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Kommt aus einer berühmten Familie: Prof. Dr. med. Fritz Eckhart Freiherr von Weizsäcker, hier mit seiner Frau Katja. Quelle: imago images/Tinkeres

Interview nach dem Tod von Fritz von Weizsäcker: “Er hatte etwas Einladendes”

Der erstochene Arzt Fritz von Weizsäcker kommt aus einer berühmten Familie. Der Autor Hans-Joachim Noack hat eine Biografie über die Weizsäckers geschrieben. Im Interview erzählt er, wie er Fritz von Weizsäcker erlebt hat.

Herr Noack, Sie haben in diesem Jahr eine Biografie über die Familie von Weizsäcker geschrieben. Wie gut kannten Sie den gestern getöteten Fritz von Weizsäcker?

Im Rahmen meiner mehrjährigen Recherche über die Großfamilie von Weizsäcker gehörte er zu den Menschen, mit denen ich häufiger zu tun hatte. Eine Familie, die aus vielen Köpfen besteht, reagiert auf jemanden, der über sie schreiben will, ja unterschiedlich. Die einen sind von Anfang distanziert oder wehren ab, während andere von ihrem Naturell her die Autoren eher ermutigen. Zu der zweiten Gruppe gehörte Fritz von Weizsäcker. Er war sehr unprätentiös, er hatte etwas Einladendes. Nach dem Motto: Fragen Sie, was Sie wollen, ich antworte darauf, so gut, ich kann, oder so gut, ich möchte. Es war relativ einfach, mit ihm zu reden.

Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesprochen?

Das war ziemlich genau vor einem Jahr. Ich habe ihm in seinem Büro in der Berliner Schlosspark-Klinik, in der er ja als Chefarzt arbeitete, gegenüber gesessen. Es war genau an dem Tag, an dem Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Vorsitzenden gewählt wurde. Ich kann mich erinnern, dass unser Gespräch damals immer wieder unterbrochen wurde, weil er starkes Interesse daran hatte, am Fernseher zu verfolgen, ob es Kramp-Karrenbauer gelingt, den CDU-Vorsitz zu ergattern.

Fritz von Weizsäcker war in einer anderen Partei als sein Vater

Er war ja ein politisch interessierter Mensch.

Er war von Haus aus ein Liberaler, was sich auch in seiner Mitgliedschaft in der FDP ausgedrückt hat. Die Weizsäckers der Nachkriegsgeneration haben unterschiedliche Versuche unternommen, Fuß in Parteien zu fassen. Das ging von der CDU über die SPD bis hin zur damals sogenannten Dritten Kraft, der FDP. Und Fritz von Weizsäcker war ein FDP-Mann, und zwar ein aktiver.

War das ein Problem für seinen Vater Richard von Weizsäcker, dass sein Sohn in einer anderen Partei war als in der CDU?

Soweit ich weiß, war das für seinen Vater überhaupt kein Problem, weil Richard von Weizsäcker ja selbst lange Zeit nach der richtigen Partei für sich gesucht hat. Ich weiß von Richard von Weizsäcker, dass er ebenso gut in die SPD hätte eintreten können. Da haben auch Zufälle eine Rolle gespielt. Er sagte mir einmal, dass er die CDU ausgewählt hatte, weil diese ihm am wenigsten fremd war.

Wie war das Verhältnis zwischen Vater und Sohn?

Meine allererste Begegnung mit Fritz von Weizsäcker hat mir in den ersten Augenblicken den Atem verschlagen.

Warum das?

Weil mir ein Mann gegenüber trat, von dem ich das Gefühl hatte, dass er ein Widergänger Richard von Weizsäckers war. Diese Ähnlichkeit war frappierend. So weit das Äußere. Ich kann mich aber auch erinnern, dass Richard von Weizsäcker, aber auch die vielen Cousins und Cousinen, die Onkel und Tanten Fritz von Weizsäcker als einen sehr unkomplizierten, aber auch sehr zupackenden Menschen beschrieben haben. So war das entscheidende Motiv für Fritz von Weizsäcker, Medizin zu studieren, dass sein seit vielen Jahren und Jahrzehnten an Krebs erkrankter Bruder Andreas unbedingt gerettet werden sollte. Fritz von Weizsäcker hatte sich ausgemalt, er könne so viel medizinisches Know-how erwerben, dass er höchstpersönlich seinen Bruder vor dem Tod erretten kann, was dann ja letztlich leider nicht geschehen ist (Andreas von Weizsäcker starb 2008 an Krebs, d. Red.). Fritz von Weizsäcker ist nun von vier Kindern der Präsidentenfamilie bereits der zweite Sohn, der gestorben ist.

Und die Mutter Marianne von Weizsäcker lebt ja noch und muss dieses schlimme Ereignis nun miterleben.

Ja. Das sind schwere Tage, das kann man sich vorstellen.

Können Sie ermessen, wie die Familie nun mit der Trauer umgeht?

