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Musiker Udo Lindenberg feierte die Party seines Lebens, als die Mauer fiel.

Udo Lindenberg: Ich treffe mein „Mädchen aus Ost-Berlin“ noch heute

An die Wiedervereinigung hat Musiker Udo Lindenberg immer geglaubt. Auch wenn er in den Achtzigern richtig Ärger mit Ost-Berlin hatte. Doch als die Mauer schließlich fiel, feierte er in Berlin die tollste Party seines Lebens, wie er im RND-Interview erzählt.

Herr Lindenberg, in diesem Jahr jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Sie waren in den Jahren davor einer der Prominenten, die sich am deutlichsten für die deutsche Wiedervereinigung ausgesprochen und engagiert haben. Erinnern Sie sich noch, wo Sie am Tag des Mauerfalls waren?

Ich war zu dem Zeitpunkt in München, bin aber dann sofort nach Berlin gezischt. Tollste Party meines Lebens, kreuz und quer durch ganz Berlin, hoch die Tassen, und alle lagen sich in den Armen. Wir haben ganz glücklich nach vorne geguckt. Totaler Flash, weil ich immer an die Wiedervereinigung geglaubt hatte und peng: Endlich war’s passiert. Ich bin eine ganze Woche in Berlin geblieben. 1989 war für mich eh ein prägendes Jahr: Ich hab’ mein Album „Bunte Republik Deutschland“ herausgebracht. Ich hatte einen Herzkasper, der mir einen Warnschuss gegeben hat. Aber als dann die Mauer fiel, war alles andere in dem Moment egal.

1983 durften Sie nach langem Warten ein Konzert in der DDR geben. Sie traten im Palast der Republik in Ost-Berlin auf, sagten auf der Bühne „Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen“ und „Weg mit allem Raketenschrott in der Bundesrepublik und in der DDR“. Hatten Sie vorher überlegt, dass Sie das Konzert für ein politisches Statement nutzen wollten?

Ich wusste vorher schon sehr genau, was ich sagen würde. Ich hatte auch extra gefordert, dass das Konzert live und nicht zeitversetzt übertragen wird, damit meine Message ankommt. Ich habe mich damals heimlich zu den wartenden Udo-Fans vor die Tür geschlichen und ihnen erzählt, dass wir endlich einen Tourneevertrag für die DDR haben. Ich war bester Dinge. Ich wusste, ich habe Millionen Freunde in der DDR, die wollte ich doch nun endlich mal kennenlernen!

War Ihnen bewusst, dass Ihre Worte die für 1984 geplante Tour in der DDR gefährden könnten?

Ich hätte nie gedacht, dass die Sätze so etwas auslösen können, da wir die Konzertvereinbarungen schriftlich vorliegen hatten. Ich war total geschockt und zutiefst enttäuscht, als ich von der Absage gehört habe. Zumal Erich Honecker mir das noch nicht einmal persönlich mitgeteilt hat. Schlechter Stil auch noch. Ich hab’s aufm Ku’damm von Leuten erfahren, die gerade die „Tagesschau“ gesehen hatten.

Wie hätte Honecker es Ihnen denn mitteilen können? War Ihr Verhältnis so eng?

Wir hatten gar kein Verhältnis. Dieser Briefkontakt, der Geschenkeaustausch – das haben doch alles seine Fuzzis für ihn gemacht. Ich glaube, er hatte Angst vor dem unberechenbaren Rocker Lindenberg. Ich habe ihn nur einmal auf einem Empfang in Wuppertal getroffen, als ich mich mit meiner Gitarre von hinten an ihn herangeschlichen habe. Und auch da ist leider kein richtiger Austausch zustande gekommen, nur ein paar Luftblasensprüche. Er stand ziemlich bedröppelt da, mit meiner schönen Gitarre in den Flossen. Da hatte ich draufgeschrieben: „Gitarren statt Knarren.“ Erich H., ein fertiger alter Mann, und seine ganze beknackte Truppe, gut, dass der Scheiß vorbei ist.

