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Hofft, dass die Proteste fürs Klima etwas bewirken: Heike Makatsch. Quelle: imago images/Günther Ortmann

Heike Makatsch: “Ich laufe häufiger bei Fridays for Future mit”

Heike Makatsch ist an Bord des Kino-Musicaldampfers „Ich war noch niemals in New York“ gegangen. Ein Gespräch über Udo Jürgens, Lieder gegen Liebeskummer und die Hoffnung, dass die Erde doch noch zu retten ist.

Die Schauspielerin Heike Makatsch lässt ihre Stimme gern als Sängerin im Kino erklingen – aber sie erhebt sie genauso, wenn es darum geht, für eine politische Sache zu streiten, die ihr am Herzen liegt. „Ja, da steckt durchaus ein Weltverbesserungsanspruch in mir“, hat sie dem RedaktonsNetzwerk Deutschland (RND) gesagt. „Und das ist auch nichts Schlechtes.“

Frau Makatsch, gehören Sie zu jenen Menschen, die im Alltag singen?

Aber ja, wenn mir ein Lied gefällt oder wenn andere Leute singen: Da gibt es viele Gelegenheiten. Aber das tun doch so ziemlich alle Menschen, oder? Das gehört doch zum Leben dazu. Ich liebe es jedenfalls.

Jeder hat Lieder für besondere Gemütszustände: Was empfehlen Sie in einem akuten Fall von Liebeskummer?

Da gab es jetzt nicht das eine Lied, das ich gespielt habe. Einige Balladen berühren mich jedoch immer wieder, zum Beispiel die Songs von James Taylor, alte Stücke von Olivia Newton-John, Cat Stevens, Folk- und Countryballaden. Meistens hat man die Lieder ja aber nicht gehört, weil man erwartete, dass es einem danach besser ginge. Man wollte eher noch ein bisschen trauriger werden, als man sowieso schon war.

In Ihrer Karriere finden sich so viele Bezüge zur Musik: Gab es zu irgendeiner Zeit auch mal die Idee, ganz auf die musikalische Schiene zu wechseln?

Nein, wirklich nicht. Ich mag Musik, ich mag überhaupt die Popkultur. Ich finde es auch toll, welche Emotionen Musik ungefiltert transportieren kann: Ein Lied kann direkt in die Herzen hineinfahren und bei Millionen Menschen etwas auslösen. Aber ich bin selbst weder Musikerin noch Sängerin, sondern Schauspielerin. Und das bin ich wirklich gern.

Aber wieso hat es Sie dann erst einmal zum Musiksender Viva verschlagen?

Ganz einfach: Ich war damals in dem Alter, in dem man sich besonders über Musik definiert. Für junge Menschen ist das nun mal die Kunst, mit der sie sich am meisten identifizieren können. Schon damals habe ich mir aber zwischendurch ganz gern einen Film angeschaut. Bloß war Musik eindeutig wichtiger. Diesen Stellenwert im Leben würde ich ihr heute nicht mehr einräumen.

Im Kino haben Sie dann aber gleich weitergesungen …

Stimmt. Gleich in meinem Kinodebüt „Männerpension“ bei Detlev Buck fing es mit „Stand by Your Man“ an – und da sollte ich sogar richtig schräg singen, wie es zu meiner Kinofigur, der lispelnden Sängerin Maren, passte. Aber auch in „Obsession“ oder „Die Häupter meiner Lieben“ tauche ich im Soundtrack auf. Und dann habe ich natürlich als Hildegard Knef in der Filmbiografie „Hilde“ gesungen. Aber ich habe das nicht aktiv angeschoben. Filme mit Musik haben mich eher gefunden, als dass ich sie gesucht habe.

Damit waren Sie geradezu prädestiniert für Ihren aktuellen Film, das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“, das beinahe komplett auf einem Ozeandampfer spielt. Was haben Sie beim Casting zum Besten gegeben?

Wir durften uns vorab einige Lieder anhören und sollten einige davon dann auch singen. Bei mir waren das die Stücke „Lieben ohne Leiden“ und „Ich will, ich kann“ – und zwar immer im Duett mit den Castingpartnern.

Ihr Regisseur Philipp Stölzl hat über die Sangeskünste seiner Schauspieler ganz diplomatisch gesagt: „Aber natürlich wird aus einem Laien nicht in ein paar Monaten Fred Astaire.“ An wen könnte er bei diesen Worten gedacht haben? Vielleicht an Ihren Filmpartner Moritz Bleibtreu?

