann weder Karl noch Jil (Sander). So als Zeichner und hübscher Modefreund war ich sehr geduldet, aber als jemand, dessen Business boomte, das passte ihm nicht so recht. Irgendwie war dann Eiszeit ausgebrochen und in den letzten Jahren hatten wir auch keinen Kontakt mehr. „In seinen schönsten und hässlichsten Kleidern ist er immer fantastisch“, hat unser gemeinsamer Freund Gianni Versace mal gesagt – und das stimmt.

Sie sind jetzt 74 Jahre alt. Denken Sie viel über den Tod nach?

Ich denke mein Leben lang über den Tod nach. Ich bin ein barocker Mensch. Ich liebe das Leben und will viel davon haben – deswegen muss ich auch über das Ende nachdenken. Das ist ein Teil der Lebenslust.

Von RND/Hannah Suppa