Nach der Wende kam es dann 1990 doch zur ersten Tour durch die DDR. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Konzert?

Es war unglaublich emotional. Die Menschen lagen sich in den Armen, haben geweint. Krokodilstränen der Freude. Und auch ich habe auf der Bühne geheult. Für viele Menschen ist mit dem Auftritt nicht nur ein Traum von diesem Konzert in Erfüllung gegangen, sondern auch die Erkenntnis gekommen: Nun sind wir wirklich wieder ein Land – auch mit der Freiheit, dass wir selbst bestimmen können, welcher Sänger hier auf die Bühne kommt. Noch heute sind Konzerte im Osten für mich immer etwas Besonderes. Die Liebe ist da besonders tief, über die jahrzehntelange Vertrautheit mit meinen Texten wie „Sonderzug”, „Rock ’n’ Roll Arena in Jena “ und „Mädchen aus Ostberlin“.

Sie haben Ihre Stasi-Akten mal als „grotesk und abartig“ bezeichnet. Was hat Sie an dem Inhalt am meisten schockiert?

Ich habe gar nicht alles lesen können – und wollte ich auch gar nicht. So viel Schwachsinn, unfassbar! Es gab meterdicke Akten, dafür hätte es Dutzende Helfer und vermutlich Jahre gebraucht, um den ganzen Inhalt zu erfassen. Aber dass da wirklich so viele Menschen sich damit beschäftigen mussten, mich von Bäumen oder Straßenecken aus zu observieren, das fand ich einfach nur absolut weggetreten. Eine Verschwendung von Menschenzeit und -power, die sich an anderer Stelle besser hätten für den Frieden einsetzen können.

Das Mädchen aus Ost-Berlin bleibt in Ihrem Leben ein Mythos. Mal heißt es, Sie treffen sich noch, mal, Sie hätten sogar ein gemeinsames Kind. Was davon ist wahr?

Wir treffen uns noch regelmäßig, haben einen sehr guten Kontakt. Ob es einen Sohn gibt oder nicht, steht in den Sternen – und so soll das auch bleiben. Auch zu seinem Schutz. Also: Wenn es einen gibt, ist er sicher megamusikalisch, wahrscheinlich rappt er und will seine Karriere auf seine ganz eigene Weise durchziehen, nicht supported durch den großen Namen seines rätselhaften Vaters. Was übrigens wirklich ein Mythos ist: dass es nur EIN Mädchen aus Ost-Berlin in meinem Leben gab …

Finden Sie, dass die Wiedervereinigung geglückt ist?

Ich finde, wir können ganz happy sein, in unserem Land zu leben. Wir leben in einer Demokratie mit vielen tollen Freiheiten, die in anderen Teilen der Welt nicht selbstverständlich sind. Natürlich gibt es noch eine Menge zu tun, gleicher Lohn, Mietgerechtigkeit, wie sind die Vorstände großer Unternehmen besetzt, Frauenpower – und die hässlichen Entgleisungen am rechten und linken Rand, das bekommen wir aber auch noch hin. Ich bin da sehr optimistisch und lebe ausgesprochen gern in Deutschland.

Was glauben Sie, wie wäre Deutschland heute, wenn die Mauer nie gefallen wäre?

Ich kann mir Deutschland mit einer Mauer nur noch schwer vorstellen, und das ist auch gut. Aber ich kann eines mit Sicherheit sagen: Wenn es die Mauer noch geben würde, würde ich weiterhin dafür kämpfen, dass sie fällt.

Wohin würden Sie heute mit einem Sonderzug fahren?

Heute würde gar nicht mehr ein Zug reichen, man bräuchte gleich mehrere Flugzeuge. Eines nach Moskau, eines nach Washington – und dann wohl auch noch eines nach China. Das Thema Abrüsten, Frieden und möglicher Krieg ist leider auch heute, 30 Jahre nach der Wende, aktueller denn je.

Mehr aus der Serie „Mein Traum von Deutschland“? Klicken Sie hier.

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.

Von Lena Obschinsky/RND