Aktuell
Home | Nachrichten | Panorama | Andenken an Sternenkinder „in den Dreck geschmissen“
Hartmut Schewe ist traurig, nachdem auf dem Rostocker Westfriedhof persönliche Andenken für Sternkinder weggeräumt wurden

Andenken an Sternenkinder „in den Dreck geschmissen“

Für Hartmut Schewe ist es so, als wäre seine Enkeltochter noch einmal gestorben. Beim Umbau einer Gedenkanlage für totgeborene Kinder wurden Plüschtiere und Grablichter beiseite geschafft – die Angehörigen sind sauer.

Der letzte Besuch auf der Gedenkstätte für Sternenkinder auf dem Westfriedhof in Rostock war für Hartmut Schewe ein Schock: „Alles war weggeräumt“, sagt der 61-Jährige aus Hohen Schwarfs in der Gemeinde Dummerstorf.

Regelmäßig fährt Schewe zu der Gedenkstätte am anonymen Gräberfeld für Kinder, die tot zur Welt kamen oder gleich nach der Geburt starben. Seine Enkeltochter Paula liegt hier. Um an sie zu erinnern, hat Schewe einen Miniatur-Grabstein anfertigen lassen und auf die Anlage gestellt. Ende 2018 wurde die Gedenkstätte umgebaut – und die Erinnerungsstücke weggeräumt.

„Einfach in den Dreck geschmissen“

„Hier war alles voll“, sagt Hartmut Schewe. Plüschtiere, Blumen, Bilder, Windräder, Spielzeug, Grablichter – weil es auf der Sternenkinderanlage keine Grabsteine gibt, legten die Angehörigen persönliche Gegenstände ab. Um trotz Anonymität eine Art Anker zu haben. Nach dem Umbau der Anlage lagen die Sachen auf einer Wiese neben der Gedenkhalle. „Einfach in den Dreck geschmissen“, sagt Schewe.

Auch wenn das andere vielleicht nicht nachvollziehen könnten: Für ihn war es so, als wäre mit dem Wegräumen der Sachen das Kind „noch einmal gestorben“, sagt er. Er holte seinen Erinnerungsstein zurück und stellte ihn wieder auf die Anlage. Das taten auch andere: Auf der Steinfläche ist es wieder bunter geworden. Eine Friedhofsmitarbeiterin habe ihm und anderen Angehörigen aber gesagt, dass künftig nichts mehr abgestellt werde dürfe.

Friedhof geht von Missverständnis aus

Caroline Troschke, Abteilungsleiterin im Amt für Stadtgrün der Stadt Rostock, geht von einem Missverständnis aus. „Wir sind berechtigt, die Gegenstände nach einer gewissen Zeit wegzuräumen“, sagt sie. Nach einer Weile sähen die Sachen nicht mehr würdevoll aus, Blumen verwelken, Plüschtiere werden durch Wind und Wetter unansehnlich. „Für den Umbau mussten wir alles wegräumen“, sagt Troschke. Als im Dezember alles fertig war, konnten die Eltern und Angehörigen selbst entscheiden, ob sie die Gegenstände wieder zurück bringen. Es gebe aber kein grundsätzliches Verbot für Hinterbliebene, persönliche Dinge für ihre Sternenkinder abzulegen, betont Caroline Troschke.

611 Sternenkinder wurden hier beigesetzt

„Das ist ein hochsensibles Thema“, sagt sie, die Verwaltung bemühe sich darum, den Hinterbliebenen so viel Raum zum Trauern zu geben wie nötig. Das Grabfeld gehört der Rostocker Südstadtklinik, 611 totgeborene Kinder, die weniger als 1000 Gramm wogen, wurden hier bislang bestattet, ohne Beisein der Eltern. Kinder mit einem höherem Geburtsgewicht werden nach geltendem Recht genauso bestattet wie jede andere verstorbene Person – also auch mit Grabstein, wenn die Eltern dies wünschen.

Mutter war noch nie bei Gedenkstätte

Für Sternenkind-Großvater Schewe hätte die Gedenkanlage ohne persönliches Erinnerungsstück keine Bedeutung. „Dann würde ich nicht mehr her kommen“, sagt er. Seine Tochter, die Mutter von Paula, war noch nie hier, sie sei dazu noch nicht bereit. Schewe hat drei gesunde Enkelkinder, ein viertes ist unterwegs. Die umgebaute Sternenkinder-Gedenkstätte mit dem symbolischen Sternenschweif ist ihm zu leer und aufgeräumt. Das ist nur der Übergang, sagt Abteilungsleiterin Troschke. Jetzt im Winter sei noch nichts von den neuen Pflanzen zu sehen. „Die müssen erst noch wachsen.“

Von RND/Gerald Kleine Wördemann