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Der Stiefvater der betroffenen jungen Frau möchte andere warnen und auf die Impfmöglichkeit hinweisen.

Junge Frau verliert nach Meningokokken-Infektion Arme und Beine: Familie wirbt für Impfschutz

Einer 22-Jährigen müssen nach einer Meningokokken-Infektion Arme und Beine abgenommen werden. Die Familie der Frau geht mit dem Fall an die Öffentlichkeit, um für Impfschutz zu werben.

Alles fängt mit Kopfschmerzen an. Die 22-jährige Julia R. (Name von der Redaktion geändert) lässt sich krankschreiben und schläft viel. Dann kommen Gliederschmerzen und eine leichte Nackensteife dazu. Am nächsten Morgen muss sich die Lübeckerin übergeben. Eine typische Magen-Darm-Grippe vermutet der Arzt, der die junge Frau telefonisch krankschreibt. Doch am Abend hat Julia R. plötzlich blaue Flecken am ganzen Körper. Als sie mit einem Rettungswagen in die Uniklinik gebracht wird, ist sie bereits stark geschwächt.

Ihre Familie bangt um das Leben der jungen Mutter. Denn nach den ersten Tagen auf der Intensivstation ist klar: Julia R. leidet an einer Meningokokken-Infektion. Eine schwere Krankheit, die innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich werden kann. Die Bakterien (Meningokokken) verursachen bei der jungen Frau eine Hirnhautentzündung und eine Blutvergiftung. Die Ärzte müssen sie in ein künstliches Koma versetzen, ihr nach rund zwei Wochen Arme und Beine amputieren.

„Keine Allerweltskrankheit“

Ein Fall, der auch für Ärzte und Seelsorger eine große Herausforderung ist. Nur rund 300 bis 400 Menschen pro Jahr erkranken in Deutschland an einer schweren Meningokokken-Infektion. Nun will Julia R.s Familie auf die Gefahr aufmerksam machen. „Wichtig ist, dass alle informiert sind. Gerade weil es keine Allerweltskrankheit ist“, sagt der Stiefvater der jungen Frau den „Lübecker Nachrichten“. Vor allem aber geht es dem 54-Jährigen um die Impfmöglichkeit. Denn gegen Meningokokken gibt es seit Jahren einen Impfstoff. „Gerade in Kitas und Schulen ist das wichtig“, sagt der Lübecker.

Zwei verschiedene Meningokokken-Typen

„Bei Meningokokken muss man vor allem zwei Typen unterscheiden“, erklärt der Kinderarzt Dr. Thomas Parlowsky. „Es gibt den Typ C, der für rund ein Viertel der Erkrankungen verantwortlich ist. Für diesen Typ gibt es einen Impfstoff, der auch von der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts in die Impfempfehlungen aufgenommen wurde.“ Die Impfung wird allen Kindern im zweiten Lebensjahr empfohlen.

„Dann gibt es noch den Typ B, der rund zwei Drittel der Erkrankungen ausmacht“, berichtet Parlowsky. „Hier gibt es seit 2013 zwar einen Impfstoff, aber keine Impfempfehlung. Wir raten den Eltern in unserer Praxis dennoch dazu.“ Nur manche Krankenkassen tragen die Kosten für die Impfung gegen diesen Typ B. Im Höchstfall müssen Familien rund 500 Euro selbst aufbringen. Die Impfkommission empfiehlt die Impfung nicht, sie will erst weitere Daten zur klinischen Impfeffektivität, zur Dauer des Impfschutzes und zu einem möglichen Effekt auf das Meningokokken-Trägertum abwarten.

Vorsichtsmaßnahmen in Kita

Wo sich Julia R. angesteckt hat, lässt sich nicht mehr herausfinden. Meningokokken leben im Nasen-Rachen-Raum des Menschen und werden durch Tröpfchen übertragen. In der Integrativen Kindertagesstätte, in der die 22-Jährige zur Zeit der Erkrankung ein Praktikum absolviert hatte, ergriff man nach dem Vorfall Vorsichtsmaßnahmen. „Wir waren alle zutiefst betroffen. Wir meldeten den Fall sofort dem Gesundheitsamt und setzten dessen Vorgaben in unserer Einrichtung um“, sagt Leiterin Michaela Hartwig. „Alle Eltern wurden informiert. Die Kinder aus der Heilpädagogischen Gruppe, in der die junge Frau tätig war, suchten einen Arzt auf und erhielten vorsorglich ein Antibiotikum.“ Die Heilpädagogische Gruppe sei zudem für zwei Tage geschlossen worden.

Von Maike Wegner/RND