An jeden von uns hat Philipp gedacht! Das war ja das Konzept hinter dem Film: Es sollten keine perfekten Sänger und Tänzer antreten, die ein perfektes Musical abliefern. Es ging vielmehr um einen Film mit Musikelementen, in dem auch Romanze und Screwball-Comedy ihren Platz haben. Die Schauspieler sollten aus ihrer Figur und aus der Geschichte heraus tanzen und singen. Musikalische Vollkommenheit war nicht das Ziel. Das Wichtigste war es, die richtige Balance zwischen alledem zu finden.

Haben Sie schon vor Ihrem neuen Film zu den Liedern von Udo Jürgens getanzt?

Das könnte auf einer schunkeligen Party durchaus mal passiert sein – aber das war sicher nicht meine bevorzugte Tanzmusik.

Sie sind Jahrgang 1971: War Udo Jürgens für jemanden Ihrer Generation uncool?

Na ja, er war nun nicht Udo Lindenberg. Auf der Auswahlliste im Partykeller stand Udo Jürgens jedenfalls nicht ganz oben. Aber ich habe ihn doch gern gehört, zum Beispiel den Song „Vielen Dank für die Blumen“, das war ja die Titelmusik in den „Tom und Jerry“-Zeichentrickfilmen.

Könnte es sein, dass der Musiker Udo Jürgens trotz seines gigantischen Erfolgs unterschätzt wurde?

Manche mögen in ihm zuerst den hübschen Schlagerschwiegersohn gesehen haben, der in Fernsehshows auftrat und hinterher im weißen Bademantel auf der Bühne saß. Aber Udo Jürgens war ein ernst zu nehmender Liedermacher, dessen Stücke oft gesellschaftspolitische Bezüge hatten. Denken Sie nur mal an „In diesem ehrenwerten Haus“. Vieles an seiner Musik ist zeitlos, die Lieder stecken geradezu in unserer DNA. Und es schmälert ja nun nicht seine Leistung, dass ich in den Achtzigerjahren lieber Punkrock gehört habe.

Verbinden Sie mit „Ich war noch niemals in New York“ persönliche Sehnsuchtsziele?

Nee, aber meine leicht abgewandelte Zeile im Filmlied lautet ja auch „Ich war noch nie in Darmstadt mit zerrissenen Jeans“. Ich denke also immer an Darmstadt, und da war ich tatsächlich noch nicht.

Klimapolitisch ist dieser Film jedenfalls ein Fauxpas: Kann man sich heute noch ohne schlechtes Gewissen auf ein Kreuzfahrtschiff begeben?

Halt, halt, wir haben während unserer Kinoreise keine Schadstoffe ins Meer abgelassen oder Abgase in den Atlantikhimmel gepustet. Unser Traumschiff hatte in einem Studio festgemacht.

Und wenn jetzt alle per Dampfer nach New York wollen?

Ich gehe mal nicht davon aus, dass die Kinozuschauer nach der Vorstellung ins Reisebüro stürzen, um eine Kreuzfahrt zu buchen. Das war nun wirklich nicht unser Ziel. Dieser Ort hat eher symbolischen Charakter. Übrigens kann ich guten Gewissens sagen, dass ich noch nie eine Kreuzfahrt angetreten habe.

Sie spielen mit sichtbarer Lust eine karrierebesessene Fernsehmoderatorin. Kennen Sie solche Typen aus Ihrer TV-Zeit?

Ich lehne meine Figuren eher an mir selbst an, nicht an anderen Menschen. Ich suche nach Emotionen, an denen ich andocken kann. Das bedeutet jetzt aber nicht, dass ich so bin wie diese überdrehte Lisa Wartberg, die drei Gespräche gleichzeitig auf ihrem Handy führt und im nächsten Moment die gesamte Studiocrew zusammenstaucht. Lisa ist auf der Flucht vor der Einsamkeit und klammert sich an ein Leben, das längst der eigentliche Grund ihrer Einsamkeit geworden ist. Das muss sie bloß erst einmal erkennen.

Unterscheiden Sie zwischen der öffentlichen Heike Makatsch und der privaten?

Klar bin ich privat unter den Menschen, die ich liebe, eine andere. Aber ich laufe nun auch nicht auf dem roten Teppich mit einer Heike-Makatsch-Maske herum. Den Unterschied zwischen der privaten und der öffentlichen Heike bemerke vielleicht zuerst ich selbst. Und natürlich ist das auch ein Teil von mir, wenn ich so wie heute Abend bei so einer Filmpremiere wie hier in Köln antrete: Für mich ist das eine Feier dessen, was wir unter Kollegen erarbeitet haben. Das ist so ein schönes Gefühl, als würde ich mich abends hübsch machen und in einen Club gehen, um zu flirten.

Kennen Sie das bei den meisten Filmfiguren in Ihrem Musical vorherrschende Gefühl, etwas Wichtiges im Leben verpasst zu haben?