Da habe ich eine gewisse Scheu, wie Sie sich denken können. Andererseits ist mir bei der Beschreibung der Geschichte der Weizsäckers in den vergangenen 200 Jahren eines aufgefallen: Dass die Familie, was Opfer anbelangt – es sind ja auch viele Weizsäckers in den Kriegen umgekommen – immer eine hochdisziplinierte Haltung hatte, mit der Trauer um ihre dahingegangenen Söhne und Töchter fertig zu werden. Solche Schicksalsschläge zu verkraften verlief in dieser Familie immer sehr diszipliniert und im Letzten nach innen gewendet.

Die nachgeborenen Weizsäckers haben ein gesundes Selbstbewusstsein

Wie war das Verhältnis von Fritz von Weizsäcker zu seinen Geschwistern?

Soweit ich das weiß, unkompliziert. Man hat übereinander gelästert, aber letztendlich großen Wert darauf gelegt, als eine geschlossene Einheit wahrgenommen zu werden. Fritz von Weizsäcker sagte mir einmal: „Wir sind zunächst erst einmal wir. Alle Bedrohungen, die von außen kommen, werden gemeinsam abgewehrt. Was aber nicht heißt, dass wir nicht untereinander unterschiedliche Auffassungen haben und die auch mit Verve austragen.“

Für Nachkommen solch herausragender Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker und dessen Bruder, der Wissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker, ist es oft ja schwierig, einen eigenen Platz im Leben zu finden. Wir wissen etwa von den Kindern von Thomas Mann, wie schlimm das ausgehen kann. Wie ist das bei den Kindern der Weizsäckers?

In ihrem Blick auf die Generationen, die vor ihnen gelebt haben, sind die Nachkommen mit einem gesunden Selbstwertgefühl ausgestattet. Gerade der nun getötete Fritz von Weizsäcker hat sich in einem Gedankenexperiment einmal Folgendes gefragt: „Hätten wir nachgeborenen Weizsäckers zu den Zeiten unserer Vorväter genauso abgeschnitten wie unsere Vorfahren, wenn wir vor dieselben Problemkonstellationen gestellt worden wären? Hätten wir das Gleiche geleistet wie die Lichtgestalten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Richard und Carl Friedrich von Weizsäcker?“ Und seine Antwort war: „Ja, wir hätten uns genauso bewährt wie unsere Väter und Vorväter.“

Das klingt sehr selbstbewusst. Das ist dann ja wohl auch eine Erziehungssache, oder?

Ja, natürlich. Die prägenden Merkmale, die man in Zusammenhang mit der Familiendynastie Weizsäcker einsammeln kann, sind genau dieses: starkes Selbstbewusstsein und Urvertrauen in die eigenen Qualitäten.

Das Interesse an den Weizsäckers, das zeigt dieser Todesfall wieder einmal, ist groß. Woher kommt dieses Interesse?

Mein Buch ist entstanden als eine Suche nach der summa summarum erfolgreichsten deutschen Familie der vergangenen 200 Jahre. Sie sind die erfolgreichste Familie wegen der enormen Bandbreite, die sich bei den Weizsäckers zeigt. Sie sind ein ehemaliges Müllergeschlecht, dem dann der Einstieg in die Theologie als Türöffner für höhere Weihen gelang. Dann folgten Medizin, Ökonomie und Ökologie, Physik und Philosophie, alles in einer Familie vereint. Und was den Einfluss auf die Geschehnisse Deutschlands in den unterschiedlichen politischen Systemen vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und die Nazi-Zeit bis zur Bundesrepublik angeht, sind sie schon eine herausragende Familie.

„Nie das Gefühl, dass er bedroht wurde“

Die Polizei prüft nach dem Tod Fritz von Weizsäckers nun auch, ob es Bedrohungen gegen ihn gegeben hat. Konnten Sie in der Richtung irgendetwas beobachten?

Nein. Er war ein überaus höflicher Mensch. Er hat mich nach unserem Gespräch durch alle Gänge der Schlosspark-Klinik begleitet und noch weiter auf den Parkplatz, bis das Taxi kam. Er hat sich da sehr frei bewegt. Ich hatte nie das Gefühl von Angst, Bedrückung oder gar Bedrohung.

Ihr Buch endet damit, dass Sie Fritz von Weizsäckers Interesse für künstliche Intelligenz beschreiben. War das für ihn eine Herzensangelegenheit?

Ja, den Eindruck konnte man gewinnen. Er hat sich während unserer Gespräche auch immer mit etwas beschäftigt, das mit künstlicher Intelligenz zu tun hatte. Am Ende meines Buches steht dieses Beispiel aber auch für etwas anderes: In der Familie Weizsäcker fußte alles auf großen Denkern, auf Kant und Platon und anderen Geistesheroen. Aber die nachfolgende Generation legte auch Wert darauf, dass man bereit und neugierig ist, die großen Entdeckungen von Leben und Welt auch in den moderneren Wissenschaften zu suchen und zu finden. Und dafür stand Fritz von Weizsäcker am nachdrücklichsten von allen Gesprächspartnern der Familie, die ich hatte.

Hans-Joachim Noack ist einer der renommiertesten politischen Biographen in Deutschland. Der Journalist hat Bücher über Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl geschrieben. Vor wenigen Wochen erschien sein Buch „Die Weizsäckers. Eine deutsche Familie“ (Siedler, 432 Seiten, 28 Euro).

Von Kristian Teetz/RND