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Der TV-Sender HBO will mit „Leaving Neverland“ eine Dokumentation über die Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson zeigen. Doch seine Erben wehren sich mit einer Klage.

Ärger um Doku „Leaving Neverland“: Michael Jacksons Erben verklagen TV-Sender

Zwei Männer wagten sich nach dem Tod des King of Pop an die Öffentlichkeit, gaben an, von Michael Jackson missbraucht worden zu sein. Der TV-Sender HBO will eine Dokumentation über ihren mutmaßlichen Leidensweg zeigen, aber Jacksons Erben wehren sich mit einer Klage.

Wade Robson und James Safechuck blieben verwirrt zurück, als nach der Premiere des Films „Leaving Neverland“ die Lichter im Kino angingen. Beide Männer beschreiben darin in schrecklichen Einzelheiten, wie sie nach eigenen Angaben als Kinder von Popstar Michael Jackson sexuell missbraucht wurden. Die Dokumentation, deren Trailer gerade veröffentlicht wurde, soll Anfang März in zwei Teilen im US-Sender HBO und im britischen Channel 4 ausgestrahlt werden. Jacksons Erben reichten am Donnerstag Klage gegen das Vorhaben ein.

Vor Gericht im Bezirk Los Angeles brachten die Anwälte von Jacksons Hinterbliebenen an, dass der Sender mit der geplanten Ausstrahlung gegen einen Vertrag von 1992 verstoßen würde. Damals sei das Zeigen eines Konzerts des King of Pop mit dem Vermerk vereinbart worden, ihn nicht zu verunglimpfen. Der Klage zufolge soll diese Klausel auch für zukünftige Situationen gelten. Die Dokumentation lege nun aber nahe, dass Jackson Kinder auf seiner „Dangerous“-Tour belästigt habe, von der das Konzertmaterial stammt.

HBO will Michael Jackson Doku trotz Klage zeigen

HBO teilte am Donnerstag mit, man werde „trotz der verzweifelten Anstrengungen, die unternommen wurden, um den Film zu untergraben“, ihn ausstrahlen. „Dies wird jedem die Gelegenheit geben, den Film und die darin enthaltenen Vorwürfe selbst einzuschätzen.“

„Leaving Neverland“ ist der Öffentlichkeit bereits einmal präsentiert worden. Die Dokumentation feierte im Januar beim Sundance Film Festival Premiere. Damals sahen sie auch die mutmaßlichen Opfer des Sängers, Robson und Safechuck, zum ersten Mal mit Publikum. In der Pause hatte Regisseur Dan Reed noch Zweifel, ob die beiden Männer nach der Vorführung noch in der Lage sein würden, wie geplant Fragen zu beantworten. Safechuck sprach von einem „Schlag ins Gesicht“. Doch die Männer blieben wie versprochen. Beim Abspann standen Hunderte Zuschauer auf und applaudierten ernst.

Der 36-jährige Robson und der vier Jahre ältere Safechuck bahnten sich ihren Weg auf die Bühne, etwas erschüttert davon, das mutmaßlich Geschehene noch einmal durchlebt zu haben. Doch zugleich waren beide überwältigt. Denn sie erfuhren zum ersten Mal öffentliche Unterstützung dafür, ihre Geschichte publik gemacht zu haben.

Mutmaßliche Opfer wagten sich erst nach Jacksons Tod an die Öffentlichkeit

Beide Männer haben turbulente Jahre hinter sich. Als Erwachsene hatten sie nach Jacksons Tod erstmals den Vorwurf des Missbrauchs erhoben. Zuvor hatten sie mehrfach erklärt, dass es dazu nie gekommen sei. Robson sagte 2005 im Prozess gegen Jackson wegen mutmaßlicher Belästigung zugunsten des Superstars aus. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch. Klagen gegen Jacksons Nachlassverwalter wegen Missbrauchs wurden aus verfahrensrechtlichen Gründen zurückgewiesen, allerdings läuft dazu noch ein Berufungsverfahren. Die Nachlassverwalter stellen die Glaubwürdigkeit der Kläger in Frage.

Auch bei Fans stießen Robson und Safechuck auf Misstrauen und wurden sogar bedroht. Auf Anfragen des britischen Filmemachers Reed für eine Dokumentation reagierten beide 2017 daher zunächst zurückhaltend. Doch aus Neugier stimmten sie einem Treffen mit dem Regisseur zu, der zuvor vor allem Filme über Krieg und Terrorismus gedreht hatte.

Protagonisten waren zunächst skeptisch gegenüber Filmvorhaben

Er habe befürchtet, dass die Geschichte einfach nur reißerisch dargestellt werde, sagte Safechuck am Tag nach der Premiere der Nachrichtenagentur AP in einem gemeinsamen Interview mit Reed und Robson. Er habe sich gefragt, ob es bei dem Film nur darum gehe, etwas zu machen, das Personen wegen Jackson anschauen. „Oder ist dies jemand, der die Geschichte der Überlebenden und des Missbrauchs erzählen wird und wie das ist?“

Robson, ein bekannter Choreograph, der mit Stars wie Britney Spears und *NSYNC zusammengearbeitet hat, hatte schon mehr Erfahrung mit Medien und war besonders vorsichtig. Auch er erklärte sich aber zu einem gemeinsamen Mittagessen bereit. „Ich war mir schnell ziemlich sicher, dass er ein integrer Mann ist“, sagte Robson über Reed.

Der Regisseur hatte keinen festen Plan vor Augen. Er hörte zunächst nur zu. Schließlich stimmten beide Männer dem Filmvorhaben zu. Robson wurde drei und Safechuck zwei Tage lang interviewt. „Ich wollte ganz offen an die Sache herangehen“, sagte Reed. „Schließlich gibt es kein Video von Michael Jackson, wie er Wade und James missbraucht. Es gibt keine Sammlung von Fotos. Also hört man der Person zu und entscheidet, ob etwas Wahres dran ist oder nicht.“

„Leaving Neverland“ stellt Trauma der mutmaßlichen Opfer dar

Der Film zeigt nun, wie Robson, Safechuck und ihre Familien Jackson auf dem Höhepunkt von dessen Ruhm in den 1980er und frühen 1990er Jahren kennenlernten und ihm ihr Vertrauen schenkten. Es geht um den mutmaßlichen Missbrauch, der bei Robson nach eigenen Angaben im Alter von sieben und bei Safechuck mit zehn Jahren begann. Reed stellt das Trauma der mutmaßlichen Opfer dar, die als Erwachsene anfingen zu verstehen, was ihnen widerfahren sei. Auch die Mütter und Ehefrauen wurden interviewt sowie zwei Geschwister Robsons.

Er habe nicht viele Fragen stellen müssen, erklärte Reed. Er habe den Interviewten aber einen Rat gegeben: Kommentiert das Geschehene nicht, sondern erzählt einfach, was passiert ist.

Safechuck und Robson sind froh über ihre Teilnahme an dem Projekt, auch wenn die Kritik von Fans und Nachlassverwaltern nun noch lauter wird. Sie beklagen unter anderem, dass Reed keine anderen Menschen zu Wort kommen lässt, die Jackson kannten. Der Filmemacher verteidigte sich: „Es ist die Geschichte dieser zwei Familien und nicht die all der anderen Menschen, die von Michael Jackson missbraucht wurden oder nicht“, sagte er.

Von RND/AP