Ich fühle mich immer noch so jung, dass ich glaube, alles korrigieren zu können, was ich bislang verpasst haben sollte. Ein Reuegefühl habe ich bei mir jedenfalls noch nicht registriert. Ich habe in meinem Leben ja auch schon ziemlich viel gemacht und mich auch einiges getraut. Tatsächlich gibt es da aber noch Pläne. Wie spannend!

Nach dem Gymnasium haben Sie erst einmal vier Semester Politik und Soziologie studiert. Wollten Sie mal die Welt verbessern?

Auf einer subtilen Ebene ist das immer noch ein Antrieb für mich. Jedenfalls wäre es schön, wenn das, was ich mache, in die richtige Richtung führt. Dafür möchte ich mir eine gewisse Wachsamkeit bewahren. In meiner Studienzeit wollte ich ja Journalistin werden, wollte etwas aufdecken, über etwas aufklären, vielleicht sogar etwas Investigatives herauskriegen. Ja, da steckt durchaus ein Weltverbesserungsanspruch in mir, und das ist auch nichts Schlechtes.

Manchmal erheben Sie ja auch öffentlich Ihre Stimme, zum Beispiel für die Finanztransaktionssteuer, die die Kluft zwischen Reich und Arm verkleinern soll. Warum ist Ihnen gerade dieses Statement wichtig?

Ich leihe mein Gesicht und meine Stimme Oxfam, und die haben sich für die Finanztransaktionssteuer starkgemacht. Ich spüre aber auch immer mehr, dass es nicht reicht, sich punktuell für dieses oder jenes einzusetzen. Was die Welt braucht, ist ein regelrechter Systemwandel. Das ist ein gewaltiges Thema – und umso schwerer fällt es einem, sich für Details zu engagieren. Manchmal fühle ich mich einfach erschlagen, wenn ich sehe, wie sehr wir Menschen in die falsche Richtung laufen.

Sind Sie etwa eine Pessimistin?

Ganz im Gegenteil! Im Moment wächst bei mir die Hoffnung. Immer mehr Kräfte drängen auf die Straße und lassen Politiker nicht mehr routinemäßig ihr Ding weitermachen. Immer mehr Protestierende schließen sich zusammen, und sie werden auch immer lauter.

Was könnten diese anschwellenden Demonstrationen bewirken?

Vielleicht ist dieses Fünf-nach-zwölf-Gefühl, was die Menschen angesichts des Klimawandels ergreift, eine Antriebskraft, die wirklich zu Veränderungen führt. Vielleicht wird jetzt nicht mehr nur Politik für den Markt gemacht, sondern auch für unseren Planeten. Vielleicht wird nicht mehr geflissentlich über die Folgen unserer zerstörerischen Art zu leben hinweggeschaut. Die Sache wird ja immer dringlicher. Ich würde auch nicht die Umwelt gegen das Soziale ausspielen, wie es gerade geschieht: Wenn sich die Wirtschaftsstrukturen ändern, werden auch wieder soziale Überlegungen an Bedeutung gewinnen. Genauso ließen sich die Erträge der Finanztransaktionssteuer ja auch zur Rettung unseres bedrohten Klimas einsetzen.

Nervt Sie die Bewegung Extinction Rebellion wenigstens ein kleines bisschen, weil Sie über belagerte Berliner Straßen nicht rechtzeitig zu Ihren Terminen kommen?

Also meinen Zug von Berlin nach Köln zur Premiere von „Ich war noch niemals in New York“ habe ich problemlos bekommen. Mich nerven diese Klimarebellen überhaupt nicht. Ich bin mehr als gewillt, Einbußen in Sachen Bequemlichkeit hinzunehmen – immer in der Hoffnung, dass sich Veränderungen in die richtige Richtung ergeben.

Sieht eine Mutter anders als andere auf diese Bewegungen, die fürs menschliche Überleben streiten?

Na ja, auch Nichteltern können vermutlich erkennen, dass es ein Leben nach uns auf der Erde geben sollte. Aber für eine Mutter ist vielleicht die Vorstellung umso schwerer auszuhalten, dass da ganze Generationen ohne Zukunft auf diesem Planeten heranwachsen könnten. Was die Klimakatastrophe bedeutet, ist ja immer noch schwer zu begreifen – auch wenn diese endlos heißen Sommer der vergangenen Jahre uns eine Idee davon gegeben haben.

Laufen Sie mit Ihren Töchtern bei der Protestbewegung Fridays for Future mit?

Ja, wenn auch nicht jeden Freitag. Aber wir sind in Berlin schon häufiger auf der Straße dabei. Und der Klimawandel ist bei uns auch Thema am Frühstückstisch.

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Von Stefan Stosch/RND