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Auf einem Campingplatz in Lügde wurden mindestens 31 Kinder sexuell missbraucht.

Missbrauchsfall Lügde: Sonderermittler soll „Polizeiversagen“ aufklären

Jahrelang blieb der sexuelle Missbrauch von mindestens 31 Kindern auf einem Campingplatz bei Lügde unentdeckt. Nach und nach räumen die Behörden in dem Fall immer mehr Fehler ein. Jetzt sind auch noch Beweisstücke verschwunden. Ein Sonderermittler soll sie aufspüren.

Im Skandal um verschwundene Beweisstücke zum Kindesmissbrauchs in Lügde ist ein Sonderermittler im Einsatz. Mit Unterstützung durch LKA-Mitarbeiter soll er den Verbleib von 155 Datenträger klären, die in der Kreispolizeibehörde Lippe mit Sitz in Detmold verschwunden sind. Innenminister Herbert Reul (CDU) sprach am Donnerstag von „Polizeiversagen“ und „Debakel“. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter stufte das Verschwinden von Beweisstücken als eine „Katastrophe“ für das Ansehen der Polizei ein.

Die Staatsanwaltschaft Detmold geht derzeit davon aus, dass die Asservate verschwunden sind, jedoch nicht entwendet wurden. „Natürlich wird aber auch eine solche Möglichkeit nicht ausgeschlossen“, heißt es in einer Mitteilung vom Freitag.

Der Skandal dürfte auch im Landtag in Düsseldorf zur Sprache kommen. Auf der Tagesordnung am Freitag steht bereits seit längerem ein Antrag der Regierungsfraktionen von CDU und FDP, wie der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Missbrauch verbessert werden kann. Die SPD-Opposition sieht im Lügder Ermittlungsskandal nun bereits genug Stoff für einen weiteren parlamentarischen Untersuchungsausschuss.

Datenträger verschwanden im Dezember, Verlust fiel erst im Januar auf

Reul hatte am Donnerstag angekündigt, dass der Sonderermittler und LKA-Mitarbeiter „keinen Stein auf dem anderen“ lassen werden, um den Verbleib der Datenträger aufzuklären. Ein Alukoffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern seien zuletzt am 20. Dezember gesehen worden. Aber erst am 30. Januar sei der Verlust dann bemerkt worden. „Man muss hier klar von Polizeiversagen sprechen“, sagte Reul in Düsseldorf. „Das alles macht mich fassungslos.“ Es sei ein „Debakel“.

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Nur drei CDs aus dem verschwundenen Beweismaterial seien ausgewertet worden, so Reul. Auf ihnen sei nichts Verdächtiges gefunden worden, habe ein Polizist gesagt. Ob auf den CDs und DVDs mit insgesamt 0,7 Terabyte Datenvolumen auch kinderpornografisches Material war, sei nicht auszuschließen, sagte Reul weiter. „Auch bei der Auswertung ist es zu schweren handwerklichen Fehlern gekommen.“ Normalerweise müssen von Datenträgern, die als Beweismaterial gelten, Kopien gemacht werden. Aber nur von den drei CDs seien Kopien gezogen worden.

Eine „Katastrophe“ für das Ansehen der Polizei

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter sprach von einer „Katastrophe“ für das Ansehen der Polizei. „Für die Polizei ist das eine Katastrophe aus vielerlei Hinsicht: Die Bevölkerung vertraut uns, die Opfer vertrauen uns – und wir haben dieses Vertrauen hier offensichtlich verspielt – oder zumindest ist ein Fragezeichen, wie die Polizei arbeitet“, sagte Oliver Huth, Vize-Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in der „Aktuellen Stunde“ des WDR.

Wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung von Kinderpornografie sitzen als Hauptverdächtige ein 56-Jähriger aus Lügde, ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen in Untersuchungshaft. Bislang sind 31 minderjährige Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert. Bei den Verdächtigen hatte die Polizei bereits auf zahlreichen Datenträgern Beweismaterial mit einem Datenvolumen von rund 14 Terabyte sichergestellt, wobei nur ein Teil der Fotos und Videos in Lügde entstand. Das Material reiche aber aus, um die Tatverdächtigen zu überführen, erläuterte Innenminister Reul.

Von RND/dpa