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In Detmold hat eine 15-Jährige ihr kleines Brüderchen erstochen. Der Fall sorgt für Entsetzen. Quelle: Guido Kirchner/dpa

Wenn Kinder Kinder töten: Wie konnte es zu der Bluttat von Detmold kommen?

Mit 28 Stichen, so das Ergebnis der Obduktion, hat eine 15-Jährige in Detmold ihren dreijährigen Bruder getötet. Ursache könnte ein „heftiger Affekt“, aber auch eine „psychotische Verkennung” sein, sagt Burkhard Neuhaus, Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie im hannoverschen Kinder-und Jugendkrankenhaus Auf der Bult im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Detmold/Hannover. Eine Bluttat erschreckt derzeit ganz Deutschland. Eine 15-Jährige ersticht ihr kleines Brüderchen im Schlaf und wird dann nach stundenlanger Flucht in Lemgo gefasst, ohne einen konkreten Anlass für ihre Tat zu nennen.

Dr. Burkhard Neuhaus ist Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im hannoverschen Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult. Zu seinen Aufgabengebieten zählen die Durchführung und Supervision von Gutachten für strafrechtliche, sozialrechtliche, familien- und vormundschaftsrechtliche Fragestellungen.

Wenn ein älteres Geschwister auf das kleine Brüderchen, das alle Aufmerksamkeit bekommt, eifersüchtig ist, dann wird mal unbemerkt ein klein wenig Gewalt ausgeübt – das Baby gekniffen. Wie kann es zu einer Tötung des Geschwisterchens kommen wie jetzt in Detmold?

Man kann das seriös nicht beantworten. Es könnte zum Beispiel ein heftiger Affekt gewesen sein oder eine sogenannte psychotische Verkennung – bei der der Säugling als Monster wahrgenommen wird, das es zu bekämpfen gilt. Dazu müsste man mehr über die Persönlichkeit der 15-Jährigen wissen. Denkbar ist auch, dass die Tat ursprünglich als erweiterter Suizid gedacht war.

Steht im Vordergrund einer solchen Tat eher die Auslöschung des Konkurrenten oder die Bestrafung der Eltern, die einen selbst vernachlässigt haben?

Das ist denkbar, aber auch nicht wirklich seriös zu beantworten, weil wir zu wenig wissen.

Wird bei so einer Tat wie in Detmold der Tod des Opfers in seiner Endgültigkeit begriffen – dass der Täter oder die Täterin hier etwas nimmt, was er nie wieder zurückgeben kann?

Kinder haben in der Regel noch keine Vorstellung über die Endgültigkeit des Todes. Jugendliche aber schon. Wobei das natürlich auch von der Reife des jeweiligen Menschen abhängig ist und wie sehr er sich schon mit Lebensfragen auseinandergesetzt hat.

Die Täterin von Detmold ist nach der Tat weggelaufen. Klingt das nach einem Plan, dass sie wusste, sie würde nach der Tat nicht mehr in ihrer Familie leben können?

Die Flucht kann genauso gut spontan erfolgt sein, weil sie erkannt hat, was sie getan hat. Im Schock laufen einige Menschen impulsiv weg.

Es wurden 28 Stiche festgestellt, die erfolgten, als das Opfer schlief. Muss da nicht viel passiert sein, dass jemand sich so heftig „entlädt“?

Das wäre zu weit interpretiert. Stellen Sie sich vor, Sie verkennen die Situation. Ihnen ist gar nicht klar, dass das Kind Ihr Geschwister ist. Sondern Sie glauben, Sie bekämpfen ein Monster, das Sie bedroht. Das wäre bei einer sogenannten psychotischen Verkennung durchaus möglich.

Wie kann man jemandem helfen, der eine solche Tat auf dem Gewissen hat?

Meist kann man helfen, ob nun eine psychische Erkrankung vorliegt oder es bei einer unreifen Persönlichkeit zu einem Impulsdurchbruch gekommen ist. Auch hier ist das richtige Vorgehen natürlich von der Persönlichkeit der Jugendlichen abhängig. In der Regel ist wichtig, dass die Jugendliche Vertrauen zu einem Therapeuten aufbauen kann und eine Therapiemotivation entwickelt.

Der 15-Jährigen drohen bis zu zehn Jahre Haft, wenn sie wegen Totschlags das Höchststrafmaß für Jugendliche bekäme. Was wäre eine Alternative, in der sie nicht einfach weggesperrt wird?

Dass sie nur eingesperrt wird, kann ich mir kaum vorstellen. Wenn eine psychische Krankheit mit eingeschränkter Schuldfähigkeit vorlag, ist eine jugendpsychiatrische Behandlung in einem Maßregelvollzugskrankenhaus wahrscheinlich. Also in einer besonderen geschlossenen psychiatrischen Abteilung, die für meist mehrjährige Behandlungen angelegt ist.

Wie kann ein jugendlicher Täter mit einer solchen Tat leben? Oder wird das dauerhaft verdrängt?

Ein komplettes Verdrängen ist schwer möglich, sofern die Jugendliche nicht während der Tat in ihrem bewussten Erleben eingeschränkt war. Wünschenswert ist, dass die Jugendliche ein Verständnis des Geschehens erarbeiten kann, das das eigene Handeln während der Tat einschließt. Hierzu sollten Jugendliche das Geschehen in ihrer eigenen Sprache schildern lernen und im Zusammenhang mit ihrer Entwicklung und den jeweiligen Lebensumständen verstehen. Hierbei können Therapeuten helfen.

Von Matthias Halbig/RND

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